Geschichte

Das Geheimnis der unbekannten Burg von Norderstedt

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Frank Knittermeier
So wie diese freie Rekonstruktion einer mittelalterlichen Wehranlage in Lütjenburg, bestehend aus Motte (Turmhügel) und Vorburg, könnte auch die Burg in Norderstedt ausgesehen haben.

So wie diese freie Rekonstruktion einer mittelalterlichen Wehranlage in Lütjenburg, bestehend aus Motte (Turmhügel) und Vorburg, könnte auch die Burg in Norderstedt ausgesehen haben.

Foto: Privat

Selbst Heimatforscher wissen nicht, dass am Rande der Ohechaussee die Reste einer frühmittelalterlichen Burg zu finden sind.

Norderstedt.  In den langgestreckten Stallungen an der Ohechaussee treffen sich die Mitglieder des Hamburger Reitervereins, um sich dort um ihre Pferde zu kümmern. Direkt daneben liegt ein Gebäude, das einst unter verschiedenen Namen als Gasthaus bekannt war (erstmals 1513 als „Alte Ohe“, später als „Zur Ohe“ oder „To’n Peerstall“) und heute der HSV-Tanzsportabteilung als Heimat dient. Das alles ist durchaus geschichtsträchtig. Das wahre Geschichtswunder aber liegt knapp hundert Meter hinter den Stallungen am Rande eines kleinen Waldes: Hier ist bei genauem Hinsehen eine „Motte“ zu sehen - ein Bodendenkmal in Form eines kleinen Hügels, der nur bei genauerer Betrachtung als solcher zu erkennen ist. Es ist der Hasenberg, bei dem es sich einst um eine frühmittelalterliche Burganlage handelte.

Man muss schon genau hinsehen, um die Überreste zu erahnen

Eine Burg in Garstedt? Davon haben auch viele heimatkundliche Experten noch nie etwas gehört. In keinem Norderstedter Geschichtsbuch wird über eine frühmittelalterliche Burg berichtet. Susanne Martin und Klaus Dreger von der vor vier Jahren gegründeten Archivwerkstatt Norderstedt sind per Zufall auf dieses Bodendenkmal gestoßen. Dabei ist es durchaus behördlich registriert: Die „Motte“ taucht in der Liste der Bodendenkmale der Stadt Norderstedt auf, die wiederum auf der Bodendenkmalliste des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein von 2016 basiert.

Aber zumindest in Norderstedt hat sich bisher offenbar niemand die Mühe gemacht, das Geheimnis hinter diesem Eintrag in die Denkmalliste zu ergründen. Susanne Martin und Klaus Dreger sind die ersten, die diesem Geheimnis auf der Spur sind.

Tatsächlich gibt es einige Publikationen, die sich mit alten Burgen in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern beschäftigen, aber die Hasenberg-Burg in Norderstedt taucht bisher nicht auf. Das hat viele Gründe.

Die Burg war mutmaßlich ein „Chateau à la motte“

Einer davon liegt auf der Hand: Es ist der Umstand, dass der größte Teil des archäologischen Erbes des Landes unterirdisch verborgen und damit für den Laien kaum erfahrbar ist. „Mit jeder Ausgrabung kann wissenschaftliches Neuland betreten werden“, heißt es in einem Beitrag von Ulf Ickerodt, Eicke Sieglof und Claudia Mandok für das 2013 erschienene Buch „Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein“. Die allerersten Burgen seien – dem Duktus der Zeit zufolge – nur noch mit der „Schabkelle“ zu finden, da von den Holz- Erde-Konstruktionen höchstens unbedeutende Wälle und Erdhügel übrig seien. Wie alt diese Zeugnisse der Vergangenheit sind, lässt sich nur ahnen. Ein Anhaltspunkt: Das Frühmittelalter reicht vom fünften bis zum elften Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Also irgendwann zwischen den Jahren 470 und 1000 mögen diese Burgen entstanden sein.

Der Burgenforscher Thorsten Lemm, der die frühen holsteinischen Burgen untersucht hat, geht davon aus, dass die meisten Anlagen nach 800 nur wenige Jahrzehnte genutzt wurden.

