Special Olympics 2022

Abendblatt-Redakteurin gewinnt im Team Gold für Norderstedt

| Lesedauer: 12 Minuten
Annabell Behrmann
Abendblatt-Redakteurin Annabell Behrmann tritt mit ihrem Tennis-Partner Christian Schlaikier im Unified Mixed Doppel.

Abendblatt-Redakteurin Annabell Behrmann tritt mit ihrem Tennis-Partner Christian Schlaikier im Unified Mixed Doppel.

Foto: privat

Insgesamt zehnmal Gold für die Stadt aus dem Norden. Annabell Behrmann berichtet im Tagebuch von vor Ort. Der Liveblog.

Norderstedt/Berlin. Vom 19. bis zum 24. Juni fanden in Berlin die Nationalen Spiele der Special Olympics für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung statt. 5000 Athletinnen und Athleten kämpften in 20 Sportarten um Medaillen. Mit dabei sind auch 15 Sportler aus Norderstedt. Darunter auch Abendblatt-Redakteurin Annabell Behrmann, die mit ihrem Tennis-Partner Christian Schlaikier im Unified Mixed Doppel antrat – ein Team bestehend aus einem Menschen mit und ohne Beeinträchtigung.

Hier berichtet Annabell Behrmann in einem Tagebuch von den Special Olympics in Berlin:

24. JunI: Abschlussfeier am Brandenburger Tor

Am Freitagabend wurden die Special Olympics 2022 in Berlin mit einer großen Abschlussfeier am Brandenburger Tor beendet. " Wir danken allen Beteiligten für die tolle Zeit! Wir freuen uns auf die Special Olympics World Games Berlin 2023 und die Nationalen Winterspiele 2024 in Thüringen", schrieb das Team der Special Olympics Schleswig-Holstein dazu auf Facebook.

23. Juni: Abendblatt-Redakteurin gewinnt im Team Gold für Norderstedt

Annabell Behrmann: "Die Emotionen, die ich in den letzten Tagen erleben durfte, sind nur schwer in Worte zu fassen. Christian und ich hatten im Finale um die Goldmedaille drei Matchbälle. Als unsere Gegner den letzten Ball ins Netz schlugen, sind uns vor Freude einfach nur die Tränen übers Gesicht gelaufen. 4:1, 5:3 haben wir das Endspiel gewonnen. Niemals hätten wir uns erträumt, Gold für das Team Norderstedt zu holen. Für Christian freut es mich ganz besonders – er war so ein liebenswerter, lustiger Partner an meiner Seite."

Behrmann: "Das Miteinander, das bei den Special Olympics gelebt wird, ist einzigartig. Jeden Abend saßen wir als Team Norderstedt noch einmal zusammen und haben von unserem Wettkampftag berichtet. Jede Medaille wurde bejubelt. Wie sich die Menschen so ehrlich und von Herzen füreinander freuen, war so schön zu sehen. Insgesamt hat das Team neunmal Gold, viermal Silber und fünfmal Bronze gewonnen.

Meine Eltern haben uns als Coaches nach Berlin begleitet und zum ersten Mal den Geist von Special Olympics erlebt. Die Veranstaltung und die Menschen sind wie ein Virus – kommt man einmal in Kontakt, ist man sofort infiziert. Von den Erfahrungen, die wir dort sammeln durften, werden wir noch lange zehren. Danke für diese unglaubliche Zeit."

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21. Juni: Valentina Beck gewinnt Gold bei Special Olympics

Annabell Behrmann: "Für Christian und mich sind die Klassifizierungsspiele im Unified Mixed Doppel am Dienstagabend beendet. Unsere Bilanz: Sechs Matches haben wir gespielt, bis auf eines alle gewonnen. Lustigerweise hat gerade das Spiel am meisten Spaß gemacht, das wir verloren haben. Das beweist mal wieder: Am Ende geht es vor allem um die Freude auf dem Tennisplatz. Am Mittwoch starten nun die Finalrunden. Die langen Tage zehren an uns, die Aufregung verkürzt die Nächte. Die tolle Gemeinschaft lässt uns aber weiterkämpfen. In einer Dreiergruppe spielen wir um Gold. Das Tolle: Schon jetzt hat jedes Doppel eine Medaille sicher.

