„Schule der Vielfalt“

Erste Schule in Norderstedt führt „All-Gender-Toiletten“ ein

| Lesedauer: 5 Minuten
Claas Greite
Weihten das neue geschlechtsneutrale stille Örtchen ein: Norderstedts Stadtpräsidentin Kathrin Oehme (links) und Bürgermeisterin Elke Christina Roeder.

Weihten das neue geschlechtsneutrale stille Örtchen ein: Norderstedts Stadtpräsidentin Kathrin Oehme (links) und Bürgermeisterin Elke Christina Roeder.

Foto: Funke Medien/Claas Greite

Willy-Brandt-Schule ist jetzt Schleswig-Holsteins erste „Schule der Vielfalt“. Wie die Toilette bei Eltern und Lehrern ankommt.

Norderstedt. Es ist eine Neuerung, die für Gesprächsstoff sorgen dürfte. Als erste Schule in Norderstedt führt die Willy-Brandt-Schule jetzt „All-Gender-Toiletten“ ein. Im Trakt der fünften Klassen können junge Menschen nun einen stillen Ort finden, den jeder im Fall der Fälle besuchen darf – Mädchen, Jungen und Personen, die sich keinem dieser beiden Geschlechter zuordnen. Eine weitere geschlechtsneutrale Toilette gibt es für Lehrkräfte.

Norderstedter Schule führt geschlechtsneutrale Toilette ein

Die Neuerung – das wird an der Schule betont – ist nur ein Baustein eines großen Vorhabens. Denn die Gemeinschaftsschule möchte insgesamt ein Ort werden, an dem wirklich niemand mehr wegen seiner geschlechtlichen Orientierung oder aus anderen Gründen ausgegrenzt wird. Als erste Schule in Schleswig-Holstein darf sich die Willy-Brandt-Schule jetzt „Schule der Vielfalt“ nennen.

Der Beitritt zu dem bundesweiten Netzwerk, in dem bisher rund 70 Schulen mitwirken, wurde am Montag mit einem Festakt in der Aula besiegelt. Mit dabei waren Elternvertreter, Politiker aus Norderstedt, Stadtpräsidentin Kathrin Oehme und Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder. Letztere beglückwünschte die Schule: „Sie zeigen, dass Norderstedt weltoffen und tolerant ist. Seien Sie stolz darauf und tragen Sie diesen Stolz nach außen.“

Atmosphäre an der Schule oft nicht so tolerant wie erhofft

Eltern hatten die Initiative dazu ergriffen, dass die Schule diesem Netzwerk beitreten solle – was dann schließlich eine Schulkonferenz beschloss. Dazu Matthias Heß, Vorsitzender des Schulelternbeirats: „Kinder haben ihren Eltern erzählt, dass zum Beispiel ein Outing ein Problem sein kann. Und dass das an der Schule nicht richtig thematisiert wird.“ Co-Vorsitzende Anna Molzahn ergänzt: „Wir haben das Thema dann in die Schulkonferenzen gebracht, es gab auch einen runden Tisch mit Schüler:innen der Klassen acht bis 13. Und da kam zum Beispiel heraus, dass ,schwul’ oft noch als Schimpfwort benutzt wird, dass Transsexuelle sich dumme Sprüche anhören müssen.“

Dass die Atmosphäre an der Schule bisher nicht so tolerant sei wie erhofft, bestätigt auch die Schülersprecherin Alexandra Nowacka. Die 18-Jährige geht in die elfte Klasse, sagt von sich: „Ich bin bisexuell, gehe offen damit um. Aber manchmal muss man sich deshalb dumme Kommentare anhören. Die kommen übrigens eher von Jungs als von Mädchen.“ Es gebe außerdem „Eltern, die wenig Berührungspunkte mit dem Thema haben und deshalb zu Intoleranz neigen.“ Schulleiter Thomas Kuhn sagte: „Wir müssen uns mehr mit diesem Thema beschäftigen, lernen, wie wir sensibler damit umgehen können.“

Möglicherweise gebe es Eltern, die glaubten, ihre Kinder würden so „auf dumme Ideen“ gebracht. Doch diesen hielt er entgegen: „Ich glaube, da kommen wir wirklich zu spät. Das Thema Transgender wurde sogar schon in der Sendung mit der Maus behandelt.“ Anna Molzahn sagte: „Statistiken besagen, dass sich etwa elf Prozent aller Jugendlichen als nicht heterosexuell bezeichnen. Das wären an unserer Schule 77 junge Menschen.“

Elternvertreter: Bisher keine kritischen Stimmen von Eltern

Künftig soll nun darauf geachtet werden, dass sexuelle Toleranz im ganzen Schulleben mitgedacht wird, etwa bei der Gestaltung des Unterrichts. Lehrkräfte sollen Fortbildungen besuchen, außerdem werden Arbeitsgruppen, bestehend aus Schülern und Lehrern, regelmäßig über den Stand der Dinge berichten.

Und die „All-Gender-Toiletten“? Diese seien zwar ein „kleiner Baustein“, wie Thomas Kuhn betont. Aber er sagt auch: „Wir haben hier an der Schule Transgender-Kinder. Einige leben das offen, einige weniger. Es sei aber sehr wichtig, dass diese einen Ort hätten, an dem sie sich wohlfühlen. Kuhn: „Es ist wichtig, denen zu zeigen: ,Es ist O.K., wie ihr seid’.“ Dafür sei die Einrichtung der Toiletten ein symbolischer Akt. So sieht es auch Schülersprecherin Alexandra Nowacka: „Es gibt Kinder und Jugendliche, die sich in Mädchen- oder Jungstoiletten nicht wohlfühlen.“

„All-Gender-Toiletten“ in Norderstedt: Kritik bleibt aus

Stadtvertreter Danny Clausen-Holm, gleichstellungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, war auch beim Festakt. Er sagte: „Die heutige Generation junger Menschen zeigt ihre Vielfalt und Diversität wesentlich früher und selbstbewusster, als es zu meiner Zeit der Fall war.“ Die Einrichtung der Toiletten begrüßte er. So sieht es auch Stadtvertreter Arne Mann (CDU), ebenfalls am Montag zu Gast an der Schule. Er betonte auch, dass geschlechtsneutrale Toiletten in Zügen und Flugzeugen ganz selbstverständlich seien.

Kritische Stimmen aus der Elternschaft gab es bisher nicht, wie Matthias Heß sagt. „Das wurde bisher nicht an uns herangetragen.“ Aber er sagt auch: „Dass sowas kommen kann, damit müssen wir wohl rechnen.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt