Migration

Wie Migrantenkinder die Welt verbessern wollen

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Zuzanna Viola
Nare Mistou und Loma Aktan (Mitte, kniend) mit den übrigen Stipendiaten bei ihrem Treffen im Freilichtmuseum Molfsee.

Nare Mistou und Loma Aktan (Mitte, kniend) mit den übrigen Stipendiaten bei ihrem Treffen im Freilichtmuseum Molfsee.

Foto: Start-Stiftung

Das Start-Stipendium unterstützt die Jugendlichen in der deutschen Gesellschaft – und befähigt sie, ihre Pläne und Ziele zu erreichen

Kreis Segeberg.  Eine feierliche Atmosphäre herrscht im Freilichtmuseum Molfsee. Nare Mistou (15) aus Sülfeld und Loma Aktan (14) aus Ellerau sind aufgeregt. Die Start-Stiftung hat die beiden Mädchen aus dem Kreis Segeberg an diesem Abend eingeladen, ebenso wie sechs weitere Jugendliche aus Schleswig-Holstein. Nare, Loma und die anderen jungen Gäste teilen in ihren Biografien eine Geschichte – die über ihre Einwanderung nach Deutschland.

Jedes Jahr nimmt die Start-Stiftung etwa 190 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland mit Einwanderungsgeschichte in ihr dreijähriges Bildungs- und Engagementprogramm auf. Das Stipendium umfasst Workshops, in denen den Jugendlichen Wissen zu den Themenfeldern Politik, Gesellschaft, Kultur, Medien und den vier MINT-Fächern vermittelt wird. Ausflüge und erlebnispädagogische Angebote stehen auch auf der Tagesordnung sowie ein neuer, digitaler Campus. „Die Förderung von Medienkompetenz war schon immer Teil des Start-Programms. Unabhängig von Mobilität, Zeitpunkt und Vorkenntnis eröffnet der Start-Campus nun neue Dimensionen des digitalen Lernens und Zusammenarbeitens”, sagt Stefanie Kreyenhop, Geschäftsführerin der Start-Stiftung.

Auch finanzielle Förderung erhalten die Jugendlichen, jährlich 1000 Euro Bildungsgeld. Bisher ist das Stipendienprogramm der Start-Stiftung das einzige, welches Schülerinnen und Schülern bundesweit angeboten wird.

Nare Mistou und Loma Aktan sind seit diesem Jahr dabei. Mit gerade einmal sieben Jahren musste Nare ihre Heimat Syrien verlassen und floh gemeinsam mit ihren Eltern nach Deutschland. Der Grund? Sie sind Jesiden, die von dem IS verfolgt und ermordet werden. Die Flucht war der einzige Ausweg, um zu überleben. Nun lebt die Familie in Sülfeld und fühlt sich hier wohl. „Deutschland ist zu meiner Heimat geworden“, erzählt Nare.

In Bad Oldesloe geht sie auf das Theodor-Mommsen-Gymnasium. Auf das Start-Stipendium brachte sie ihre Lehrerin. Nach einer kurzen Recherche stellte sie fest: „Da muss ich mich anmelden!“ Ihr Hauptgrund war das gemeinnützige Projekt, welches die Schülerinnen und Schüler während ihres Stipendiums entwickeln. Nare hat schon eine klare Vorstellung: „Ich möchte über meine Religion, das Jesidentum, aufklären. So viele Jesiden werden täglich umgebracht und kaum einer spricht darüber. Es wird Zeit den Menschen zu zeigen, wer wir sind, dass wir alle gleich sind.“

Die 15-Jährige gerät schnell in Erklärungsnot, wenn ihre Religion zum Gesprächsthema wird. Komisch angeguckt werde sie oft. Die Menschen wissen nichts über Jesiden und seien skeptisch, sagt Nare. Deshalb braucht es Aufklärung. „Als erstes möchte ich mit Jesiden in Deutschland sprechen und damit den Anker für alles Weitere setzen“, plant sie. Mit Betroffenen zu sprechen sei ihr wichtig, später einmal möchte sie in die Politik gehen. Ihr Wunsch etwas in der Gesellschaft zu bewegen ist groß.

Ihre Mutter beobachtete das schon früh an ihr. Als kleines Mädchen fragte Nare, ob sie mit Putin sprechen könne. Die Mutter guckte verdutzt und fragte, warum. „Ich möchte ihn fragen, ob er ein Stück Russland für die Jesiden übrig hat“, entgegnete Nare. Manche mögen es für kindliche Naivität halten, die Start-Stiftung und Nares Umfeld sieht darin ihr potenzielles politisches Engagement.

Loma Aktan lebt in Ellerau. Ihre Mutter ist als Kurdin in der Türkei aufgewachsen, ihr Vater kommt aus Ungarn. Beide Kulturen prägen Loma, mit beiden ist sie groß geworden. „Ich habe früh erfahren, was es bedeutet, kurdisch zu sein. Wir werden unterdrückt, müssen uns anpassen. Meine Mama hatte es in der Türkei nicht leicht“, erzählt sie. Über den Kurdenkonflikt informiert sich die 14-Jährige schon länger. Das Bewerbungsinterview der Start-Stiftung nutzte sie, um „alles mal rauszulassen, was sich über die Jahre angestaut hatte.“ Loma blickte schon immer kritisch auf die Welt, saß nachdenklich in ihrem Kinderzimmer und formte sich eine friedliche Welt zurecht. Wie Nare fühlte sie sich immer „anders“ als ihre Klassenkameraden. „Ich hatte immer Ideen die Gesellschaft zu verändern“, sagt sie. „Aber ich wusste nicht, wo ich sie einbringen kann.“ Durch ihr ehrenamtliches Engagement in der Diakonie Norderstedt, wo sie geflüchteten Kindern bei den Hausaufgaben hilft und auch mental unterstützt, kam sie auf das Start-Stipendium.

Bettina Kieck, Anerkennungsberaterin dort, schickte ihr die Rundmail zu. Sie schrieb auch ihr Empfehlungsschreiben. Beim Kennenlernwochenende der Stipendiaten traf Loma dann endlich auf Jugendliche, die genauso sind wie sie. „Die Diskussionen dort am Esstisch und meine Reaktionen auf die neuen Meinungen, hätte ich am liebsten aufgenommen“, sagt sie. Dieser Gedanke brachte Loma auf die Idee, einen Podcast aufzunehmen. Dem widmet sie sich nun in ihrem Stipendium-Projekt.

2002 wurde das Start-Stipendium ins Leben gerufen. Seither haben über 3500 Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte teilgenommen. ,,Die Lebensläufe unserer Alumni zeigen, dass unser Programm wirkt: Auch nach Ende des Stipendiums übernehmen viele Verantwortung, setzen sich für die junge Generation ein und gestalten unsere Gesellschaft aktiv mit”, sagt Stefanie Kreyenhop. ,,Sie sind der beste Beweis dafür, dass Diversität und die Erfahrung einen großen Schatz für die Lebendigkeit unser Demokratie darstellen.“

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