Krimi-SerieDie Unbestechlichen vom Lande

Eingebrannt

| Lesedauer: 14 Minuten
Silke Schopmeyer
„Was machen Sie hier?“, schreit ein junger Feuerwehrmann Tiffany an: „Sofort raus hier!“

„Was machen Sie hier?“, schreit ein junger Feuerwehrmann Tiffany an: „Sofort raus hier!“

Foto: Ute Martens

Krimi-Serie: Lokalreporterin Tiffany Schulze kommt einem lang gehüteten Geheimnis auf die Spur.

Ach nee, hoher Besuch.“ Petra Schulze sieht kaum auf. Eine Portion Pommes wandert aus dem brodelnden Frittierfett. „Wie immer, Klaus?“

„Schranke“, antwortet das Mitglied des üblichen Männertrios von Petra‘s Heißer Ecke in Lohbrügge-Nord.

Tiffany nimmt ihren Helm ab und streift sich eine Thermojacke über. Bloß nicht auskühlen nach der zweistündigen Radtour rund um den spätherbstlichen Sachsenwald. „Hallo, Mama“, entgegnet sie knapp. „Hast du ‘ne Apfelschorle?“

Wortlos wird das Getränk vor sie auf den Tresen gestellt. Also ist ihre Mutter immer noch sauer. Nur weil Tiffany etwas Abfälliges über Kalle gesagt hat, Mamas relativ neuen Freund. Dabei hat er ihr letztens, bei der Geschichte mit den Drogendealern, sogar geholfen. Mit dem Klingelton der Polizeidurchsagen. Tiffany seufzt innerlich und starrt auf den Lindwurm gegenüber, das einst längste Haus Europas. Nach einer minimalen Rechtsdrehung kann sie ihre alte Wohnung in der Korachstraße erkennen. Bis zum Studium hat sie dort gewohnt. Im zehnten Stock. Vor Kurzem ist Kalle mit seinem sogenannten „Büro“ in ihr Kinderzimmer gezogen. Bis heute kann sie nicht sicher sagen, womit er seine Hartz-IV-Bezüge aufbessert.

Wie auf ein unsichtbares Zeichen öffnet sich die hintere Tür des Imbisswagens. Drei Astradosen werden zu Kalles Begrüßung geschwenkt.

„Moin“, entgegnet er, ohne aufzublicken. „So, hab den Kram mitgebracht.“ Er reicht Petra eine weiße Tüte. Tiffany reckt den Hals und erkennt auf einem darin enthaltenen Gegenstand die Aufschrift Barbie.

„Sind das etwa meine?“, will sie wissen. „Wollt ihr die verkaufen?“

„In den letzten Jahren haben dich die Puppen eher wenig interessiert.“

„Du könntest wenigstens fragen.“

Kalle ignoriert Tiffanys Einwand. „War‘n sie schon da?“

„Nee, noch nich‘.“

„Wer denn?“, will sie wissen, als sich eine junge Familie dem Imbiss nähert. Die Mutter trägt ein lockeres Kopftuch um ihre dunklen Locken und ein Mädchen im Kindergartenalter auf dem Arm. Der Vater schiebt einen Buggy, in dem eine ungefähr Dreijährige sitzt.

„Hallo, ihr Lieben“, werden sie von Petra mit einem Lächeln begrüßt. „Schön, dass ihr da seid. Ich hab‘ was für euch.“ Sofort reicht sie die große Tüte über den Tresen. Sichtlich gerührt nimmt der Vater diese entgegen.

„Vielen Dank“, entgegnet er mit einer leichten Verbeugung. „Sie sind sehr nett.“

„Kein Problem, meine Tochter braucht ihr Spielzeug schon länger nicht mehr.“ Ein Schauer schlechtes Gewissen läuft Tiffany den Rücken hinunter.

Nach weiteren Dankesbekundungen verlässt die Familie den Imbissstand.

„... Asylschmarotzer …“, ertönt es aus der Männergruppe.

