Ein Jahr nach der Eröffnung

Norderstedts Hospiz ist fast immer ausgebucht

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Burkhard Fuchs
Das Albertinen-Hospiz Norderstedt wurde vor einem Jahr an der Lawaetzstraße eröffnet. 126 Menschen verbrachten hier seitdem ihre letzten Stunden.

Das Albertinen-Hospiz Norderstedt wurde vor einem Jahr an der Lawaetzstraße eröffnet. 126 Menschen verbrachten hier seitdem ihre letzten Stunden.

Foto: Albertinen Hospiz Norderstedt

Vor einem Jahr wurde die Einrichtung an der Lawaetzstraße eröffnet. 126 Menschen wurden dort seitdem betreut und in den Tod verabschiedet.

Norderstedt.  Es ist ein letzter, würdevoller Ort für schwer kranke Menschen, sich von ihren Liebsten zu verabschieden. Rund um die Uhr umsorgt, bietet das Norderstedter Hospiz an der Lawaetzstraße seit genau einem Jahr bis zu 14 Gästen professionelle Sterbebegleitung im Beisein ihrer Angehörigen an.

126 Menschen aus Norderstedt, Henstedt-Ulzburg, Kaltenkirchen und dem weiteren Umland sind in diesem ersten Jahr hier fürsorglich aufgenommen und in den Tod verabschiedet worden. Die erste Jahresbilanz des Hauses zog der neue Geschäftsführer Walther Seiler von der Immanuel-Albertinen-Stiftung. Er ist der Nachfolger auf der Position von Pastor Andreas Hausberg, der im September in den Ruhestand ging. „Das Hospiz ist ein Leuchtturm für die Palliativversorgung in der Region“, sagt Seiler. „Und es ist eine Erfolgsgeschichte. Wir sind nahezu ausgebucht.“

Seit drei Monaten seien die 14 Einzelzimmer für die Patientinnen und Patienten, die hier nur Gäste genannt werden, zu mehr als 90 Prozent belegt. Fünf Millionen Euro hat die Albertinen-Stiftung zusammen mit der Stadt Norderstedt und der Gemeinde Henstedt-Ulzburg als Mitgesellschafter in das Hospiz investiert, das bislang das einzige dieser Art im Kreis Segeberg ist. Für die Erstaufnahme und die oft sehr aufwühlenden Gespräche mit den Angehörigen ist Petra von Elsner zuständig. Voraussetzung für die Aufnahme eines neuen Gastes sei es, dass dieser so schwer erkrankt ist, dass er nur noch wenige Tage oder Wochen zu leben habe, erklärt die Sozialdienst-Leiterin des Hospizes. Meist seien es Krebspatienten, die über sehr starke Schmerzen, Atemnot, Übelkeit oder Juckreiz klagten und offene Wunden hätten. Ärzte aus den behandelnden Krankenhäusern müssten die Diagnose und diese starken Beschwerden attestieren und den Krankenkassen gegenüber bescheinigen, sodass der Gast hier aufgenommen werden könne.

Es wird alles unternommen, um die Schmerzen zu lindern

Im Hospiz werde dann alles versucht, um die Symptome und Schmerzen zu lindern, erklärt Pflegedienstleiter Jens Klindworth. Das geschieht einerseits durch die Medikamente, die den Patienten nach Absprache mit den Palliativmedizinern verabreicht würden. Dazu gehörten auch Wärme- und Aromadufttherapien. Darüber hinaus aber sei es die rührende, umfassende Versorgung der Gäste, die ihnen bis zuletzt möglichst alle Wünsche erfüllen soll, erläutert Einrichtungsleiterin Ira Müller. „Jedes Sterben ist anders und ganz individuell.“ Der eine möchte seine Ruhe haben, die andere alle ihre Angehörigen noch ein letztes Mal sehen. All das werde möglich gemacht. Die Gäste könnten aufstehen und essen, wann und wie sie es wünschten. „Die Würde der Menschen steht bei uns an erster Stelle“, sagt Ira Müller.

