Millionenprojekt

Welches Bildungshaus braucht Norderstedt?

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Michael Schick
Ein Leuchtturmprojekt mit hölzerner Fassade: Der Entwurf des Architekturbüros Richter-Musikowski des Bildungshauses Norderstedt.

Ein Leuchtturmprojekt mit hölzerner Fassade: Der Entwurf des Architekturbüros Richter-Musikowski des Bildungshauses Norderstedt.

Foto: Richter-Musikowski

Kostenexplosion beim „Leuchtturmprojekt“: CDU fordert Deckelung der Bausumme. Muss das innovative Haus technisch abgespeckt werden?

Norderstedt. Von einem Leuchtturmprojekt spricht Baudezernent Christoph Magazowski und von Norderstedts Sprung ins dritte Jahrhundert – und meint das Bildungshaus. In Garstedt soll ein innovativer Treffpunkt entstehen, der weit über die Grenzen Norderstedts hinaus „leuchtet“. Volkshochschule, Stadtbücherei und Stadtarchiv unter einem Dach, modern konzipiert, mit digitaler Technik, aufgelockert, zum Austausch einladend, genauso aber zum Lernen, zum Malen oder Yoga, für Junge und Alte, kurz: ein gesellschaftliches und kulturelles Zentrum. Gebaut werden soll der Lern- und Treffpunkt auf dem Gelände der jetzigen Bücherei am Herold-Center.

So weit, so gut. Doch was Dezernent Magazowski als Leuchtturm bezeichnet, treibt zumindest Peter Holle die Sorgenfalten auf die Stirn. 33,9 Millionen Euro soll das Prestige-Projekt kosten. „Im vorigen Jahr war noch von 26,3 Millionen die Rede. Wie kommt denn eine derart krasse Kostensteigerung innerhalb so kurzer Zeit zustande? Darauf verlangen wir konkrete Antworten, bevor wir dem Bau zustimmen“, sagt der CDU-Fraktionschef, der die aktuellen Pläne zur Disposition stellt und die Kosten auf jeden Fall deckeln will.

Für ihn stellt sich nicht die Frage: Braucht Norderstedt das Bildungshaus? Sondern: Welches Bildungshaus braucht Norderstedt? Und wie teuer darf es sein? Eins mit höchstem Standard bei Ausstattung und Gestaltung? Die CDU spricht angesichts der Kostenexplosion intern schon von der Norderstedter „Bildungsphilharmonie“ – die Elbphilharmonie hat mit 866 Millionen Euro mehr als elfmal so viel gekostet wie ursprünglich veranschlagt. Der Vergleich mag hinken, aber Ex-OB Grote sprach von 9,8 Millionen Euro Baukosten, als er das Vorhaben vor einem guten halben Jahrzehnt initiierte, übrigens auch schon als „Leuchtturmprojekt“.

„Und Grote hat die Ausgaben für das Bildungshaus immer in Zusammenhang mit Einnahmen aus dem Wohnungsbau gesehen“, sagt Holle. Grotes Idee: Das Gebäude der ehemaligen Sprachheilgrundschule an der Dunantstraße und eine Fläche neben dem künftigen Bildungshaus an der Europaallee für den Bau von Wohnungen verkaufen und den Erlös für das Bildungshaus verwenden. „Doch dieses Wechselspiel kam nie zustande, und der neben dem Bildungshaus vorgesehene Wohnungsturm ist auch kein Thema mehr“, sagt der CDU-Fraktionschef, ein weiterer Kritikpunkt an den aktuellen Plänen.

Holle nennt im Gegensatz zu Magazowski 35,5 Millionen Euro als Gesamtsumme, denn der Baudezernent hat in seine Kalkulation 1,6 Millionen Euro Fördermittel des Bundes für energieeffiziente Bauten eingepreist. „Noch ist aber unklar, ob wird das Geld wirklich bekommen“, sagt der CDU-Fraktionschef, der die 35,5 Millionen Euro daher für die seriösere Zahl hält.

Kosten seien von Anfang an zu niedrig angesetzt worden

Angesichts der Kostensteigerung könnten die Pläne nochmals aufgerollt und verändert werden. Die CDU will jedenfalls einen weiteren Grundsatzbeschluss im nächsten Hauptausschuss erzwingen. Dezernent Magazowski weist in seiner Vorlage für die Sitzung am Montag, 7. Februar, von 18.15 Uhr an, zwar darauf hin, dass die Politiker dem Bau schon am 2. April 2019 grundsätzlich zugestimmt haben. Dennoch greift er den Wunsch der CDU auf: „An dem Grundsatzbeschluss wird festgehalten“, heißt es in der Vorlage.

