Norderstedt

Heidulf Waldschmidt und sein modisches Lebenswerk

| Lesedauer: 6 Minuten
Jörg Riefenstahl
 50 Jahre in Sachen Mode unterwegs: „Chiri Biri“-Geschäftsinhaber Heidulf Waldschmidt mit den beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben, Ehefrau Jagienka Waldschmidt und seine Ex-Frau Dagmar (v. l.)

50 Jahre in Sachen Mode unterwegs: „Chiri Biri“-Geschäftsinhaber Heidulf Waldschmidt mit den beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben, Ehefrau Jagienka Waldschmidt und seine Ex-Frau Dagmar (v. l.)

Foto: Jörg Riefenstahl

Nach 50 Jahren im Modebusiness schließt Waldschmidt sein legendäres Geschäft ,,Chiri Biri“ am Schmuggelstieg.

Norderstedt.  50 Jahre waren sie in Sachen Mode unterwegs – jetzt ziehen sich ,,Chiri Biri“-Inhaber Heidulf Waldschmidt und sein Team aus dem Modegeschäft zurück. Ihre Edel-Modeboutique am Schmuggelstieg – seit Jahrzehnten als feste Adresse und Garant für hochwertige Mode weit über die Grenzen Norderstedts bekannt – geben sie auf. Ende des Jahres ist Schluss.

„Chiri Biri“: Modegeschäft schließt nach 50 Jahren

Rückblick: Im Frühjahr 1971 eröffnen Heidulf und Dagmar Waldschmidt ihr erstes Modegeschäft unter dem Namen ,,Chiri Biri‘‘ am Grindelberg in Hamburg-Harvestehude. ,,Wir hatten den Laden über eine Abendblatt-Annonce gefunden und uns spontan dazu entschlossen“, erzählt Dagmar, die damals in Hannover als Modedesignerin und als Model arbeitete. Der Name ,,Chiri Biri“ (ungarisch für Zauberei) existiert bereits. Die Vorbesitzerin – Frau eines ungarischen Botschaftsangestellten – hat sie so getauft. Doch der Erfolg bleibt aus.

Der kommt mit den Waldschmidts: Das junge Paar hat sich in Hannover bei einer Modenschau kennengelernt. Das Model und der angehende Hochbauingenieur heiraten, ziehen nach Hamburg. Heidulf arbeitet im Ingenieurbüro seines Vaters – ein weltläufiger Wirtschaftsjurist. Doch das ist nicht Heidulfs Ding, sie satteln um: Mit ,,Chiri Biri“ schaffen es die Waldschmidts in kurzer Zeit, eine zahlungskräftige Klientel für ihre hochwertige Mode im feinen Harvestehude zu begeistern. ,,Wir hatten eine Verkäuferin, die sah aus wie Marilyn Monroe“, sagt der Inhaber. ,,Sie war ein bisschen verrückt, hat den Teppich gereinigt – das war die erste Schaumparty“, sagt Dagmar und lacht.

Sie eröffnen eine Filiale an der Mundsburg gegenüber vom Ernst-Deutsch-Theater. ,,Die Schauspieler kamen in der Pause rüber zu uns“, erzählt Heidulf. ,,Helga Feddersen war eine unserer Stammkundinnen. An der Mundsburg lebten wir nur von den Prominenten“, ergänzt Dagmar.

Aufkommen der Jeans sorgt für Goldgräberstimmung

In den 1970er-Jahren entwickeln sich Jeans zum heiß begehrten Modeartikel. Und die Waldschmidts mischen kräftig mit. Am Schmuggelstieg in Norderstedt eröffnen sie 1973 einen Jeansladen. Lee, Wrangler, Mustang und Co., die Kultmarken der wilden Zeiten, gehen reißend über den Ladentisch, ja sogar die berühmt-berüchtigten Veddel-Hosen gibt es bei den Waldschmidts zu kaufen. ,,Es herrschte Goldgräberstimmung“, erzählt Heidulf. ,,Uwe Seeler war bei uns. Er passte in keine Hose. Die Waden der Jeans waren für ihn einfach zu eng“, erinnert sich Dagmar und lacht.