Was für Glücksgefühle so ein rundes Stück Metall auslösen kann, durften Christian und ich am Dienstagabend erleben: Valentina Beck hat für das Team Norderstedt auf ihrem Dreirad über 1 Kilometer Gold gewonnen – und war so stolz, dass sie die Medaille den ganzen Abend um den Hals trug. Ich würde nicht ausschließen, dass sie sie auch in der Nacht zum Schlafen nicht abgelegt hat. Ebenfalls für Norderstedt holten Carsten Fröck und Helge Pfaff auf ihren Rennrädern Gold und Silber im Einzelzeitfahren über 5 Kilometer. Da wir den gesamten Tag auf der Tennisanlage verbringen, bekommen wir von den anderen Wettkampfstätten leider nicht viel mit. Wenn sich Leichtathleten, Radrennfahrer und Tennisspieler am Abend aber zum Essen wiedertreffen, wird jedes Ergebnis gemeinsam gefeiert."

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20. Juni: Klassifizierungsspiele – und eine überehrgeizige Mutter

Annabell Behrmann: "Von Sonntag auf Montag habe ich kaum geschlafen, so aufgeregt war ich. Christian ging es ähnlich, er lag ab 5 Uhr hellwach in seinem Bett. Am Montag sollten wir unsere ersten Matches als Unified Mixed Doppel spielen – dabei treten ein Mensch mit und einer ohne Behinderung gemeinsam als Team an. Nachdem es bis zum frühen Nachmittag durchgeregnet hatte, konnten wir endlich auf den Platz. Ich spiele seit 20 Jahren Tennis, habe schon viele Punktspiele hinter mir – aber bei den Special Olympics an Christians Seite teilnehmen zu dürfen, ist mit keinem anderen Wettbewerb zu vergleichen.

Von Montag bis Mittwoch laufen sogenannte Klassifizierungsspiele – anhand der Ergebnisse werden wir für die Finalrunden am Donnerstag und Freitag in homogene, gleich starke Gruppen eingeteilt. Alle Athletinnen und Athleten sollen Spaß haben. Zwar möchte jeder gewinnen. Aber die Freude und das Miteinander stehen im Fokus. Das macht die Special Olympics aus. Deswegen wird auch sehr darauf geachtet, dass die Unified Teams untereinander harmonieren. Es sollen keine 'Einzel mit Behinderung' sein. Sollte der nicht behinderte Spieler seinen Partner außen vor lassen, wird das Team disqualifiziert.

Bei unserem zweiten Match ist der Special-Olympics-Gedanke leider zu kurz gekommen – die Athleten mit Behinderung freuen sich füreinander, egal, wer gewinnt oder verliert. Ein paar haben aber ihre teils überehrgeizigen Eltern mitgebracht. Anstatt sich über das Geschenk zu freuen, mit ihrem geistig beeinträchtigten Sohn an so einem tollen Wettbewerb teilnehmen zu dürfen, war seine Mutter – milde ausgedrückt – etwas genervt, nicht gewonnen zu haben. Auf den allermeisten Plätzen war aber die pure Freude zu sehen - so sollte es sein. Wir konnten unsere beiden ersten Spiele gewinnen. Am Dienstag geht es weiter …"

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19. Juni: „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“

Annabell Behrmann: „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“ – der Song von den Toten Hosen wurde schon auf etlichen Hochzeiten, Geburtstagsfeiern oder zu später Stunde in Kiezkneipen gespielt und mitgegrölt. Für manche hat sich der Klassiker abgenutzt. Ich habe ihn selten so ehrlich und inbrünstig mitgesungen wie am Sonntagabend bei der Eröffnungsfeier der Nationalen Spiele der Special Olympics im Stadion An der Alten Försterei.

Wir Athletinnen und Athleten und unsere Coaches und Betreuer hatten Plätze auf dem Rasen im Innenraum des Stadions, wo normalerweise Bundesligist Union Berlin seine Fußball-Heimspiele austrägt. Es herrschte eine ganz besondere Atmosphäre. Eine Mischung aus Vorfreude, Glück und Aufregung. Menschen, die sich schon von anderen Special-Olympics-Veranstaltungen kannten, lagen sich zum Wiedersehen in den Armen."

Behrmann: "Ich darf zum ersten Mal bei den Spielen dabei sein, genauso wie meine Eltern, die uns als Coaches unterstützen. Wir wurden sofort herzlich in der Gemeinschaft aufgenommen. Dürfen zum Team Norderstedt gehören. Zur großen Special-Olympics-Familie. Ich spüre einfach nur pure Dankbarkeit dafür. Und ich kann es nur immer wieder sagen: Es geht um so viel mehr als Sport.

Ein besonderer Moment war es, als zwei Athleten gemeinsam die „olympische“ Fackel ins Stadion trugen und die Flamme entzündeten. Leenke hat den ganzen Abend spaßeshalber Taschentücher an uns verteilt, damit wir unsere Tränen trocknen können – nun wischte sie selbst ihre Augen trocken. Es klingt nach einer Insel der Glückseligkeit, nach einem Schlaraffenland. Natürlich gibt es Vieles, das sich verbessern muss. Die Bedürfnisse von Menschen mit einer Beeinträchtigung sollten noch viel mehr Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft bekommen. Doch an diesem Abend fühlte es sich einfach nach einer heilen Welt an. Wir alle sind glücklich, ein Teil von Special Olympics sein zu dürfen.

Morgen starten die Wettkämpfe …"

19. Juni: Eröffnungsfeier der Special Olympics 2022 in Berlin

Die Special Olympics 2022 sind am 19. Juni mit der Eröffnungsfeier im Stadion An der Alten Försterei in Berlin gestartet. Dabei gab es ein großes Feuerwerk, die Flamme der Veranstaltung wurde entzündet und die Berliner Band Mia trat auf.

Auch das Team aus Norderstedt war vor Ort und hat für das Abendblatt Eindrücke gesammelt:

14. Juni: Vier Tage vor Abreise – erstes Training nach Corona

Annabell Behrmann: "Ein letztes Mal vor den Special Olympics treffen Christian und ich uns zum Traininieren. Wie immer wartet er bereits 15 Minuten vor der vereinbarten Zeit am Tennisplatz. Er ist gerne pünktlich, überpünktlich. Ihm bedeutet der Sport wahnsinnig viel. Ich komme heute hingegen um 19.30 Uhr auf den letzten Drücker aus dem Büro gehetzt und Christian muss mich mit seiner ruhigen, lockeren Art erst einmal runterbringen.

Es ist das erste Mal, dass Christian wieder Tennis spielen kann. Die letzten beiden Wochen ist er ausgefallen – Corona! Kurz vor den Spielen hat es ihn noch erwischt – zum Glück ist er aber rechtzeitig fit geworden. Nicht nach Berlin fahren zu können, hätte uns beiden im Herzen weh getan.

Eineinhalb Jahre haben wir auf dieses besondere Ereignis hintrainiert. Natürlich würden wir gerne eine Medaille mit nach Hause bringen. Aber bei den Special Olympics geht es um so viel mehr. Bei den Wettkämpfen, über die ich bisher als Reporterin berichten durfte, habe ich erlebt, wie sehr sich die Sportler füreinander freuen. Wie sie sich gegenseitig anfeuern, jedem von Herzen den Sieg gönnen. Das ist etwas ganz Besonderes und leider nicht selbstverständlich. Ein Teil dieser Gemeinschaft sein zu dürfen, bedeutet mir die Welt. Ich kann nur jedem Menschen empfehlen, sich von dieser Lebensfreude anstecken zu lassen.

Heute bei der Generalprobe unterstützen uns zwei liebe Mädels aus meiner Mannschaft – und Christian spielt, als hätte es Corona nie gegeben. Seine Aufschläge jagt er über das Netz und trifft nahezu jeden Volley. Aber das Allerwichtigste: Es macht einfach unfassbar viel Spaß. In diesen eineinhalb Stunden auf dem Platz vergesse ich jeglichen Arbeitsstress. Berlin kann kommen – wir sind bereit!"

( mit lag )

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