„Wenn ich das noch einmal höre, habt ihr euer letztes Bier bei mir getrunken!“, schäumt Petra. „Diese Familie hat so wenig mit Asylschmarotzerei zu tun wie ihr mit dem Friedensnobelpreis!“

„Der Vater is’ studierter Arzt. Aus’m Iran“, erklärt Kalle. „Er hilft bei unserm Doktor Bergmüller, als Praktikant. Darf noch nich’ arbeiten.“

Bevor Tiffany eine Frage stellen kann, brummt ihr Handy. „Einer von euch muss nach Curslack“, bellt Dieter Relle-Wand in ihr Ohr. „Da brennt ein fettes Fachwerkhaus. Namen und Adresse schick ich rüber.“

*

Heißgeschwitzt steigt Tiffany vom Rad. Mit dem Auto wäre sie nicht weit gekommen. Mehrere Feuerwehrzüge verstopfen diesen Abschnitt des Curs­lacker Deichs. Von dem einst herrschaftlichen Gebäude sind nur noch die qualmenden Grundmauern zu erkennen. Die lange Zufahrt ist abgesperrt. Auch Pressevertreter werden nicht durchgelassen. Vielleicht gibt es von hinten einen Weg, um Nahaufnahmen zu machen? Leider hat Tiffany ihre Kamera nicht dabei. Nur das Handy. Kurz entschlossen betritt sie das dicht zugewachsene Nachbargrundstück. Niemand scheint ihr Eindringen zu bemerken. Nach ungefähr hundert Metern hüpft sie rechts über einen Graben auf die angrenzenden Ländereien des Hofs Eckers. Vor ihr steht eine alte Scheune. Kaum hat sie das hohe Gebäude hinter sich gelassen, bringt sie sich in Position. Nach wenigen Klicks in Richtung der Brandruine nähert sich ein Motorengeräusch. Tiffany lässt sofort das Handy sinken und huscht in den Schuppen hinein. Sie möchte nicht schon wieder von uniformierten Beamten bei der Arbeit überrascht werden.

Ein riesiger Mähdrescher, mehrere Trecker und weitere Maschinen, deren Namen ihr beim besten Willen nicht einfallen wollen, warten hier auf ihren Einsatz. Von außen sind Stimmen zu vernehmen. Nervös inspiziert Tiffany jede Ecke ihres Zufluchtsorts. Am dunklen Ende der Scheune lässt sich eine Tür öffnen. Leider nicht ohne ein leises Quietschen. In dem Abstellraum herrscht heilloses Durcheinander. Unzählige Gerätschaften und Möbelstücke aus verschiedenen Epochen warten hier auf weitere Verwendung. Durch das kleine Sprossenfenster scheint die Novembersonne herein. Der schwache Lichtstrahl erhellt ein Puppenhaus, das in einer Ecke auf dem Lehmboden steht. In der Hocke bestaunt Tiffany die eleganten Biedermeiermöbel im Miniaturformat. Trotz Staub und Spinnweben betastet sie die Bücherwand der eingebauten Bibliothek. Bis sich die Wand plötzlich öffnet und ein Kästchen herausfällt. Nach einer Schrecksekunde nimmt sie es vorsichtig heraus. In den Deckel, unter dem aufgedruckten Schriftzug J. H. Rödinger Tabak, hat jemand etwas unbeholfen ein Herz und zwei Namen eingebrannt. Ida & Enrico. Tiffany wundert sich über den italienischen Namen und öffnet das Kästchen. Ein steinernes Herz kommt zum Vorschein, ungefähr so groß wie eine Walnuss. Aber flacher. Wahrscheinlich aus einem Speckstein gearbeitet. Darunter liegt ein Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigt drei Männer in gestreiften Anzügen. Auf den ersten Blick erkennt Tiffany, dass es sich nur um KZ-Insassen handeln kann. Ein deutsches Schulkind wird regelmäßig mit solchen Aufnahmen konfrontiert. Während einer Gedenkwoche hat mal ein Überlebender von seinen schrecklichen Erfahrungen berichtet. Da wurden sogar die größten Vollidioten der Klasse ganz still, erinnert sie sich. Das Kästchen verschwindet in ihrer Jackentasche. Natürlich mit dem Vorsatz, es später wiederzubringen.

Mit einem lauten Rums springt die Tür auf. „Was machen Sie hier?“, schreit ein junger Feuerwehrmann durch sein geschlossenes Visier.

