Kolumne

Bei Windstärke 12 auf der Mole

| Lesedauer: 3 Minuten
Jan Schröter
Jan Schröter schreibt Tagebuch in der Pandemie.

Jan Schröter schreibt Tagebuch in der Pandemie.

Foto: Jan Schröter / Schröter

Kolumnist Jan Schröter kann es nicht fassen, dass manche die vierte Corona-Welle ohne Impfung surfen wollen.

Normalerweise versuche ich ja möglichst, auf der Route entlang der Schattenseiten des Daseins den Pfad zu wählen, der über die heiteren Lichtungen führt, von denen es selbst in den finstersten Tälern immer wieder welche gibt. Diese Woche allerdings sitze ich diesbezüglich im Dunkeln. Nach annähernd zweijährigem Pandemie-Pannenparcour verharre ich ratlos in der Finsternis.

Die 4. Infektionswelle türmt sich zu neuen Rekordwerten. Alle stehen nur da und warten ab, was passiert. Unbegreiflich. Wäre ein Atlantisches Orkantief mit Böen über Stärke 12 angesagt, käme doch auch keiner auf die Idee, sich in Dagebüll auf die Mole zu stellen, um den Brechern entspannt entgegen zu sehen. Na gut, kaum jemand käme auf diese Idee – ein paar Durchgeknallte gibt’s ja immer.

Es wäre trotzdem sicher nicht ein Drittel der Bevölkerung, welches sich aufs riskante Molen-Manöver einlassen würde. Die 4. Infektionswelle ohne Impfung abzureiten, erscheint dagegen einem Bevölkerungsdrittel als probate Option. Und wir nehmen das als gegeben hin. Stünde bei Windstärke 12 tatsächlich jemand auf der Dagebüller Mole, erschiene vermutlich alsbald die Polizei, um die Knalltüte vor der eigenen Dummheit zu retten.

Bei Corona, soviel haben wir mittlerweile gelernt, ist es trügerisch, darauf zu hoffen, dass der Staat es schon irgendwie richten wird. Das hat bei Welle 1 bis 3 nicht richtig funktioniert und ist jetzt bei Welle 4 nicht anders.

In Norderstedter Altenheimen sterben Menschen, anderswo auch. Zum Beispiel in Krankenhäusern, in denen Intensivbetten abgebaut wurden. Die Technik ist überall da, es mangelt weder an Sauer- noch an Impfstoff. Nur die Leute, die damit professionell umgehen können, werden immer weniger. Allein zwischen April und Juli haben in Deutschland 9.000 Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenheimen gekündigt. Dabei waren es schon vorher viel zu wenige, die diesen Job machen.

Was natürlich auch ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Verbliebenen durch die Überbelastung so zermürbt werden, dass die eigene Kündigung schon fast zwangsläufige Konsequenz ist. Gegen solche Missstände kann man gar nicht laut genug anschreien. Und nicht oft genug darüber schreiben. Denn von allein passiert nichts.

Die Politik muss ja erst Posten neu verteilen, politisch unterschiedliche Flügel im Konsens vereinen und, falls dann noch Zeit ist, die Energie- und Klimakrise lösen. Die geschundenen Pflegekräfte sind viel zu überlastet, um noch groß zu protestieren – sowas schaffen nur gut bezahlte Lokführer, die ganztags auf ergonomischem Gestühl hinter getönten Scheiben im ICE-Frontbereich chillen und mit ihrer Kundschaft lediglich per einseitiger Lautsprecherdurchsage kommunizieren müssen.

Sorry, werte Lokführer, da bin ich vermutlich ungerecht vorgeprescht. Aber Ihr stimmt mir gewiss zu, dass den gebeutelten Pflegekräften ein paar Prisen Eurer oft bewiesenen Streik-Power wahrscheinlich sehr gut täten.

Vielleicht fände sich dann ja auch mal wieder eine heitere Lichtung im finsteren Tal dieser Pandemie.

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