Norderstedt

„Kitas verkommen zu reinen Verwahranstalten“

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Burkhard Fuchs
Etwa 200 Erzieherinnen und Erzieher aus Norderstedt und Henstedt-Ulzburg trafen sich zu Protestzug und Kundgebung an der Rathausallee Norderstedt.

Etwa 200 Erzieherinnen und Erzieher aus Norderstedt und Henstedt-Ulzburg trafen sich zu Protestzug und Kundgebung an der Rathausallee Norderstedt.

Foto: Burkhard Fuchs

Erzieherinnen und Erzieher demonstrierten lautstark in Norderstedt. Was sie aus ihren Einrichtungen berichten, bereitet Eltern Sorge

Norderstedt.  Mit Pauken, Trompeten und Trillerpfeifen demonstrierten am Donnerstagvormittag gut 200 Erzieherinnen, Erzieher und Sozialarbeitende von etwa 20 kommunalen Einrichtungen vor allem aus Norderstedt und Hen­stedt-Ulzburg lautstark in Norderstedt. Die Gewerkschaft Ver.di hatte zum zweitägigen Warnstreik und einer Kundgebung in Norderstedt aufgerufen.

Ziel sei es, dass die Sozial- und Erziehungsdienste im Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes (TVÖD) besser gestellt werden, erklärte Ver.di-Landesfachbereichsleiterin Sabine Kaiser. „Die Kolleginnen und Kollegen brauchen endlich Entlastung durch mehr Personal, um mehr Zeit für die pädagogische Betreuung der Kinder zu haben.“

Die Rathausallee in Norderstedt war für den Kita-Protest gesperrt

Diese Forderungen hatten die Mitstreikenden klar und deutlich auf Plakate geschrieben. Darauf hieß es: „Gute Arbeit = guter Personalschlüssel“ oder „Ich kann gar nicht so schlecht arbeiten wie ich bezahlt werde“ oder ganz kreativ: „Eine Erzieherin ist wie ein Dessous: Spitzenqualität für ein Hauch von nichts.“

Für eine gute Viertelstunde wurde jeweils eine Fahrbahn der Rathausallee von der Polizei gesperrt, damit der Demonstrationszug ungehindert vom Moorbekpark zum Rathaus und wieder zurück marschieren konnte. Die kleine Jazz-Combo Super-Rabatzki aus Kiel führte den Zug mit rhythmischen Jazz-Klängen („Sunny“) an, sodass einige Wochenmarktbesucher erstaunt und erfreut stehen blieben und leicht im Takt mittanzten.

Doch zum Spaß war den überwiegend weiblichen Teilnehmenden der Demo ganz und gar nicht zumute. „Wir brauchen endlich eine vernünftige Erzieherinnen-Ausbildung“, forderte Tanja Krey von der Kita am Wöddel in Hen­stedt-Ulzburg, wo zwölf Erzieherinnen 90 Kinder betreuen. Die meisten Kolleginnen hätten eine drei- und zum Teil sogar fünfjährige schulische Ausbildung absolviert, die nicht bezahlt worden sei.

Von der staatlich anerkannten Praxisintegrierten Ausbildung (PiA), die dagegen bezahlt werde, gebe es viel zu wenige Plätze. Bislang hat das Land die Forderung der Norderstedter Politik, im Kreis eine zweite Schule für Erzieherinnen neben der in Bad Segeberg einzurichten, abgelehnt.

Personalknappheit hat sich wegen Corona noch verschärft

Zudem hätten die Erzieherinnen viel zu wenig Zeit, um ihre pädagogische Arbeit mit den Kindern vor- und nachzubereiten, erklärt Ver.di-Sekretärin Annette Falkenberg. Dafür stünden ihnen nur fünf Stunden in der Woche zu. „So verkommen die Kitas zu reinen Verwahranstalten, die ihrem Anspruch und Bildungsauftrag nicht gerecht werden können“, ergänzt Ver.di-Kollegin Kaiser. Die Personalknappheit, die sich im Zuge der Corona-Krise noch verschärft habe, führe dazu, dass der Betreuungsschlüssel von zwei Mitarbeitern für 20 Kinder oft nicht eingehalten werden könne, berichtet Erzieherin Catharina Specht von der Kita Beckersberg in Henstedt-Ulzburg, in der mehr als 200 Kinder betreut werden. „Wenn es schlecht läuft, muss sich eine Erzieherin wochenlang allein um 20 Kinder kümmern.“

Statt diesen Missstand zu ändern, wollten die kommunalen Arbeitgeber jetzt sogar die Gruppengrößen in den Kitas auf bis zu 25 Kinder ausweiten, kritisiert Ver.di-Sprecherin Annette Falkenberg. Weil durch den Krieg in der Ukraine jetzt so viele Mütter mit kleinen Kindern hierher geflüchtet sind. „Dabei werden in Finnland nur sieben Kinder von einer Erzieherin betreut“, nennt sie ein positives Beispiel das beschreibt, welchen Stellenwert der Kinderbetreuung in Skandinavien eingeräumt wird.

Die Bezahlung der Kita-Belegschaft sei ungerecht verteilt

Auch innerhalb der Belegschaft sei die Bezahlung ungerecht verteilt, betonte die Ver.di-Sekretärin. So bekäme eine sozialpädagogische Assistenz im Durchschnitt rund 400 Euro weniger Bruttogehalt im Monat als vollwertige Erzieher oder Erzieherinnen, obwohl sie die gleiche Arbeit verrichte.

Darüber ärgert sich auch Norderstedts Kita-Leiterin Andrea Scherbarth, die mit 22 Kolleginnen 110 Kinder in der Pellwormstraße betreut. „Dieser Unterschied muss angeglichen werden. Wir brauchen eine Aufwertung unserer Arbeit und mehr Personal, Zeit und Kraft.“

Die Eltern der betreuten Kinder würden die zweitägige Schließung der kommunalen Kitas wegen des Warnstreiks solidarisch begleiten, freut sich Kita-Leiterin Scherbarth. „Die Eltern respektieren unsere Forderungen und stehen voll hinter uns. Einige haben uns heute Morgen Bonbons vorbeigebracht und aufgemuntert, dass sie uns unterstützen.“

Am kommenden Montag werden die Verhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern in Potsdam fortgesetzt. „Wir erwarten, dass die Arbeitgeber die Signale der Kolleginnen und Kollegen ernst nehmen und endlich mit uns konstruktiv an Lösungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Maßnahmen gegen Fachkräftemangel und einer Aufwertung der sozialen Berufe arbeiten“, sagt die Ver.di-Sekretärin Annette Falkenberg.

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