Bengt Bergt

Nach 45 Jahren sitzt wieder ein Norderstedter im Bundestag

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Frank Knittermeier
Wahlsieger Bengt Bergt (39, SPD) steht am Morgen nach der Bundestagswahl vor dem SPD Podium an der Ochsenzoller Straße in Norderstedt.

Wahlsieger Bengt Bergt (39, SPD) steht am Morgen nach der Bundestagswahl vor dem SPD Podium an der Ochsenzoller Straße in Norderstedt.

Foto: Christopher Herbst

SPD-Kandidat Bergt gewinnt das Direktmandat im Wahlkreis 8 und geht nach Berlin. Für den 39-Jährigen ändert sich das Leben grundlegend.

Kreis Segeberg.  45 Jahre, fast ein halbes Jahrhundert, ist es her, dass ein Norderstedter als Bundestagsabgeordneter nach Bonn fuhr. Bei der Bundestagswahl 1976 schaffte der SPD-Kandidat Günther Heyenn den Sprung über die Liste ins Bundesparlament. 2021 macht es ihm der SPD-Kandidaten Bengt Bergt im ersten Anlauf nach – allerdings mit Direktmandat, und dieses Mal geht die Fahrt nach Berlin.

SPD-Kandidat Bergt gewinnt Direktmandat

Bergt ist der Gewinner im Wahlkreis 8 (Segeberg/Stormarn-Mitte). Mit 32,0 Prozent der Erststimmen ist ihm ein deutlicher Sieg gegen den langjährigen Bundestagsabgeordneten und CDU-Kandidaten Gero Storjohann gelungen. Dieser muss einen herben Stimmenverlust von 13,2 Prozent hinnehmen und kommt auf nur 27,9 Prozent. Storjohann indes belegt auf der CDU-Landesliste Platz fünf und kommt so ebenfalls in den Bundestag. Für den grünen Direktkandidaten Nils Bollenbach stimmten im Wahlkreis 13,7 Prozent der Wähler (+5,4).

Für Wahlsieger Bengt Bergt (39) ändert sich das Leben grundlegend. Er muss sich, wie alle anderen gewählten Bundestagsabgeordneten auch, bereits Dienstagmorgen um 8 Uhr im Bundestagsgebäude melden, um Instruktionen für die künftige Tätigkeit entgegenzunehmen. Seinen Job als Betriebsratsvorsitzender beim Windenergiekonzern Nordex gibt er auf.

Wahlsieger Bergt will Energiewende vorantreiben

Für gestandene Sozialdemokraten war schon die Wahl Bengt Bergts zum Bundestagskandidaten eine Überraschung: Den üblichen Weg durch die Parteiinstanzen musste er nicht antreten, ein größeres Parteiamt hat er nie bekleidet, in der Kommunalpolitik war er auch nicht aktiv. Der gebürtige Brandenburger – Bengt Bergt kommt aus Luckenwalde – hat sich als Gewerkschaftler profiliert und brachte es zum Konzern- und Europavorsitzenden des Nordex-Betriebsrats.

„Ich kann gut reden, bin Gewerkschaftler und komme aus der Windenergie“, sagt Bergt, der in seiner Freizeit Drummer in einer Heavy-Metal-Band ist. „Das waren offenbar gute Voraussetzungen, um mich zum Kandidaten zu wählen.“ Im Bundestag möchte Bergt, der seit 2013 mit seiner Frau Tine in Norderstedt wohnt, im Ausschuss für Arbeit und Soziales mitarbeiten und sich in der Industriepolitik engagieren, um dort die Energiewende voranzutreiben. „Am liebsten wäre es mir, wenn SPD und Grüne alleine regieren würden, zu künftigen Koalitionen kann ich nichts sagen.“

Storjohann (CDU) zieht über Landesliste in Bundestag ein

Gero Storjohann (63) tritt wahrscheinlich seine letzte Periode im Bundestag an. Seit 2002 sitzt er in Berlin. Für ihn war es eine unruhige Wahlnacht. Er musste lange um den Einzug in den Bundestag bangen. Erst in den frühen Morgenstunden stand fest: Platz fünf auf der CDU-Landesliste reicht gerade noch für den Wiedereinzug. „Gegen den Bundestrend komme ich natürlich auch nicht an“, sagt Gero Storjohann.