„Ich bin von der Presse!“

„Sofort raus!“

Folgsam stolpert Tiffany hinter ihm her. In der Maschinenhalle wundert sie sich über den spürbaren Temperaturanstieg. Draußen richten sich mehrere Schläuche auf sie. Ihr Retter will sie vom Gebäude wegführen.

„Aber wieso …?“

„Ein Funke reicht, Süße. Vorn war’s wohl ‘n Kurzschluss.“ Blitzschnell vollzieht Tiffany eine Drehung, zückt ihr Handy und fotografiert die schrumpfenden Flammen, die sich an der Scheune emporzüngeln. Unerbittlich reißt der Feuerwehrmann an ihrem Arm. „Weg hier!“

*

Beklemmend. Düster. Schrecklich. Monströs. Nicht von dieser Welt. Unzählige Gefühle rauschen durch ihren Kopf und ihre Seele. Bei jedem Besuch an diesem Ort. Tiffany schiebt ihr Fahrrad über den zugigen Appellplatz des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme. Die Grundmauern der mittlerweile abgerissenen Häftlingsblocks sind aus vergitterten Gabionensteinen nachempfunden worden. Penible Symmetrie verdeutlicht die Ausmaße des damaligen Lagers. Eine Schautafel erklärt, dass hier ungefähr 100.000 Menschen aus vielen Ländern Europas interniert waren und nur die Hälfte von ihnen überlebt hat. Tiffany muss an einen Schulausflug denken, als ihnen die Museumspädagogin von einem der härtesten Einsätze hier erzählte. Bereits geschwächte Häftlinge mussten damals die Dove-Elbe ausgraben, damit die im Lager hergestellten Klinker über den Wasserweg nach Hamburg transportiert werden konnten. Heute wird das idyllische Gewässer gern für sonntägliche Bootstouren genutzt.

Direkt beim verklinkerten Gebäude der Hauptausstellung schließt sie ihr Fahrrad an. Am Tresen erkundigt sie sich nach dem stellvertretenden Museumsleiter. Vor wenigen Wochen hat Dr. Tobias Brömmer ihr Informationen zu einer Lesung in der Gedenkstätte gemailt.

„Hallo, Herr Dr. Brömmer“, begrüßt sie ihn. „Tiffany Schulze von der Bergedorfer Zeitung.“

„Tobias“, entgegnet er bescheiden.

„Äh, ja, Tobias, gut“, stammelt sie. Akademische Titel werden sie ihr Leben lang verunsichern. „Also, ich habe da heute etwas gefunden. In einer alten Scheune.“

„Und was genau?“ Er rückt seine Nickelbrille zurecht und nimmt das Holzkästchen entgegen. Stirnrunzelnd verharrt sein Blick über den Namen Ida &♡ Enrico. „Darf ich?“, fragt Tobias, bevor er den Deckel öffnet.

„Na klar, deshalb bin ich ja hier.“

Behutsam klappt er das Kästchen auf. Mit der gleichen Sorgfalt entnimmt er den Stein und legt ihn auf den Tresen. „Nein, sowas“, entfährt es ihm nach einem ersten Blick auf das Foto der drei Männer. „Interessant. Wo hast du die Kiste gleich noch gefunden?“

„In einem Schuppen neben dem Bauernhaus, das heute abgebrannt ist.“

„Ach, nein, das war der Hof Eckers?“

Tiffany erinnert sich an den Namen der Hofbesitzer, den Dieter Relle-Wand ihr geschickt hat. „Genau. Kennst du die Menschen auf dem Foto?“

„Ja, das ist aber eine längere Geschichte.“

*

„Ich bin von der Presse“, informiert Tiffany den Polizisten, der den Zugang zur Brandstelle kontrolliert.

„Presseausweis?“

Nach Erledigung der Formalitäten schiebt sie ihr Fahrrad die Zufahrt hinunter. Der spätherbstliche Bauerngarten ist niedergetrampelt. Aus der Brandruine dampft es noch leicht. Ungefähr zehn Feuerwehrleute scheinen Brandwache zu halten. Bis auf schwarze Rußspuren konnte die hintere Scheune zum Glück gerettet werden. Rechts von ihrem Standort fällt Tiffany eine weitere Person auf. Ein älterer Mann, gestützt auf einen Stock. Beim Näherkommen bemerkt Tiffany seinen krummen Rücken. Wie ein Bogen. „Entschuldigen Sie“, spricht sie ihn an.

