Norderstedt. Wie Pia Kujath den Wunsch von Kindern nach kreativem Arbeiten unterstützt.

Handarbeitsunterricht. Gibt’s schon lange nicht mehr als Pflichtangebot an den Schulen. Generationen von Jungen und Mädchen wurden im letzten Jahrhundert genötigt, mit der Strickliesel Wollwürste zu fertigen. Oder auf der Nähmaschine krude Kleidungsstücke zu nähen. Und mit Stricknadeln Topflappen zum Muttertag zu verbrechen. Irgendwann wurde dieses antiquierte Konzept aus den Klassenzimmern verbannt – nicht zuletzt, weil sich Jungen wie Mädchen in unzeitgemäße Rollenklischees gedrängt fühlten.

Doch Jahrzehnte später sieht die Sache ganz anders aus. Handarbeit ist in, aber sowas von. Nicht nur, weil es kreativ ist, weil es bei der unverwechselbaren Selbstverwirklichung hilft. Auch, weil es – egal ob männlich, weiblich, divers – ziemlich uncool ist, wenn man noch nicht mal einen Knopf annähen kann. Selbst Hollywood-Stars nähen, klöppeln und häkeln. Influencer häkeln um die Design-Krone auf allen Sozialen Medien. Und ist es nicht in unserer zu kritisierenden Wegwerfgesellschaft quasi Bürgerpflicht, seine Klamotten ausbessern zu können oder durch ein paar simple Kniffe wieder up to date zu machen?

Den Kursus für Handarbeit wünschten sich die Kinder

Mit Spaß vermittelt Pia Kujath Emma und anderen Grundschulkindern den Umgang mit der Nähmaschine. (
Mit Spaß vermittelt Pia Kujath Emma und anderen Grundschulkindern den Umgang mit der Nähmaschine. ( © BEB Norderstedt

Wer auf diese Frage mit ja antwortet, der rennt bei Pia Kujath in Norderstedt offene Türen ein. Die Frau ist eine Virtuosin an der Nähmaschine, kennt die Strickliesel persönlich und ist für alle Handarbeiten zu haben. „In meiner Schulzeit hatten wir noch Handarbeitsunterricht – den gibt es heute leider nicht mehr“, sagt Kujath. Aber es gibt eben wieder ganz viel Interesse bei Jungen und Mädchen für das Thema Handarbeit. Und deswegen ist Kujath bei der städtischen Gesellschaft Bildung-Erziehung-Betreuung (BEB) die Frau für Nadel und Faden. Die BEB organisiert im Auftrag der Stadt die Nachmittagsbetreuung und seit drei Jahren bietet Kujath Nähkurse für die Kinder an – was auch auf ausdrücklichen Wunsch der Kinder geschah.

Zum Beispiel an der Grundschule Niendorfer Straße. „Pia, komm’ bitte mal, die Gracia spinnt mal wieder“, ruft die Schülerin Emma quer durch den Kreativraum der Schule. Pia Kujath eilt zu der Neunjährigen und ihrer widerspenstigen Nähmaschine und zeigt, wie sich der verhedderte Faden wieder befreien lässt. Pia Kujath bringt den Dritt- und Viertklässlern Grundlagen und Tricks rund um den Umgang mit Stoffen, Nadeln und Nähmaschine bei. „Ich bin keine Vorturnerin, die Kinder sollen eigene Ideen verwirklichen, ich setze nur Impulse.“

Annabell träumt davon, ihr eigenes Hochzeitskleid zu entwerfen

Niobe präsentiert ihre Design-Kollektion aus dem Nachmittagsprojekt.
Niobe präsentiert ihre Design-Kollektion aus dem Nachmittagsprojekt. © BEB Norderstedt

Als Erstes machen die angehenden Junior-Designerinnen und -Designer den Nähmaschinenführerschein, bei dem ohne Faden auf Papier genäht wird, Schnittmuster übertragen, Nadeltausch und Wattefüllungen geübt werden. Dann geht es ans Schneidern.

„Ich träume davon, mein eigenes Hochzeitskleid zu entwerfen und zu nähen“, sagt Annabell. Und die Zehnjährige hat bereits einen klaren Berufswunsch: „Ich möchte Direktrice werden.“ Auch Niobe liebt es, mit Stoff kreativ zu werden. „Das Schwierigste ist das Zuschneiden und das Ausrechnen der Nahtzugabe“, referiert die Zehnjährige. „Der Unterricht macht ganz viel Spaß und wenn mal etwas nicht so klappt, rettet Pia alles“, ruft Samira und wählt aus den gespendeten Stoffen ein Streifenmuster für ihr nächstes Projekt – eine Wendetasche soll es werden.

Die Kinder sind stolz, wenn sie Selbstgemachtes nach Hause tragen

Kuschelig-weich und selbstgemacht: Samira ist stolz auf ihr Eisbärkissen.
Kuschelig-weich und selbstgemacht: Samira ist stolz auf ihr Eisbärkissen. © BEB Norderstedt

„Ich bin erstaunt, mit welchem hohem Anspruch die meisten Kinder an die Sache herangehen. Da wird auch mal eine Naht mehr aufgetrennt, damit das Werkstück später perfekt ist“, sagt Pia Kujath mit Genugtuung über ihre Schützlinge. „Mir geht das Herz auf, wenn die Kids stolz auf ihre Arbeiten sind und fertige Sachen mit nach Hause nehmen.“

Und die können sich sehen lassen. Selbstbewusst präsentieren die Mädchen ihre Schätze: Eisbär-Kuschelkissen, dekorative Stoffhühner, funktionale Nadelkissen, bunte Blumenbroschen, stylische Taschen und nützliche Krimskramsbüdel.

Für die kreativen Nähkurse von Pia Kujath gibt es derzeit mehr Nachfrage als Angebot. „Wir haben eine Warteliste und würden gerne mehr Kindern das kreative Arbeiten ermöglichen“, sagt Kujath. Aber es fehlt einfach an der Ausstattung. Aktuell stünden für den Nachmittagskursus nur vier gespendete Nähmaschinen zur Verfügung. Gesucht werden also Spenderinnen oder Spender. „Vielleicht steht hier oder da eine Maschine herum, die nicht mehr benötigt wird“, sagt Pia Kujath.

Wer das Projekt unterstützen möchte, wendet sich bitte an die BEB-Geschäftsstelle, 040/64 66 33 00 oder an mail@beb-norderstedt.de