Moschee Norderstedt

Frühstücken im Café – und dabei in den Gebetsraum blicken

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Claas Greite
Und so soll sie aussehen: Der Entwurf der Norderstedter Eyup Sultan Moschee aus dem Büro von Architekt Selçuk Ünyılmaz.

Und so soll sie aussehen: Der Entwurf der Norderstedter Eyup Sultan Moschee aus dem Büro von Architekt Selçuk Ünyılmaz.

Foto: HA

In Norderstedt wird eine Moschee der ungewöhnlichen Art gebaut. In Minarette kommen Windräder, geheizt wird mit Wasser und Eis.

Norderstedt. In einem eher unscheinbaren Gewerbegebiet in Norderstedt entsteht ein Gebäude, das es so in Deutschland noch nicht gibt - und das nach seiner Fertigstellung wohl auch weltweit seinesgleichen suchen wird. Die Rede ist von der neuen Eyup Sultan Moschee, die derzeit im Süden Norderstedts, an der Grenze zu Hamburg, von der Türkisch-Islamischen Gemeinde gebaut wird.

Auf dem Grundstück an der Straße In der Tarpen 122, gelegen an einem Kreisverkehr, ist ein wuchtiger Betonbau entstanden. „Der Rohbau ist zu 80 Prozent vollendet. Im August, September soll er fertig sein“, sagt Architekt Selcuk Ünyilmaz. Etwa in einem Jahr werde das Gebäude dann fertig sein.

Moschee Norderstedt: Auch der britische „Guardian“ berichtete

Das Projekt zog schon in seiner Planungsphase, vor mehr als zehn Jahren, eine Menge Aufmerksamkeit auf sich. Grund ist Ünyilmaz’ spektakulärer Entwurf. Da ist zum einen die Architektur: Das Gebäude wird ein Kubus, durchzogen in seinem Dach von einer Träne aus Glas – dazu viel ornamentiertes Glas und die Worte „Friede“, „Reue“ und „Glaube“ in deutscher, englischer und arabischer Sprache auf der Fassade.

Unter der Glaskuppel sollen 200 Menschen gleichzeitig beten können. Ebenso besonders ist das Energiekonzept. In den Minaretten werden Windkraftanlagen integriert sein. Sogar die britische Tageszeitung „The Guardian“ berichtete über das Vorhaben. Ünyilmaz ist immer noch stolz auf die Pioniertat: „Eine Moschee mit so einem Energiekonzept gibt es weltweit nicht.“

Ukraine-Krieg sorgte für Verzögerungen im Bau der Moschee

Die Windräder sind nur ein Teil der innovativen Energieversorgung. Auf das Dach kommen Solarpaneele, die auch zwei Tanksäulen für E-Autos mit Strom versorgen werden. Das vielleicht ungewöhnlichste Element des Energiekonzepts soll im Keller des Gebäudes Platz finden. Hier wird ein großes Bassin gebaut. Das Wasser – mal flüssig, mal gefroren – wird als eine Art Wärmespeicher verwendet.

Die sogenannte Eisspeicher-Technik funktioniert mit Wärmepumpen. „Wir verwenden die Luft aus dem Gebäude. Im Winter heizen wir mit der Wärme des Sommers, im Sommer kühlen wir das Gebäude mit Winterkälte“, umreißt Ünyilmaz das Konzept.

Norderstedt: Baukosten für Moschee steigen deutlich

Nach jahrelanger Planung wurde im Herbst 2020 der Grundstein gelegt. Danach kam es zu einigen Schwierigkeiten und Verzögerungen. Ünyilmaz: „Durch die Corona-Pandemie hatten wir massive Probleme mit der Materialbeschaffung. Dann kam noch der Krieg in der Ukraine dazu, der wieder für logistische Lieferengpässe gesorgt hat.“

Das habe auch für Kostensteigerungen gesorgt. Dazu Ömer Cevikol, zweiter Vorsitzender der Gemeinde: „Wir hatten vier Millionen Euro Baukosten kalkuliert. Jetzt werden es wohl fünf bis sechs.“ Die Kosten könnten nur dadurch im Rahmen gehalten werden, dass viele der Bauunternehmer Einkaufs-Rabatte an die Gemeinde weiterreichen und auch sonst die Kosten sehr moderat kalkulieren.