Der Mann dreht den Kopf in ihre Richtung. Sie schätzt ihn auf deutlich über siebzig. Sein Blick wirkt leer. Sofort muss Tiffany an die Geschichte denken, von der ihr Tobias im Museum erzählt hat. Vom Alter her könnte es passen. „Sind Sie Hans Eckers?“

„Ja“, antwortet Hans misstrauisch.

„Dann muss ich Ihnen etwas wiedergeben. Das habe ich vorhin in Ihrer Scheune dort hinten entdeckt.“ Sie reicht ihm das Kästchen.

Seine von Schwielen und Rissen durchzogenen Hände greifen danach. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtet er die Inschrift. „Ida und Enrico …“, flüstert er. Sichtlich ergriffen und spürbar nervös öffnet er den Deckel und sieht hinein. Zuerst greift er nach dem steinernen Herz. Dann folgt das Foto. Tiffany vernimmt tiefe Atemzüge. Leise murmelnd reckt er die Hand mit dem Herz Richtung Himmel: „Mama … es ist wieder da. Papas Geschenk. Wir haben es gefunden.“

*

„Tiffany?“ Timo klingt überrascht. Seit dem abgesagten Kaffeedate herrscht Funkstille zwischen Bergedorf und Norderstedt. Angeblich ist ihm ein wichtiger Termin dazwischengekommen.

„Stör ich?“, fragt Tiffany ins Handy, das vor ihr liegt. Trotz der Novemberkälte hat sie sich auf die Bank vor Opas Haus gesetzt. Mit Mantel, Mütze, Decke und einem dampfenden Becher Ingwertee.

„Nein, gar nicht.“ Leises Hundejaulen ertönt am anderen Ende. „Was gibt’s?“

„Heiner hat erzählt, dass du letztens ein Erlebnis mit einem alten Kästchen hattest.“

„Stimmt.“

„Mir ist heute was Ähnliches passiert.“ In kurzen Worten schildert sie den Brand, ihre Entdeckung und den Besuch in Neuengamme.

„Und? Was verbirgt sich für eine Geschichte dahinter?“, will Timo wissen.

„Hans‘ Vater war Häftling in Neuengamme. Er hat in Italien im Widerstand gekämpft. Als Zwangsarbeiter wurde er für den Hof Eckers abgestellt. Ida und Enrico haben bald miteinander angebändelt. Irgendwann war sie schwanger.“

„Echt jetzt? Wurden die nicht bewacht?“

„Dieser Historiker meinte, dass es auf den Bauernhöfen weniger streng zuging als im Lager“, erklärt Tiffany. „Kaum hat ihre Familie davon Wind bekommen, ist Enrico nie wieder im KZ aufgetaucht. Sie haben ihn umgebracht.“

„Krass.“

„Es wird noch schlimmer: Schleunigst musste Ida den Erstbesten, also Herrn Eckers, heiraten. Hans galt dann als sein ältester Sohn, was über lange Zeit auch niemand infrage stellte. Enrico Mantova hatte ebenfalls einen Sohn in Italien, Flavio. Dieser ist vor wenigen Jahren in die Vierlande gereist, um nach den Spuren seines Vaters zu suchen. Aus Angst vor einem Skandal wussten die jüngeren Stiefbrüder von Hans sich nicht anders zu helfen, als ihn zu ermorden. Dank der Nachforschungen eines Hoteliers aus Curslack sitzen die beiden heute noch in Haft.“

Nach einem Moment des Schweigens fragt Timo leise: „Und? Wirst du darüber berichten?“

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Über meine Kästchenstory habe ich bewusst nichts geschrieben. Ich wollte den beiden Alten, die sich darüber endlich wiedergefunden haben, nicht zu nahetreten. Aber in deinem Fall …“

„In der Gedenkstätte habe ich einen passenden Satz gelesen: ,Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.’“

„Dann hilf mal deinen Lesern mit ein paar Erinnerungen.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt