Unfall an Reetdachkate

Pkw reißt Loch in Lokal: Wie der "Alte Heidkrug" weitermacht

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Jörg Riefenstahl
Ins Lokal "Alter Heidkrug" in Kayhude krachte ein Mercedes. Nun steht "Durchgehend warme Küche" auf der grauen Tafel, die Gastwirt Andreas Gamerdinger dort samt Stern des Unfallwagens angebracht hat.

Ins Lokal "Alter Heidkrug" in Kayhude krachte ein Mercedes. Nun steht "Durchgehend warme Küche" auf der grauen Tafel, die Gastwirt Andreas Gamerdinger dort samt Stern des Unfallwagens angebracht hat.

Foto: Jörg Riefenstahl

Sonntag kracht ein Mercedes in die 300 Jahre alte Kate in Kayhude. Jetzt weht schon wieder der feine Duft von Grünkohl durchs Lokal.

Kayhude. Gastwirt Andreas Gamerdinger (56) steht vor seinem Landgasthof ,,Alter Heidkrug“ in Kayhude und kann es immer noch nicht fassen. Am Sonntagmorgen, gegen 2 Uhr, war ein schwarzer Mercedes, wie berichtet, vermutlich ungebremst in einer Linkskurve in die 300 Jahre alte Reetdachkate an der B 432 gekracht. Der Wagen hatte ein riesiges Loch in die Hauswand gerissen und war geradewegs in die Herrentoiletten im Erdgeschoss gerast. Dort hinterließ er ein regelrechtes Trümmerfeld.

,,Hier stand eine Sitzbank auf Betonsockeln, dahinter war unsere große Schautafel. Der Wagen hat einfach alles plattgemacht“, erzählt Gastwirt Gamerdinger, der den Unfall miterlebt hat, als er nachts im Erdgeschoss saß und nach Feierabend die Abrechnung machte. ,,Es war ein unglaublicher Knall. Sowas kannte ich gar nicht. Ich dachte zuerst, ein Flugzeug ist abgestürzt“, erzählt der Gastwirt, den hier in der Gegend jeder kennt: Andreas Gamerdinger betreibt den traditionellen Landgasthof in Kayhude mit seinem Team in der dritten Generation.

Mercedes kracht in Lokal "Alter Heidkrug"

Doch so etwas hat der Gastwirt bisher noch nicht erlebt: Der Wagen hatte sich durch die massive Backsteinwand ins Gebäude hinein gebohrt und dahinter alles zusammengeschoben. ,,Als ich das gesehen habe, dachte ich: Wenn da gerade jemand auf Toilette gewesen wäre, der hätte das bestimmt nicht überlebt“, sagt der Gastwirt. Er selbst sei kurz zuvor noch auf Toilette gegangen.

Der Fahrer des schwarzen Mercedes CLK mit Segeberger Kennzeichen kam wie durch ein Wunder mit leichten Verletzungen davon. ,,Der junge Mann war nicht besonders groß, er hat in der Nacht kaum etwas gesagt“, berichtet der Gastwirt. Laut Polizeiangaben soll der Mann (34) am Steuer betrunken gewesen sein. Eine Blutprobe ergab zwei Promille. Er kommt aus Leezen und besitzt keinen Führerschein.

Ominös: Die Beifahrerin, von der der Unfallfahrer nach bisherigen Angaben angeblich nur ihren Vornamen kannte, machte sich unbemerkt zu Fuß aus dem Staub, noch bevor die Polizei eintraf. Feuerwehrleute und die Polizei machten sich noch in der Nacht auf die Suche nach ihr. Vergeblich. Sie konnten die Frau nicht finden. Die Unbekannte wird weiterhin gesucht.

Statiker hat historisches Gebäude nach Unfall freigegeben

Unterdessen wurde die bis ins Obergeschoss lädierte Giebelwand des Landgasthofes provisorisch abgestützt. Das Loch im Erdgeschoss und das zerborstene Fenster im Obergeschoss wurde notdürftig mit Brettern und Teilen der Schautafel vernagelt. „Durchgehend warme Küche“ steht auf der grauen Tafel. Darunter prangt der Stern des Unfallwagens – wie eine Trophäe.

Ein Statiker hat das Gebäude inzwischen untersucht und es wieder freigegeben. ,,Zum Glück ist das Haus nicht einsturzgefährdet. Wir haben weiterhin für unsere Gäste geöffnet“, sagt der Gastwirt. Die Damentoiletten im Erdgeschoss blieben unversehrt. Und für die Herren geht’s erst mal bis auf Weiteres zum stillen Örtchen ab in den Keller.

Im Erdgeschoss weht der feine Duft von Grünkohl mit Kohlwurst und Sauerbraten durch die urige Gaststube des Traditionslokals. Das ist typisch für die herbstliche Jahreszeit. Demnächst kommt auch wieder mehr Wild auf die Speisekarte, verspricht der Gastwirt. Doch erst einmal hat Gamerdinger alle Hände voll damit zu tun, den Wiederaufbau zu organisieren. Außerdem hat er gerade am Mittwoch eine leblose, 20 Meter hohe Buche im Garten fällen lassen. Nachdem jede Menge Trümmer und Schutt beiseitegeschafft wurden und der Wirt die original Tonziegel der Außenwand für den Neuaufbau der Kate gerettet hat, geben sich die Handwerker bei ihm die Klinke in die Hand.

Backsteinmauer muss neu hochgezogen werden

Eine Rohrreinigungsfirma aus Borstel ist angerückt und inspiziert die Abflussrohre. Ein Maurermeister bespricht mit dem Wirt dort, wo sich bis vor wenigen Tagen noch die Herrentoiletten befanden, wie die massive Backsteinaußenwand erneuert werden kann. ,,Es muss alles von Grund auf neu hochgezogen werden“, sagt der Maurermeister. Vor 300 Jahren, als das Haus gebaut wurde, wurden die gebrannten Ziegel noch mit weichem Kalkmörtel verbunden, betont der Fachmann.

Heutzutage verwendet man dafür in der Regel festen Zement. Der weiche, nachgiebige Kalk hat dem Unfallfahrer vermutlich das Leben gerettet. Ebenso die Tatsache, dass sich sein schwerer Mercedes seinen Weg exakt durch die Lücke zwischen einem großen alten Baumstamm neben der Eingangstür und einem tonnenschweren Findling in die Herrentoilette bahnte.

Erst wenn das Außenmauerwerk instand gesetzt ist, folgt der Innenausbau. Das wird wohl noch eine Weile dauern. Und es kostet: Der Schaden am Gebäude dürfte schätzungsweise im fünf- bis sechsstelligen Bereich liegen. ,,Der junge Mann wird sicherlich noch die eine oder andere Rechnung bezahlen. Für ihn wird das hier richtig teuer werden“, sagt An­dreas Gamerdinger.

"Alter Heidkrug" Ähnlicher Unfall schon vor etwa 30 Jahren

Bisher wurde der Unfallfahrer noch nicht polizeilich vernommen. Gegen den Mann aus Leezen hat die Polizei mehrere Strafverfahren eingeleitet – unter anderem wegen Fahrens ohne Führerschein und wegen Gefährdung des Straßenverkehrs.

Einen ähnlichen Unfall hatte es übrigens schon einmal im ,,Alten Heidkrug“ gegeben. ,,Das war im Jahr 1989 oder 1990“, erinnert sich der Gastwirt. Damals sei ein Auto ebenfalls von der Bundesstraße abgekommen und direkt durch die Eingangstür in der Diele der Reetdachkate gelandet. Damals sei der Unfallfahrer wohl am Steuer eingeschlafen.

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