Kaltenkirchen

Pastor Ernst Biberstein: Vom Kreuz zum Hakenkreuz

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Wolfgang Klietz
15. September 1947 bei den Nürnberger Prozessen: Ernst Biberstein (am Mikrofon ganz rechts) bekennt sich während seiner Anklage im Einsatzgruppen-Prozess auf nicht schuldig.

15. September 1947 bei den Nürnberger Prozessen: Ernst Biberstein (am Mikrofon ganz rechts) bekennt sich während seiner Anklage im Einsatzgruppen-Prozess auf nicht schuldig.

Foto: United States Holocaust Memorial Museum / courtesy of Benjamin Ferencz

Ingrid Adams forschte zur Geschichte des Kaltenkirchener SS-Verbrechers. Was die Historikerin herausgefunden hat.

Kaltenkirchen . Wer verstehen will, warum im Nationalsozialismus mutmaßlich kultivierte Bürger zu skrupellosen Verbrechern mutierten, könnte eine Antwort in der Biografie von Ernst Biberstein finden. Der Kaltenkirchener Pastor hat eine Wandlung vollzogen, die selbst für die damalige Zeit extrem war: Der Seelsorger verwandelte sich unter dem NS-Regime in einen Massenmörder.

NS-Verbrecher: Biografie zu Kaltenkirchener SS-Mann erschienen

Wie sich eine Persönlichkeit und ein Lebensweg in dieser Weise entwickeln konnte, versucht die Autorin Ingrid Adams in ihrer neu erschienen Biografie „Ernst Biberstein: Vom evangelischen Pfarrer zum SS-Verbrecher“ zu erklären. Der Untertitel „Eine Biographie als Strukturanalyse der NS-Täterschaft“ soll zeigen, dass sie anhand des Lebens von Biberstein grundsätzlich die Frage beantworten will, warum jemand zum Täter wurde.

Fast 1000 Seiten ist das Werk lang geworden. Wer sich jedoch neue Informationen über Bibersteins Arbeit als Pastor in Kaltenkirchen erhofft hat, wird enttäuscht. Der Ort taucht kaum in dem Werk auf, obwohl sich gerade während der zehnjährigen Arbeit als Seelsorger im Kreis Segeberg die Wandlung am besten dokumentieren ließe.

NS-Verbrecher: Vom Kreuz zum Hakenkreuz

Als Erster hat der Alvesloher Geschichtsforscher Gerhard Hoch Bibersteins Hinwendung vom Kreuz zum Hakenkreuz in seinem Buch „Ernst Szymanowski-Biberstein. Die Spuren eines Kaltenkirchener Pastors“ dokumentiert. Auch Hoch hatte die Entwicklung der Biografie als einen „in Deutschland einmaligen Fall“ beschrieben und meint damit auch die kurzzeitige Wiederbeschäftigung Bibersteins in der evangelischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ursprünglich hieß er Ernst Szymanowski und wurde 1927 Pastor in Kaltenkirchen. Ein Jahr zuvor war er in die NSDAP eingetreten und nannte sich selbst „SA-Pastor“, lud zu Feldgottesdiensten und Fahnenweihen ein. Aktiv arbeitete er am Aufbau der Partei im Ort und im Kreis Segeberg mit. Im November 1933 wechselte Biberstein als Propst nach Bad Segeberg und blieb bis August 1935 im Amt. Unter dem Talar trug er häufig die SA-Uniform.

NS-Verbrecher Biberstein trat 1936 in die SS ein

1936 trat Biberstein als Untersturmführer in der SS ein. Es folgten Beförderungen. 1938 trat er aus der Kirche aus. Ab 1. Juni 1941 leitete er die Dienststelle der Gestapo in Oppeln, war an der Deportation von Juden beteiligt. Später befahl er in der Ukraine die Ermordung von mehreren 1000 Menschen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Biberstein zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt. Biberstein wurde zu lebenslanger Haft begnadigt und am 9. Mai 1958 aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen.

Bereits 1953 hatte die evangelische Kirche Schleswig-Holstein ihn wieder aufgenommen. Biberstein verstarb 1986 in Neumünster im Alter von 87 Jahren. Die Kirchengemeinde Kaltenkirchen erinnert seit April 2015 mit einer Mahntafel an die Opfer des ehemaligen Pastors, der von 1927 bis 1933 an der Michaeliskirche predigte. Auf der Tafel im Gottesdienstraum wird der Name des Pastors nicht genannt.

NS-Verbrecher Biberstein war glühender Hitler-Verehrer

Warum sich Biberstein Ende der 1920er-Jahre dem Nationalsozialismus anschloss, beschreibt die Autorin so: Nach den für ihn traumatisierenden Erfahrungen als junger 18-jähriger Soldat während des Ersten Weltkrieges sowie bestürzt durch den Kieler Matrosenaufstand, der zu den politischen Wirren der Novemberrevolution 1918 und dem Zusammenbruch der Monarchie geführt hatte, habe er Hitler als Identifikationsfigur glühend verehrt und im Nationalsozialismus eine Projektionsfläche für Veränderungssehnsüchte politischer und insbesondere sozialpolitischer Art gefunden.

Außerdem habe Biberstein den Versailler Vertrag mit der Zuweisung der Kriegsschuld an Deutschland als Demütigung angesehen, die die nationale Ehre beleidige.

NS-Verbrecher: Persönliche Aufzeichnungen Bibersteins fehlen

Damit ist Grundsätzliches über die psychische Verfassung des Massenmörders gesagt, aber nicht genug, um wirklich die Verwandlung zu verstehen und die Zeit in Kaltenkirchen nachzuvollziehen. Der Geistliche gehörte zu den Millionen Deutschen, die das Ende des Krieges und der Monarchie als Schmach empfanden. Somit fällt die Antwort auf das Warum in diesem individuellen Fall dünn aus.

Ihr Ziel sei nicht eine psychologische Studie zu erstellen, schreibt die Autorin, zumal ihr Tagebücher, persönliche Briefe oder spätere reflektierende Aufzeichnungen fehlten, aus denen die Motivation zum Massenmord eindeutig entnommen werden könnte.

Damit verspricht der Titel zu viel. Dennoch liefert Ingrid Adams umfassende Informationen über einen NS-Verbrecher, der in der NSDAP-Hochburg Schleswig-Holstein als Geistlicher arbeitete und schon während dieser Zeit die Wandlung zum Mörder vollzog.

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