Er hat jetzt vier Jahre Zeit, seinen Nachfolger aufzubauen. Erste Weichen werden am Wochenende gestellt: Auf dem Jubiläumsparteitag am Sonnabend, 2. Oktober, wählen die Delegierten einen neuen Kreisvorsitzenden. Und das wird aller Voraussicht nach der Landtagsabgeordnete Ole-Christopher Plambeck aus Henstedt-Ulzburg sein. Für den CDU-Kreisverband bedeutet das eine Zäsur: Gero Storjohann hat die CDU im Kreis Segeberg 24 Jahre geführt.

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Grünen-Kandidat mit passablem Ergebnis

Für den Grünen-Kandidaten Nils Bollenbach (20) aus Bargteheide ist die Welt auch nach der Bundestagswahl noch Ordnung. Er hat zwar nicht so viele Erststimmen geholt wie erhofft, aber 13,4 Prozent sind für ihn ein passables Ergebnis. „Viele Wähler wollten wahrscheinlich keine Stimmen verschenken und haben mich deshalb nicht gewählt“, vermutet Bollenbach. „Ich engagiere mich weiter und kann mir vorstellen, in vier Jahren wieder zu kandidieren, denn durch diesen Wahlkampf habe ich viel gelernt.“

Während die Grünen aus dem Wahlkreis 8 ihn überraschend zum Direktkandidaten kürten, war der Landesverband vermutlich eher skeptisch: Auf Platz 13 der Landesliste stand Ulrike Täck einen Platz vor Nils Bollenbach – sie hatte sich im Wahlkreis 8 vergeblich um ein Direktmandat bemüht. Gereicht hat es für beide nicht.

So lief die Bundestagswahl in den Wahlkreisen 3 und 6

​Wer diesen Wahlkrimi bis zum Schluss erleben wollte, brauchte Ausdauer. Erst in der Nacht zu Montag stand fest, dass der Christdemokrat Mark Helfrich sein Direktmandat gegen Karin Thissen (SPD) im Wahlkreis 3 (Steinburg/Dithmarschen-Süd), zu dem auch Bad Bramstedt und das Umland gehören, verteidigen konnte. Helfrich errang 39.434 und damit gerade einmal 70 Stimmen mehr als seine Konkurrentin.

Um 1.09 Uhr stand das Ergebnis fest. „Wir haben danach noch lange gefeiert“, sagt Helfrich, der zum dritten Mal direkt den Wahlkreis eroberte und landesweit einer von nur noch zwei Christdemokraten ist, die direkt gewählt wurden. Dabei musste er Verluste von 12,7 Prozent einstecken.

Sie sei mit einem Fuß schon im Bett gewesen, als sie die Nachricht von der Niederlage erhalten habe, berichtet Karin Thissen. 2013 war sie erst als Nachrückerin in den Bundestag gekommen, 2017 scheiterte sie. „Das war es denn auch“, sagte die Tierärztin, die nicht noch einmal antreten will. Derzeit überlegt die Sozialdemokratin, ob sie wegen der extrem knappen Niederlage eine Neuauszählung prüfen lässt.

Klinck (SPD) schlägt Bernstein (CDU) in Wahlkreis 6

Ein knappes Rennen lieferten sich im Wahlkreis 6 (Plön-Neumünster) die Wahlstedterin Melanie Bernstein (CDU) und Kristian Klinck (SPD). Der Sozialdemokrat gewann und wird als Neuling im Bundestag den Wahlkreis vertreten, zu dem auch die Gemeinden des Amtes Boostedt-Rickling zählen. Am heutigen Dienstag steht Klincks erster politischer Termin in Berlin auf dem Programm: Er wird an der konstituierenden Sitzung der Fraktion teilnehmen.

„Meine Heimat im Bundestag vertreten zu dürfen, ist für mich die größte Ehre meines Lebens“, sagte Klinck und versprach, oft im Wahlkreis präsent zu sein. Melanie Bernstein hat nach einer Legislatur ihr Mandat in Berlin verloren und will sich nun beruflich neu orientieren. „Ich hatte keinen Plan B“, sagt sie. „Dann hätte ich mich nicht mit voller Kraft auf den Wahlkampf konzentriert.“ Ihr politisches Engagement werde sie fortsetzen.

Zwei weitere Abgeordnete werden ebenfalls Teile des Kreises Segeberg im Bundestag vertreten. Aus dem Wahlkreis 3 (Steinburg/Dithmarschen-Süd) errangen auch Wolfgang Kubicki (FDP) und Ingrid Nestle (Grüne) über die Landesliste einen Sitz im Bundestag.

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