1974 verabschieden sich die Waldschmidts von Hamburg und ziehen nach Norderstedt. Sie eröffnen ,,Chiri Biri“ am Tarpenufer. Zwei Jahre später folgt ,,Chiri Biri“ am Schmuggelstieg, darauf eine Filiale in Poppenbüttel. Alles dreht sich jetzt um exquisite Damenmode. Nicht nur Norderstedts Elite kauft bei ,,Chiri Biri“ ein, der Kundenkreis ist grenzenlos. Auch Damen aus Showbiz und TV lieben die „Zauberei“ vom Schmuggelstieg.

Dazu tragen große Modenschauen mit mehr als 400 Gästen im Ballsaal des Nobel-Restaurants ,,Randel“ in Poppenbüttel bei. Die Karten für die Vorstellungen sind begrenzt und heiß begehrt. Schauspieler und Sänger Rüdiger Wolff, Fernsehzuschauern der ,,Aktuellen Schaubude“ bestens bekannt, moderiert die aufwendigen Shows. Die Bühnenbilder hat Heidulf Waldschmidt höchstpersönlich entworfen und bis ins Detail skizziert – ohne Computer, nur mit Block und Bleistift.

Schaufensterpuppen werden von Hand geschminckt

,,Safari-Look im Sommer – damit der Wüstenwind den Körper liebkost“, lautet die Schlagzeile der Norderstedter Zeitung vom 9. April 1984 über eine der Sommermodenschauen. Im Waschleder-Zweiteiler und im opiumfarbenen Chintz-Blouson-Anzug wirbeln die Models über die Bühne. ,,Die Mannequins bekamen eine Tagesgage von 400 Mark. Viel Geld damals“, verrät Dagmar. Nachdem das Restaurant ,,Randel“ schloss, gab es weiterhin Modenschauen für die Norderstedter Stammkunden am Schmuggelstieg. Erst Ende der 1990er-Jahre war damit Schluss.

Irgendwann trennte sich das Paar. Inzwischen sind Dagmar und ihr Mann beide zum zweiten Mal verheiratet. Aus Dagmar Waldschmidt wurde Dagmar Reinshaus. Nach wie vor berät die Geschäftsfrau am Schmuggelstieg mit viel Freude anspruchsvolle Kundinnen. ,,Sie vertrauen auf uns. Wir sagen ihnen, was sie tragen können und was nicht“, sagt die Geschäftsfrau.

Ab und zu schaut Jagienka Waldschmidt im Laden vorbei, Heidulf Waldschmidts zweite Frau. Die Fachkosmetikerin hat ein eigenes Studio und kümmert sich auch um die englischen Root-stein-Puppen bei ,,Chiri Biri“. Die seltenen Schaufensterpuppen aus den 1970er-Jahren sind Original-Models aus England nachempfunden und werden von Hand geschminkt. Für die Fachkosmetikerin kein Problem - solange sie die notwendige Spezialschminke hat. ,,Seit England nicht mehr in der EU ist, hapert es mit dem Nachschub“, sagt Heidulf. Folglich hat er von zwölf Puppen bereits sieben an Sammler verkauft. Und ersetzt sie nun durch italienische Büsten.

Waldschmidt schließt aus gesundheitlichen Gründen

Durch eine Falltür gelangt man vom Laden ins Untergeschoss. Dort lagert in einem Magazin feinsäuberlich verpackt und akkurat sortiert ein Fundus aus Requisiten und Tausende Dekoteile – vom Original-Western-Sattel aus der Lee-Werbung über Naturmaterialien, Steinchen und Stoffe bis hin zu Zebras und bunten Fischen aus Pappmaschee, die irgendwann einmal die Schaufenster von ,,Chiri Biri“ geschmückt haben.

Oben im Verkaufsraum drapieren sich die beiden Frauen um das große englische Sofa. ,,Das wollte mir mal ein Fußballprofi vom HSV abkaufen. Für 30.000 Mark. Ich habe Nein gesagt“, verrät Heidulf Waldschmidt und nimmt fürs Foto auf dem Sofa Platz.

Aus gesundheitlichen Gründen nimmt der Inhaber Abschied vom Modegeschäft. Der Laden bleibt noch bis zum 31. Dezember sporadisch für Stammkunden geöffnet. Was bleibt nach 50 Jahren Zauberei im Modegeschäft? ,,Es war eine wunderbare Zeit mit wunderbaren Menschen und wunderbaren Erlebnissen. Es bleiben wunderschöne Erinnerungen“, sagt Heidulf. ,,Es ist ein Lebenswerk“, ergänzt Dagmar.

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