Norderstedt

Wer den Amoklauf ankündigte, ist immer noch unklar

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Jörg Riefenstahl
Jamie (17) aus Kaltenkirchen, Schülerin am Berufsbildungszentrum, erlebte den Drohangriff hautnah. Sie wurde anschließend von ihrer Mutter abgeholt.

Jamie (17) aus Kaltenkirchen, Schülerin am Berufsbildungszentrum, erlebte den Drohangriff hautnah. Sie wurde anschließend von ihrer Mutter abgeholt.

Foto: Jörg Riefenstahl

Vor zwei Wochen kündigte ein Unbekannter einen Amoklauf in Norderstedt an. Inzwischen herrscht wieder Normalbetrieb an den Schulen.

Norderstedt . Den Tag werden Schülerin Jamie (17) aus Kaltenkirchen und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler am Berufsbildungzentrum (BBZ) in Norderstedt wohl nie vergessen: Ein unbekannter Anrufer kündigte am Vormittag des 9. September einen Amoklauf im BBZ an der Moorbekstraße an – und versetzte damit 1400 Schüler:innen am BBZ und weitere 700 Schüler:innen am Lessing-Gymnasium stundenlang in Angst und Schrecken.

Die ,,männliche jugendliche Person“, wie es später im Polizeijargon heißen wird, hatte um 10.40 Uhr im Schulsekretariat des BBZ angerufen und die geplante Tat angekündigt. Die Schulleitung löst sofort Alarm aus und verständigt die Polizei. Während sich Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte in ihren Klassenräumen verbarrikadieren, mobilisiert die Polizei alle verfügbaren Kräfte. Streifenwagen rasen mit Blaulicht zum Schulzentrum. Schwer bewaffnete Polizisten sichern das Terrain. Auch die benachbarte Gemeinschaftsschule, das Lessing-Gymnasium und die U-Bahn-Station werden gesperrt.

Gegen 11.10 Uhr geht ein zweiter Anruf im Schulsekretariat ein. Am Telefon ist derselbe junge Mann. Er will seine Entschlossenheit bekräftigen. Die Schüler verharren am Boden in ihren verbarrikadierten Klassenzimmern. Dabei soll es zu dramatischen Szenen. Jamie aus Kaltenkirchen hatte am Vormittag Unterricht im Kompetenzgebäude. ,,Ich selbst habe gar nicht so sehr große Angst gehabt, aber es gab Mitschüler, die weinten. Eine Mitschülerin hatte eine regelrechte Panikattacke“, sagt Jamie. Erst am Mittag entspannt sich die Situation. Um 13.15 Uhr ist der Polizeieinsatz beendet. Schülerinnen und Schüler dürfen nach Hause gehen, schließen ihre vor dem Schulgelände wartenden Eltern fest in die Arme. Tränen fließen.

Schulzentrum steht weiterhin unter Polizeischutz

Zwei Wochen nach der Amok-Drohung erinnert auf den ersten Blick nicht viel an den düsteren Tag. Ein Streifenwagen parkt vor dem Eingang zum Schulzentrum. ,,Das Schulzentrum steht weiterhin unter Polizeischutz“, sagt Polizeisprecher Lars Brockmann.

,,Die Polizei geht verstärkt Streife, das haben wir bemerkt“, ergänzt Carsten Apsel, Schulleiter des Lessing-Gymnasiums. Inzwischen ist Ruhe eingekehrt. 700 Schülerinnen und Schüler besuchen die Bildungseinrichtung. Obwohl sie nicht direkt vom Amok-Alarm am BBZ betroffen waren, bekamen die Lessing-Schüler die Auswirkungen auf besonderem Weise zu spüren: Die Nachricht, ein Amokläufer greife die Lessing-Schule an, verbreitet sich in den Social-Media-Kanälen wie ein Lauffeuer. ,,Amok-Alarm am Lessing-Gymnasium“ titelt die Online-Ausgabe einer großen Boulevard-Zeitung - und sorgt damit für zusätzlichen Zündstoff. ,,Mit so etwas habe ich ein Problem. Die Polizei vor Ort hatte die Entscheidung getroffen, dass alle in ihren Klassenräumen bleiben sollen. Wir haben an unserer Schule keinen Amok-Alarm ausgelöst. Es war eine Falschmeldung“, stellt der Schulleiter heute klar. Statt sich um die verängstigten Schüler in den Klassenzimmern zu kümmern, müssen sich Apsel und sein Team auch um zahlreiche besorgte Eltern kümmern und ihnen am Telefon erklären, wie die Situation an der Schule tatsächlich ist.

Inzwischen haben Schüler:innen und Lehrkräfte den Vorfall analysiert. „Es gab vereinzelt Fälle, dass Schülerinnen und Schüler nach dem Vorfall zu Hause geblieben sind“, sagt Apsel. Einige hätten psychologische Hilfe über die Schulsozialarbeit in Anspruch genommen. Auch die Schulleitung am Lessing-Gymnasium hat Konsequenzen gezogen. ,,Wir haben den Vorfall thematisiert und als Denkanstoß genommen, wie wir besser mit solchen Situationen umgehen und steuern nach.“ Die Lautsprecheranlage wurde überprüft und festgestellt, dass ,,hier und da etwas noch nicht funktioniert“. Auch für Wasser und die Möglichkeit, eine Toilette zu benutzen, sei in einer hoffentlich niemals eintretenden Extremsituation nun gesorgt.

Zehn Schüler:innen haben psychologische Hilfe in Anspruch genommen

Am BBZ wurden die Eltern noch am Tag des Amok-Alarms per Brief informiert, was geschehen war. ,,Die Lehrer haben den Vorfall im Unterricht thematisiert. Wir haben Lautsprecherdurchsagen gemacht, dass wir psychologische Hilfe anbieten“, sagt BBZ-Schulleiterin Ina Bogalski. Zehn Schülerinnen und Schüler haben psychologische Hilfe in Anspruch genommen.

Inzwischen herrscht am BBZ wieder Normalbetrieb. ,,Der Notfallplan hat funktioniert. Wir sind froh, dass wir alles gut bewältigt haben. Das ist ein gutes Gefühl“, sagt Ina Bogalski. Ganz vorbei ist die Sache aber noch nicht. ,,Wenn der Lehrer in der Ausnahmesituation sagt, ,Alle auf den Boden! Weg von den Fenstern!‘ und sich daraufhin alle zwei Stunden lang verbarrikadieren, dann macht das was mit einem. Es ist eine Bedrohung. Hinzu kommt die Ungewissheit. Das hinterlässt Spuren“, sagt der Vater einer 16 Jahre alten BBZ-Schülerin. Die Angst und Anspannung sei so groß gewesen, dass niemand wagte, die Klassentür zu öffnen, als es klopfte und eine Stimme sagte: ,,Hier ist die Polizei. Machen sie auf!“ Einige Lehrerinnen und Lehrer am BBZ haben nach dem Vorfall von Schlafstörungen berichtet. Die meisten der 190 Lehrkräfte hätten aber keine Probleme gehabt, versichert Ina Bogalski.

Wer hinter der Amok-Drohung steckt, ist nach wie vor unklar. Einen Zusammenhang mit Hass-Mails, die vor einigen Wochen nach einem bundesweiten Hacker-Angriff auf der Lernplattform I-Serve kursierten, schließt die Polizei aus. Im aktuellen Fall ermittelt die Kripo wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten gegen Unbekannt. ,,Der Anrufer konnte nicht ermittelt werden. Er hat von einem Anschluss mit falscher Identität agiert“, sagt Lars Brockmann. Der Polizeischutz bleibe bis auf Weiteres bestehen.

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