Corona-Pandemie

Harte Geduldsprobe für Impfwillige in Henstedt-Ulzburg

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In Henstedt-Ulzburg vor dem Real-Markt standen am Freitag Hunderte Menschen an, um sich impfen zu lassen. Viele davon wollten ihren Schutz gegen das Coronavirus auffrischen.

In Henstedt-Ulzburg vor dem Real-Markt standen am Freitag Hunderte Menschen an, um sich impfen zu lassen. Viele davon wollten ihren Schutz gegen das Coronavirus auffrischen.

Foto: Annabell Behrmann

500 Meter lang ist die Schlange auf dem Real-Parkplatz in Henstedt-Ulzburg bei der offenen Impfaktion am Freitag. Auch die Hausärzte erleben einen Ansturm.

Kreis Segeberg.  Bettina und Wolfgang aus Henstedt-Ulzburg mussten am eigenen Leib erfahren, wie elendig es einem mit einer Corona-Infektion ergehen kann. Wie furchtbar es sich anfühlt, nicht richtig atmen zu können. Das Ehepaar, das seinen Nachnamen nicht nennen möchte, hat sich im März 2020 mit dem Virus infiziert. „Hätte mich meine Frau nicht so gut gepflegt, wäre ich im Krankenhaus gelandet“, erzählt Wolfgang. „Mir ging es wirklich schlecht.“ Um bloß nicht noch einmal zu erkranken, hat das Paar auch in Kauf genommen, mehr als drei Stunden lang mit Hunderten anderen Menschen vor dem Real-Markt in Henstedt-Ulzburg für seine Auffrischungsimpfung anzustehen. „Beim Hausarzt hätten wir erst nächstes Jahr im März einen Termin bekommen.“

Gut 500 Meter lang ist die Schlange auf dem Real-Parkplatz im Gewerbepark Nord bei der offenen Impfaktion am Freitagvormittag. Um 9 Uhr geht es los. Bereits zwei Stunden später verteilt ein Mitglied des mobilen Impfteams kleine Zettelchen mit Nummern bis 400 an die Impfwilligen. „Mehr als 400 Leute können wir heute nicht impfen. Niemand soll umsonst warten“, sagt der Mann. Zeit für ein Gespräch bleibt nicht, der Andrang ist zu groß. Jede Kraft zum Impfen wird in der Ladenzeile gebraucht.

Malena Sell hat sich in ihre Decke eingewickelt, den Schal über den Kopf gezogen. Es weht ein kalter Wind. „Mein Arbeitgeber hat empfohlen, sich die dritte Impfung abzuholen“, sagt die 28 Jahre alte Erzieherin. Da sie wegen einer Knie-Operation gerade krankgeschrieben ist, hat sie Zeit, sich anzustellen. Hinter ihr wartet Florian Hühnert. Der Familienvater lässt sich das erste Mal impfen. „Ich bin nicht überzeugt von der Impfung“, gibt er zu. Dennoch hat er sich nun aus mehreren Gründen für die Spritze entschieden: „Vor allem lasse ich mich wegen meiner Familie, meiner fast sechs Monate alten Tochter, impfen. Ich möchte mit ihr zum Babyschwimmen gehen.“ Wegen der 2G-Regel darf Hühnert derzeit nicht in die Schwimmhalle.

Ein weiteres Argument für ihn: Sein Arbeitgeber zahlt nur zwei Corona-Tests pro Woche. Ein kostenloser Bürgertest steht ihm zur Verfügung. Doch die restlichen zwei Nachweise, die wegen der 3G-Regelung am Arbeitsplatz verpflichtend sind, muss der Henstedt-Ulzburger selbst zahlen. „Das ist mir auf Dauer zu teuer.“ Außerdem möchte er nicht auf seine Lohnfortzahlung verzichten, die im Quarantäne-Fall nur Geimpfte bekommen.

Am heutigen Sonnabend sowie vom 2. bis 4. Dezember, von 9 bis 17 Uhr, finden bei Real weitere Impfaktionen statt.

Geduld braucht auch, wer in diesen Tagen bei den Hausärzten anruft, es gibt kaum ein Durchkommen. Angesichts der rasant steigenden Zahlen und der empfohlenen Auffrischungsimpfung erleben die Allgemeinmediziner derzeit einen Ansturm auf ihre Praxen. Die Belastung für die Mitarbeiter ist groß. „Es ist furchtbar“, sagt eine Sprechstundenhilfe. Viele Patienten seien genervt, weil sie telefonisch oftmals erst nicht durchkommen – und dann nicht sofort einen Termin bekommen. „Das Telefon klingelt ununterbrochen“, heißt es. Man sei an der Belastungsgrenze.

Viele sind genervt, weil die Ärzte nicht erreichbar sind

Das Problem: Da die Impfzentren in vielen Orten verkleinert oder ganz abgebaut wurden, müssen die Hausärzte die meisten Impfungen vornehmen. Vor allem die Nachfrage nach der dritten Impfung ist groß. Nachdem diese zunächst nur älteren Menschen und Risikopatienten empfohlen worden war, hat die Ständige Impfkommission ihre Empfehlung jetzt auf die ab 18-Jährigen ausgeweitet.

„Das hat dazu geführt, dass alle der Meinung sind, ein Recht auf eine sofortige Impfung zu haben“, sagt Dr. Sven Warrelmann von der Hausärztlichen Gemeinschaftspraxis an der Mittelstraße in Norderstedt. „Das ist aber nicht so!“, stellt er klar und erklärt, dass laut Empfehlung die über 70-Jährigen sowie Patienten mit einem Immundefekt Priorität haben. „So steht es auch in der Empfehlung – das wird aber von den meisten ignoriert, oder sie wissen es nicht.“

Allein in seiner Praxis gehen derzeit mehr als 100 Anfragen telefonisch oder per Mail ein, rund 150 bis 200 Patienten werden derzeit jede Woche geimpft. Die meisten von ihnen erhalten die Auffrischungsimpfung.

„Wir sind jetzt mit der Gruppe der über 80-Jährigen fast durch und impfen dann die Altersgruppe 75 Plus“, sagt Warrelmann und warnt eindringlich vor einer Panik. „Die Auffrischung sollte frühestens nach sechs Monaten erfolgen – frühestens. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Impfschutz nach diesen sechs Monaten rapide abnimmt.“ Er appelliert dringend an die Patienten, sich erst nach Ablauf der sechs Monate zu melden, damit sich die Ärzte jetzt auf die Risikogruppen konzentrieren könnten.

„Das Hauptproblem der angespannten Situation ist nicht, dass wir zu wenig boostern, sondern dass noch zu viele Menschen ungeimpft sind“, sagt Dr. Warrelmann, der im Vorstand des Hausärzteverbandes Schleswig-Holstein ist. Die vierte Welle lasse sich nicht allein mit boostern brechen, warnt er.

Die verabreichten Booster-Impfungen liegen derzeit bei mehr als 100.000 Dosen täglich. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) bezeichnet die niedergelassenen Ärzte bereits als Motor der Booster-Impfkampagne.

Das stellt die Hausärzte vor große Herausforderungen. Viele sind weder personell noch räumlich auf die Anforderungen eingestellt – und müssen nebenbei ihren normalen Praxisalltag fernab der Impfungen aufrecht erhalten.

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