Finanziert wird das Projekt von Anfang an durch Spenden. Die kämen übrigens von Gläubigen aus Deutschland, „wir haben keinen Finanzier aus dem Ausland“, betont Architekt Selcuk Ünyilmaz.

Architekt spricht von einem „interreligiösen Begegnungszentrum“

Derzeit nutzt die Gemeinde, die etwa 320 Mitglieder hat und neben Norderstedt auch die Hamburger Stadtteile Langenhorn, Poppenbüttel und Hummelsbüttel umfasst, einen Container auf dem Grundstück sowie ein älteres rotes Backsteingebäude.

Die frühere Moschee, ein baufälliges Gebäude, das einst eine Kneipe beherbergte, wurde 2019 abgerissen. Ist der Neubau fertig, soll auch das rote Backsteingebäude abgerissen werden. Dann wird das Grundstück umgestaltet, rund um die Moschee soll eine Art Park entstehen, außerdem Autostellplätze.

Neben den überwiegend türkischstämmigen Gläubigen kommen auch Muslime aus Afrika, Afghanistan und Syrien zu den Gebeten und Veranstaltungen der Gemeinde. Ömer Cevikol betont: „Wir sind eine sehr offene Gemeinde.“ Und genau das soll auch in dem neuen Gebäude gelebt werden, das – wie Cevikol und Ünyilmaz betonen – weit mehr als eine Moschee sein soll. Ünyilmaz spricht von einem „sozio-religiösen Gebäude“, er sagt auch, dass es ein „interreligiöses Begegnungszentrum“ sein werde.

Moschee: Vom Café aus in den Gebetsraum blicken

Wie genau das aussehen soll, zeigt er bei einem Gang durch den Rohbau. „Hier, im Erdgeschoss, wird ein Café einziehen.“ Absichtsvoll soll es eine Filiale einer bekannten Kette sein, „um die Hemmschwelle der Nachbarschaft zu verringern.“ Jeder solle hier „entspannt sein Mittagsbrötchen oder seinen Börek essen können.“ Durch die offene Wand werde man direkt in den Gebetsraum blicken können.

Auf den Betonstufen geht es in den Keller hinab. „Hier wird ein Multifunktionsraum sein, für Sport und Veranstaltungen.“ Einen Raum weiter werde die Kantine Platz finden, in der es dann auch Essen für Bedürftige geben soll. Ganz hinten im Keller befinde sich dann hinter einer langen Glasfront der Eisspeicher. „Diese Technik wollen wir zeigen. Und wir wollen hier auch Informationsveranstaltungen zu dieser umweltfreundlichen Technik machen.“

In den oberen Etagen, die noch nicht betreten werden können, sollen dann die Wohnung des Imams sowie Schulungsräume untergebracht sein. Viele der Angebote der Gemeinde, die es jetzt schon gibt, werden hier Platz finden. Ömer Cevikol gibt einen Einblick: „Wir machen Nachhilfeunterricht für Kinder, beispielsweise in Musik.“ Ünyilmaz ergänzt: „Es gibt auch Frauen-Projektgruppen. Frauen, die häusliche Gewalt erfahren, haben hier ihre erste Anlaufstelle.“ Und am Wochenende gebe es Religionsunterricht, sagt Cevikol – und betont, dass er damit nicht nur den Koran meint.

Moschee Norderstedt: In Gebäude zieht auch Supermarkt ein

Das 1800 Quadratmeter große Gebäude soll auch Platz für einen kleinen Supermarkt bieten. Ein weiterer Grund für Menschen jeder Herkunft und Religion, auf das Gelände zu kommen. Supermarkt und Gastronomie sind wichtige Anziehungspunkte, mit denen die Gemeinde ihre Offenheit zeigen will.

Dafür gibt es auch einen anderen Hintergrund: Die Gewerbebetriebe werden benötigt, um den Betrieb des Gebäudes zu finanzieren. Anders als katholische oder evangelische Gemeinden, die sich über Kirchensteuern finanzieren, leben islamische Gemeinden nur von Spenden und Mitgliedsbeiträgen.

Eine Idee, wie die Einweihung gefeiert werden solle, gibt es noch nicht. Wie er, Ünyilmaz, sie sich vorstelle? „Pompös!“, sagt der Architekt und lacht.

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