Postkarten

Die gute alte Ansichtskarte lebt!

| Lesedauer: 7 Minuten
Wolfgang Klietz
Postcrossing Postkarten Ansichtskarten Ein gekenterter Dampfsegler an der Küste Australiens - das ist die Karte von Dianne.

Postcrossing Postkarten Ansichtskarten Ein gekenterter Dampfsegler an der Küste Australiens - das ist die Karte von Dianne.

Foto: unbekannt

Sich mit fremden Leuten auf der ganzen Welt Karten schreiben? Postcrossing macht‘s möglich – Redakteur Wolfgang Klietz hat es ausprobiert.

Norderstedt . Als ich mich entschloss mitzumachen, stand fest: Ich will Schiffe sehen. Wenn ich Kontakt mit Menschen auf der gesamten Erde haben kann und mir wünschen darf, was bei mir im Briefkasten landet, dann sind es Fotos vom Meer und vom Reisen – Schiffe eben, die als Foto von jeder Ecke des Globus zu mir nach Hause kommen. Keine digitalen Schnipsel, sondern echte Fotos von Frachtern, Fähren und Windjammern, die auf den Weltmeeren kreuzen. Fernweh hoch zwei sozusagen. Jetzt, nach vier Monaten, weiß ich: Postcrossing erfüllt nahezu jeden Wunsch.

Die Online-Plattform verbindet Menschen über Kontinente auf einem klassischen analogen Weg, der fast aus der Mode gekommen ist: Die Nutzer senden einander Postkarten. Die hat früher nahezu jeder verschickt, wenn er auf Mallorca Strandurlaub gemacht hat oder durchs Sauerland gewandert ist. Damals hieß der postalische Gruß noch Ansichtskarte. Meistens begann der Text auf der Rückseite mit „Ihr Lieben“, dann folgten „Es ist wunderschön hier“ und „Wir sind alle schon braun“. Die bunten Fotos waren aus Ländern des Südens oft Wochen unterwegs, sodass sich schnell das Vorurteil entwickelte, in Spanien oder Italien würden die Briefkästen erst geleert, wenn sie voll waren.

Die Zeiten dieser Grüße sind vorbei. Heute sind rasend schnelle Nachrichten mit eigenen Fotos vom Handy über Messenger-Dienste unterwegs, meistens ein bisschen unterbelichtet, dafür vom Absender selbst und nicht selten mit erhobenem Daumen drauf oder dem unvermeidlich Hasenohrengruß mit zwei Fingern.

800.000 Menschen in mehr als 200 Ländern sind dabei

Doch jetzt wird per Hand zu schreiben und Briefmarkenkleben wieder modern. Postcrossing hat es geschafft, den Austausch von Postkarten wiederzubeleben und zwar global. Mehr als 800.000 Menschen in mehr als 200 Ländern haben sich angemeldet und schreiben einander.

Ein Zufallsgenerator der App wählt die Adressen aus; für jede verschickte Karte kommt eine zurück. Die meisten kommen aus Russland und Taiwan, gefolgt von China und den USA. Länder, die sich politisch nicht gerade nahe stehen, sind somit auf den Spitzenplätzen von Postcrossing friedlich vereint und damit auch ihre Postkartenschreiber, die sich nicht um Großmachtgehabe, Systemrivalität und Selbstbehauptung scheren, sondern einander freundliche Grüße senden. Deutschland steht auf Platz fünf der weltweiten Postkartengemeinde, gefolgt von der Ukraine, die aus verständlichen Gründen enge Kontakte zum Rest der Welt pflegen möchte und jetzt jeden Schnipsel brauchen kann, der von Frieden und Freundschaft kündet.

Einer der 58.000 deutschen Postcrosser bin ich. In meinem Profil steht, dass ich mich über Fotos von Schiffen freue, aber auch über andere schöne Motive. Andere lieben Katzenfotos, Mangabilder oder Landschaften. Ein echter Postcrosser achtet auch auf die Briefmarken, die auf den Karten kleben. Ich habe mich in die Haselmaus der Post („nassklebend, aus der Serie ,Junge Wildtiere“) auf der 95-Cent-Marke verliebt, die auf Karten außerhalb der Europäischen Union kleben muss und einen gewitzten Nager zeigt, der sich an eine Pflanze klammert. „Och, süß!“, würden meine Kinder sagen.