Der Baudezernent erklärt in dem Papier, warum die Kosten so in die Höhe geschnellt sind. Schon als im April 2018 der siegreiche Architektenentwurf des Berliner Büros Richter Musikowski gekürt wurde, seien die Investitionen zu niedrig angesetzt worden. Die Baukosten stiegen zusätzlich, weil das Bildungshaus eine Tiefgarage bekommen und auch noch das Stadtarchiv aufnehmen sollte. Als die Stadtvertreter im April 2019 das Projekt grundsätzlich beschlossen, habe die Kostenkalkulation bei rund 20 Millionen Euro gelegen. Allerdings seien in dieser Summe weder steigende Baupreise noch eine finanzielle Reserve, die so genannte Kostenvarianz für Planungsunschärfe und Unvorhergesehenes enthalten gewesen. Rechnet man diese Faktoren ein, entspreche das den 26,1 Millionen Euro aus dem Vorjahr.

Zwar habe Politik zwischenzeitlich auf die Tiefgarage verzichtet, aber: „Dem Bildungshaus in Garstedt wächst für die Stadtentwicklung Norderstedts eine zentrale Aufgabe zu, die republikweit sehr aufmerksam verfolgt wird“, schreibt Magazowski, der auch vom „Wohnzimmer der Stadt“ spricht. Um diesen Ansprüchen zu genügen, müssten Gestaltung, Ausstattung, Multifunktionalität und Multimediakonzept zukunftsweisend ausgerichtet werden. Und die Optimierung des Siegerentwurfs koste eben Geld, sieben Millionen, die zu den 26,1 Millionen aus dem Vorjahr hinzukommen. Mehr als fraglich ist, ob der CDU reicht, was die Verwaltung als Ursachen der gestiegenen Kosten anführt. „Wenn wir inhaltlich nicht abspecken können, müssen wir zumindest bei der jetzt genannten Summe den Deckel draufmachen“, sagt Holle. Er will beantragen, dass am 7. Februar noch nicht über die Vorlage der Verwaltung abgestimmt wird, sondern erst dann, wenn „wir zufriedenstellende Auskünfte haben“.

Momentan ist der erste Spatenstich für das Bildungshaus für April 2023 geplant. Am 25. April 2025 soll der Neubau eröffnet werden.

Das sagen die Fraktionschefs der anderen Parteien:

Nicolai Steinhau-Kühl, SPD: Die Stadt braucht das Bildungshaus, es ist ein Riesengewinn für die Stadt. Die Kosten sind immer wieder kommuniziert worden. Wir brauchen keinen weiteren Grundsatzbeschluss und wollen das Projekt weiter verfolgen.

Marc Muckelberg, Die Grünen: Alle Fraktionen waren sich bisher einig, dass das Bildungshaus nötig ist für die kulturelle Weiterentwicklung der Stadt und als kultureller Treffpunkt. Alle werden davon profitieren, diejenigen, die lernen wollen, genauso wie alle, die kulturelle Veranstaltungen besuchen oder selbst aktiv werden wollen.

Tobias Mährlein, FDP: Das ist ein tolles Projekt. Angesichts der enormen Kosten stellt sich aber die Frage, ob nicht andere Projekte wie die Sanierung der Schulen zwingender sind, und ob wir unseren Kindern und Enkeln immer mehr Schulden hinterlassen wollen. Deswegen halte ich einen weiteren Grundsatzbeschluss für sinnvoll.

Miro Berbig, Die Linke: Wir sind für den Bau des Bildungshauses, auch in dieser finanziellen Größenordnung. Wir brauchen Räume für die Kultur und als soziale Treffpunkte. Und: Wenn sich eine Stadt das leisten kann, dann Norderstedt.

Reimer Rathje, WiN: Das Bildungshaus wird ein Highlight in Norderstedt, wenngleich wir bei den Kosten auch Bauchschmerzen haben. Darüber sollten wir nochmals reden. Wir müssen aber bei der Infrastruktur in der ersten Liga mitspielen, sonst kommen große Arbeitgeber nicht nach Norderstedt.

Thomas Thedens, Freie Wähler: Wir unterstützen das Projekt, gerade, weil Norderstedt vier Stadtteile hat, ist ein kulturelles und soziales Zentrum wichtig. Der Stadtpark hat ja gezeigt, wie nach vielen anfänglichen Zweifeln ein Projekt zum Erfolg werden kann.

Sven Wendorf, AfD: Wir standen den ausufernden Kosten des Bildungshauses von Beginn an kritisch gegenüber. Grundsätzlich handelt es sich ja um eine gute Idee, doch die Kostensteigerungen haben inakzeptable Ausmaße erreicht. Daher kommt für uns ein „Weiter so“ nicht in Frage. Wir begrüßen es, dass die CDU einen erneuten Grundsatzbeschluss fordert.

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