Die Burganlage gehört also zum Typ der Motte. Der Begriff leitet sich von dem französischen Ausdruck „chateau à motte“ ab, denn von Frankreich aus hatte sich der Burgtyp seit dem Frühmittelalter in Europa verbreitet. „Chateau à motte“ heißt übersetzt „Burg aus Erdsoden“. Diese Burgen bestanden im Kern aus einem künstlich aufgeworfenen und von einem Wassergraben umgebenen Erdhügel, darauf ein Turm in Holzbauweise.

Die Anlagen entsprachen also nicht unserem Idealbild einer Ritterburg: Die im Wesentlichen aus Erde errichteten, meist mit Bauten aus Holz und Lehm besetzten Motten sind heute in der Regel stark zerstört, vielfach erodiert, abgetragen oder überbaut, und nur die Hügelaufschüttung, Grabenreste und Fundamentsteine künden noch vom einstigen Wehrbau. Vor diesem Hintergrund ist es schon erstaunlich, dass an der Ohechaussee 442 in Norderstedt tatsächlich noch Reste einer Anlage zu sehen sind.

Aber nur das archäologisch geschulte Auge kann eine leichte Wölbung des Bodens und an der Nordseite den Verlauf des alten Burggrabens erkennen. Wenn die Bäume ringsherum belaubt sind, fällt es noch schwerer, irgendetwas zu entdecken. Täglich werden hier viele Reitpferde vorbeigeführt, aber vermutlich keinem der Reiterinnen und Reiter sind die schemenhaften Überreste der Burg je aufgefallen.

Christoph Unglaub von der Abteilung Praktische Archäologie für die Kreise Herzogtum Lauenburg, Ostholstein, Segeberg, Stormarn und der Stadt Neumünster des Landesamtes weiß schon, wovon er redet. Er hat für das Hamburger Abendblatt im Archiv geblättert: „Das Denkmal ist als aKD-Nr. 4491, Norderstedt LA 6 in unseren Akten geführt. Die bisher nicht eingehend archäologisch untersuchte Anlage wurde 1978 unter Denkmalschutz gestellt.“ Nach seinen Angaben war die frühgeschichtliche Burganlage „Hasenberg“ ein quadratisch abgeflachter Erdhügel mit abgesetzten Kanten. Durchmesser 16 Meter , Höhe 0,7 Meter. Auf allen Seiten umgeben von einem 1,5 bis 2 Meter breiten und 0,5 Meter tiefen Graben, der im Nordosten an einen Weg grenzt.

Die Nachbargemeinde ist nach der „Olzeborch“ benannt

Die Burganlage „Hasenberg“ wird als ein landschaftsprägendes Zeugnis der landesgeschichtlich bedeutsamen Epochen des Mittelalters und der Neuzeit eingestuft. Sie hat einen wissenschaftlichem Wert, der als erhaltens- und schützenswert eingestuft wird.

Erstmals aufgefallen war das Denkmal im Zuge der allgemeinen Archäologischen Landesaufnahme durch Ernst Walter Bötel im Jahr 1957. „Oftmals sind solche Denkmale in alten Überlieferungen Bereiche die gemieden wurden, die nicht geheuer waren, wo sich vielleicht Geister herumtreiben konnte und es eben spuken konnte“, sagt Christoph Unglaub.

Die Motten spiegeln im Grunde die funktionale Vielfalt des gesamten spätmittelalterlichen Burgenwesens wider. Ob die Hügel Baulichkeiten trugen, die eine ständige Wohnnutzung ermöglichten, oder der herrschaftliche Wohnbau nicht vielmehr in der Vorburg stand und die Motte nur als Rückzugsort diente, ist umstritten. Neben der Funktion als Wohnsitz des jeweiligen Grundherrn in oder bei seinem Dorf konnten sie auch Kontrollaufgaben für Grenzen, Wege oder anderweitige bedeutende Orte übernehmen.

Die geschichtliche Bedeutung dieser Burganlagen lässt sich in der Norderstedter Nachbarschaft ermessen: Henstedt-Ulzburg hieße heute nicht so, wenn dort im Frühmittelalter nicht die Olzeborch gestanden hätte. Ganz zu schweigen vom mächtigeren Nachbarn im Süden Norderstedts: In Hamburg gab es einst die Hammaburg.

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