Kreis Segeberg

Der „Revolution Train“ rollt endlich nach Norderstedt

| Lesedauer: 5 Minuten
Christopher Herbst
Szene aus dem „Revolution Train“: Die Jugendlichen erleben eine inszenierte Fixer-Wohnung. Das Anti-Drogen-Projekt setzt auf Abschreckung.

Szene aus dem „Revolution Train“: Die Jugendlichen erleben eine inszenierte Fixer-Wohnung. Das Anti-Drogen-Projekt setzt auf Abschreckung.

Foto: STIFTUNGSFONDS NEUES TSCHECHIEN

Das tschechische Projekt macht Suchtprävention für 1700 Jugendliche in Norderstedt. Warum es umstritten ist.

Norderstedt.  Mit drastischen Bildern und Erfahrungsberichten junge Menschen möglichst von Drogen abhalten – mit diesem Ziel rollt derzeit der „Revolution Train“ durch die Republik. In diesen Tagen macht das tschechische Projekt Halt in Thüringen. Und demnächst dann auch in Norderstedt. Was eigentlich schon vor einem Jahr der Fall sein sollte, ehe die Pandemie die Weichen auf Rot stellte.

Jetzt ist Corona aber unter Kontrolle, sodass der umgebaute Zug am 18. Oktober auf das Stammgleis fahren und nahe des Stadtparks für eine Woche Station machen wird, ehe es weitergeht nach Bad Segeberg und Bad Bramstedt. Initiator ist die Kreisverkehrswacht.

„Revolution Train“: Projekt ist umstritten

Somit können sich Befürworter und Kritiker endlich ein Bild machen. Der Zug polarisiert, Fachleute aus der Suchthilfe, von Verwaltungen sind konträrer Meinung über Sinn und Zweck. Der Ansatz sei überholt, heißt es mancherorts eine Prävention müsse positiver gestaltet werden, alles würde nicht der Lebensrealität Heranwachsender entsprechen. Selbst das schleswig-holsteinische Sozialministerium hält wenig von diesem Modell.

Die Finanzierung von rund 110.000 Euro steht dennoch – unter anderem beteiligen sich der Kreis, die Stadt Norderstedt und die Gemeinde Henstedt-Ulzburg, dazu viele Privatsponsoren und weitere Institutionen. Der Revolution spiegele sehr wohl die Realität wieder, sagt Ulrike Bülter, Leiterin des Jugendamtes in Norderstedt. „Das Jugendamt hat nicht nur den Auftrag, für Kinderschutz zu sorgen, sondern auch, Kinder und Familien präventiv zu unterstützen.“

Zahl der Drogendelikte nimmt zu

Die Corona-Zeit habe den Bedarf steigen lassen, genauso die Fallzahlen. Jürgen Schlichting von der Kreisverkehrswacht, der den Zug gegen Widerstände durchsetzen konnte, untermauert die Situation mit Zahlen aus der Polizeistatistik für Norderstedt. Hier wurden im letzten Jahr 266 Fälle von Drogenkonsum oder -handel durch die Polizei erfasst, das waren 81 mehr als noch 2019.

„Und das betrifft überwiegend die Jugend“, sagt er, also alle unter 21. Meistens geht es um Cannabis. „Die jüngsten Fälle waren 13 Jahre alt. Das ist sehr erschreckend. Hilfseinrichtungen sind teilweise überlaufen. Dort schlagen 14--Jährige auf, die sagen: Helfen Sie mir mit Cannabis.“

Eine Tour durch den Zug dauert 90 Minuten

Nicht selten sind die jeweiligen Familien dem Jugendamt bekannt. Auch, weil die Eltern ebenfalls abhängig sind, etwa von Heroin, also einer Prävention im Wege stehen. Ulrike Bülter beschreibt den Aufwand, um Jugendliche zu betreuen. „Ein Platz in einer Suchttherapie kostet täglich 400 bis 500 Euro. Teilweise müssen wir sie in Süddeutschland unterbringen. Für die jährlichen Kosten für einen jungen Menschen haben wir locker einen Revolution Train raus.“

Gezeigt werden exemplarisch mehrere Abschnitte im Leben einer süchtigen Person, begleitet durch eine Moderation. Und zwar nicht im Schnelldurchlauf, sondern 90 Minuten lang. Die Konfrontation mit diesem Schicksal sei nicht zu heftig – schließlich würden Teenager online oftmals nicht minder explizite Darstellungen ohne Aufsicht konsumieren. Jürgen Schlichting nennt das ein „ganz anderes mediales Verständnis“.

„Revolution Train“ richtet sich an siebte und achte Klassen

Sprich: Ein klassischer Vortrag über die Gefahren von Drogen holt schwierige Fälle sowieso nicht ab. Auch Wolfgang Banse, Sprecher des Kriminalpräventiven Rates in Norderstedt und vor seiner Pensionierung Jugendbeauftragter der Polizei, sieht das ähnlich. „Wir müssen die jungen Leute so überzeugen, dass sie sagen: Ich brauche das nicht.“

Die Zielgruppe sind siebte und achte Klassen, dazu das Berufsbildungszentrum. Laut Stadt ist der „Revolution Train“ ausgebucht. 1700 Schülerinnen und Schüler sind angemeldet allein für Norderstedt, kreisweit sogar 4500. Sie werden anschließend anonymisiert befragt, sodass das Projekt ausgewertet werden kann. „Es geht auch um Gruppenzwang“, sagt Ulrike Bülter, „also, was in Cliquen geschieht und wie Suchtstrukturen entstehen. Wir haben es mit Alkohol, Cannabis, mit synthetischen Drogen zu tun, mit Essstörungen, Zuckersucht, Computersucht. Und jedes Mal sind dahinter bestimmte Strukturen.“

Jürgen Schlichting ist zuversichtlich, dass der „Revolution Train“ einen positiven Effekt haben wird. „Ein Kriminalbeamter aus Hamburg, der das Projekt betreut, sagte mir, dass sie Fälle eingefangen hätten. Es geht um die Leute, die wir vielleicht noch in die richtige Richtung bringen können.“ 9000 Euro am Tag würde der Zug kosten. „Das sind 22 bis 23 Euro pro Schüler.“ Und das solle die Prävention ja allemal wert sein.

Tag der offenen Tür am „Revolution Train“: Sonnabend, 23. Oktober, 10 bis 17 Uhr. Allerdings sollten Jugendliche mindestens 12 Jahre alt sein und von ihren Eltern begleitet werden.

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