Das finden auch viele Empfänger meiner Karten, die sich über die Plattform bedanken. Einige schreiben Texte von tolstoischer Länge, andere belassen es bei einem „Thank you“ oder schreiben gar nicht. Am Anfang war die Haselmaus mit Motiven aus Hamburg unterwegs. Hafen und Rathaus gingen per Flieger oder Schiff um die Welt. Dann habe ich eigene Fotos als Postkarten drucken lassen. Besonders gut kam mein Strandfoto von einem Ostseestrand in Litauen an.

Wer Postkarten mit Norderstedt Motiven verschicken will, muss allerdings damit rechnen, sich international ein Rechtfertigungsproblem, schlimmstenfalls auch Häme und Spott aufzuhalsen. Das Angebot ist höchst begrenzt, zeigt hauptsächlich roten Backstein und Menschen mit ihrer Rückansicht. Auch eine Schwanenfamilie und das Bild eines Eingangs zur U-Bahnstation Norderstedt-Mitte gehören zu den Motiven – vermutlich mangels anderer Hingucker. Hergestellt werden die Bilder von EVAS-Postkarten von Eva-Maria Wedekind aus Münsterdorf im Kreis Steinburg. Seit Jahren fotografiere sie leidenschaftlich gern, schreibt Eva. Dann doch lieber Elbe, Michel oder der Strand in Litauen.

Hinzu kommen in Internetportalen Karten mit historischen Fotos, bevorzugt mit Motiven von Neubausiedlungen und der Falkenbergkirche. „Wir hatten ja nix“, möchte man seufzen. Das änderte sich mit der Gründung der Stadt und dem Bau des Herold-Centers inklusive der vier Hochhäuser. Das Schwarz-Weiß-Bild mit dem großen Parkplatz davor erinnert mich allerdings eher an eine Plattenbausiedlung in Bukarest.

Viele Postkarten mit Schiffen landen im Briefkasten

Und was habe ich in meinem Briefkasten gefunden? Schiffe! Jedenfalls meistens. Bilder von meinem liebsten Hobby kommen im Gegenzug zu meinen Karten zur mir nach Hause. Marjatta aus Finnland verschickte eine Karte mit dem Motiv des Eisbrechers „Urho“, Olga aus St. Petersburg ließ mir ein Foto von einem historischen Segelschiff vor der prachtvollen Kulisse ihrer Heimatstadt zukommen. Aus Australien kam das verkleinerte Gemälde eines Dampfseglers, der vor einem Strand auf Grund gelaufen und gekentert war.

Irgendwie mit Schiffen hat auch Kellies Foto vom Strand auf Hawaii im Sonnenuntergang zu tun. Jeder Hersteller von Fototapeten wäre entzückt. Aus Luxemburg (!) kam eine Karte, die eine mutmaßlich karibische Miniinsel mit Palmen, weißem Strand und kristallklaren Wasser zeigt. Aus Jackson/Wyoming bekam ich Post von Leif. Er hatte eine Karte aus des 50er-Jahren mit norwegischem Fjord und einem Kreuzfahrtdampfer aufgetrieben. Eine ähnliche Idee hatte Simone aus der Schweiz, die bekanntlich ohne Küsten auskommen muss. Sie fand ein hübsches Kärtchen mit Boot an einem bretonischen Strand.

Meine Lieblingskarte zeigt jedoch keine Schiffe. Ein Postcrosser aus den Niederlanden warf für mich eine Karte mit einem Abbild der Königsfamilie in den Briefkasten von Oosterhout.

Und was schreibt man einander? Typisch belanglose Postkartentexte. „Ich liebe es zu reisen und zu lesen“, teilte mir Koleam aus Peking mit. Nicky aus Neuseeland schrieb mir, dass sie nach dem Lockdown wieder die kleinen Freuden des Lebens genießt, welche das auch immer sein mögen. Um sie zu beschreiben, reicht eine Postkarte nicht. Und manche schreiben einfach nur „Happy postcrossing“. Ehrlich, Postcrossing macht wirklich happy.

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