Es ist eine vorübergehende, letzte Station für die Betroffenen in ihrem Leben. 28 Tage lang sei im Durchschnitt der Aufenthalt der ersten 126 Gäste im Norderstedter Hospiz gewesen. Die meisten von ihnen waren hochbetagt. Aber auch einige wenige jüngere, sehr kranke Menschen seien hier „auf ihrem letzten Lebensweg liebevoll begleitet“ worden.

Dafür sorgen neben den 30 hauptamtlichen Pflegekräften auch die 14 ehrenamtlichen Hilfskräfte, die eigens auf diese Aufgabe in einem 50-Stunden-Kursus vorbereitet und geschult worden sind, erklärt Ira Müller. Ihre Aufgabe sei es, „ein Herz und eine Seele“ für die sterbenskranken Menschen zu sein, ihnen etwas vorzulesen oder Essen zu bringen, mit ihnen zu spielen oder spazieren zu gehen und vor allem ihnen zuzuhören. „Sie sollen immer ein offenes Ohr für unsere Gäste haben und eine Art Seelsorger für sie sein“, sagt die erfahrene Krankenschwester und studierte Pflegemanagerin.

Die Angehörigen können ganz nah bei den Sterbenden sein

Den Angehörigen wiederum wollen die Hospiz-Mitarbeiter die Angst nehmen und ihnen so viel Zeit wie möglich geben, sich von ihren Liebsten in aller Ruhe zu verabschieden. Dafür stehe auch ein Extra-Übernachtungsraum für sie zur Verfügung, der aber bislang nur einmal genutzt worden sei. „Die meisten Angehörigen wollen ganz nah bei ihren Liebsten bleiben und im selben Zimmer schlafen“, sagt Ira Müller. Dafür werde ihnen ein Bett hinzugestellt.

Diese Fürsorge für die Angehörigen soll über den Tod hinaus durch ein Netzwerk mit den Trauergruppen in den Krankenhäusern und Kirchengemeinden weiter fortgesetzt werden, erklärt Geschäftsführer Pastor Walther Seiler. So seien für Sonntag, 21. November, erstmals Angehörige, die hier einen lieben Menschen verloren haben, zu einem Gottesdienst in das Hospiz eingeladen. „50 Angehörige haben sich angemeldet“, sagt Seiler. Das Hospiz möchte solche Veranstaltungen, die zurzeit wegen der Corona-Pandemie stark eingeschränkt sind, in Zukunft forcieren und miteinander vernetzen.

Der Anklang der neuen Einrichtung in der Bevölkerung sei sehr groß, freut sich Ira Müller. „Wir spüren, dass das Hospiz in Norderstedt einen hohen Stellenwert genießt. Das ist für eine so neue Einrichtung beachtlich.“ Das zeige sich auch in der Spendenbereitschaft. Rund 750.000 Euro sind für den Neubau zusammengekommen. In diesem Jahr seien es 160.000 Euro an Spenden gewesen, sagt Geschäftsführer Seiler. „Das ist ein gutes Ergebnis. Wir werden betriebswirtschaftlich eine schwarze Null erreichen.“ Denn die Kranken-und Pflegekassen übernähmen nicht alle Kosten. Fünf Prozent müsse das Hospiz selbst erwirtschaften, was etwa 30 Euro je Gast und Tag, also etwa 12.600 Euro im Monat oder 150.000 Euro im Jahr, die an Spenden eingenommen werden müssen, ausmache. „Und wenn ich mir was wünschen darf, wäre es, dass sich noch weitere Menschen melden mögen, die uns ehrenamtlich oder als gering verdienende Kräfte unterstützen möchten.“

So soll den Gästen bald wieder Kunsttherapie und auch ein Musikcafé angeboten werden. Und auch die Einhaltung der Hygiene-Vorschriften und täglichen Corona-Tests der Besucher und Mitarbeiter bedürfe zusätzlicher Hilfskräfte.

Kontakt: Hospiz Norderstedt Petra von Elsner, 040/308 53 50 33.

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