Afghanistan

„Sie haben schon bei meiner Frau an die Tür geklopft“

| Lesedauer: 8 Minuten
Heike Linde-Lembke
Habibola Samadi aus Kabul lebt in Norderstedt und hat derzeit keinen Kontakt zu seiner Familie in Afghanistan.

Habibola Samadi aus Kabul lebt in Norderstedt und hat derzeit keinen Kontakt zu seiner Familie in Afghanistan.

Foto: Heike Linde-Lembke und Samadi

Habibola Samadi lebt seit 2014 in Norderstedt. In Kabul hat er Familie zurückgelassen – die jetzt die Rache der Taliban fürchtet.

Er kann nicht mehr schlafen, nicht mehr essen – und auch nicht mehr weinen. Habibola Samadi hat nur noch Angst. Nicht um sich. Sondern um seine kleine Familie, seine Ehefrau Sana, Tochter Tamana und Sohn Muzamil. Sie sind den Taliban, den neuen Machthabern in Afghanistan, schutzlos ausgeliefert. In Habibolas Augen steht die unfassbare Furcht, dass seine 29-jährige Ehefrau und sogar seine erst neunjährige Tochter von den islamistischen Gotteskriegern zwangsverheiratet worden sind und sein siebenjähriger Sohn zum Islamismus „erzogen“ wird.

Das Leid, dass ihnen die Taliban antun könnten, die bohrende Ungewissheit und seine eigene Hilflosigkeit lähmen ihn. „Sie haben schon bei meiner Frau an die Tür geklopft wie an alle anderen Türen auch, weil sie Männer für ihr Militär suchen“, sagt Habibola Samadi. Sie habe aber schnell das Licht gelöscht und nicht geöffnet. Das sei gut gegangen. Aber geht das auch beim nächsten Mal gut? Wenn sie wieder klopfen?

Er meistert trotz allem seinen Alltag und arbeitet hart

Habibola Samadi meistert aber trotzdem seinen Alltag. Und der ist hier, in Norderstedt. Aufgeben? Dann siegen die Verfolger, die Peiniger. Das hat ihn sein Vater früh gelehrt. Er macht seinen Job als Fahrer von Material für Solar-Anlagen und fährt jeden Tag Hunderte Kilometer kreuz und quer durch Deutschland, von Norderstedt nach Frankfurt/Main, nach Bayern, nach Berlin, nach Stettin und zurück. Die Angst um seine Familie in Kabul fährt immer mit.

Oder ist die Familie nicht mehr in Kabul? Konnten sie flüchten? Das letzte Foto, das ihm seine Ehefrau Sana auf sein Mobiltelefon schickte, zeigt seine Tochter Tamana, wie sie sich in der Nähe des Bombenanschlags auf den Flughafen in Kabul zusammenkrümmt und die Ohren zuhält. „Zum Glück – sie leben noch“, ist seitdem Habibola Samadis einziger Gedanke. Der hat sich allerdings mittlerweile in „Leben sie noch?“ und „Wo und wie leben sie?“ gewandelt.

Dass die Taliban auch ihn buchstäblich im Visier haben, schüttelt er ab. Auf sein Handy wurde ihm ein Drohbrief an seinen Vater Feda Faqir Mohammad Samadi zugespielt. Er ließ ihn von einem beeidigten Dolmetscher des Landgerichts Itzehoe aus der Sprache Paschto ins Deutsche übersetzen: Die Taliban drohen, die gesamte Familie zu ermorden, falls er, Habibola, sich nicht bei ihnen melden würde. Mit seinen Eltern in Pakistan hat er noch Kontakt.

Habibolas Schwester war mit einem Taliban verheiratet, der sie schwer misshandelte. Der Vater Feda Mohammed Samadi beauftragte seinen Sohn, mit der Schwester nach Europa zu fliehen, während er mit der restlichen Familie nach Pakistan ging. Das war am 3. Februar 2014. Zwei Jahre später entdeckten die Taliban den Vater und überfuhren ihn mehrmals mit einem Auto. Er verlor ein Bein, kann nicht mehr laufen.

Am 3. Februar 2014 begann für Habibola Samadi, seine Schwester und ihre beiden Kinder die große Flucht. Sie dauerte fast ein Jahr. Mal gingen sie allein, mal schlossen sie sich mit anderen Flüchtlingen zu einer Gruppe zusammen. Sie mussten zu Fuß über breite Straßen und steinige Pfade in den Bergen. Zuerst liefen sie 15 Tage durch Iran, kamen in die Türkei, fuhren mit einem Auto nach Istanbul. Doch von dort per Flieger nach zwei Stunden in Hamburg zu landen – aussichtslos. Sie mussten zu Fuß weiter nach Bulgarien. Dort wurde er verhaftet und ins Gefängnis gesperrt. Seine Schwester konnte mit anderen Frauen und den Kindern weitergehen, er entkam durch ein kleines Fenster. Fünf Tage und vier Nächte sei er gelaufen, bis er Sofia erreichte und – seine Schwester wiederfand.

Von Sofia liefen sie zu Fuß nach Serbien, durch Ungarn nach Österreich, bis sie endlich Deutschland erreichten. Von Bayern fuhren sie mit dem Zug ins Aufnahmelager nach Neumünster. Nächste Station: Norderstedt. „Norderstedt ist meine Lieblingsstadt, hier sind alle Menschen so freundlich und hilfsbereit“, schwärmt Habibola Samadi.

Der 30-Jährige hat nicht viel Gutes in seinem Leben gesehen. Schon 2010 flüchtete er mit zwei Freunden vor den Taliban, wurde aber von der islamistischen Terror-Miliz aufgegriffen: „Wir mussten niederknien, ich war in der Mitte, als die Taliban einen meiner Freunde köpften. Ich sollte für sie arbeiten, als ich das ablehnte, schossen sie mir ins Bein und in die Schulter.“ Die Kugel wanderte von der Schulter in seine Hand. Dort sitzt sie immer noch. Er konnte ihnen entkommen, quer durch den Krieg, zu seiner Familie.

Die große Sehnsucht nach seiner Heimat ist nach dem plötzlichen Abzug der westlichen Allianz der Nato-Truppen einer tiefen Trauer gewichen. Er möchte in Norderstedt bleiben und hofft, dass seine Ehefrau und seine Kinder zu ihm kommen können. Seine Ausbildung zum Mechatroniker hat er abgeschlossen, er hat einen festen Arbeitsvertrag und eine Wohnung, er spricht fließend Deutsch, arbeitet ehrenamtlich beim Norderstedter Willkommen-Team und erhielt als Dank eine Anerkennungsurkunde. Er hat sogar im Migrantenchor des Gefangenenchores der Oper „Nabucco“ von Giuseppe Verdi an der Hamburgischen Staatsoper mitgesungen. „Ich habe in Afghanistan immer gesungen, heute singt dort niemand mehr“, sagt Habibola Samadi wehmütig.

Ist das Leid groß, malt er oder bastelt für die Kinder

Wenn gar nichts mehr geht, nicht essen, nicht schlafen, nicht weinen, dann malt er große Bilder oder baut für seine Kinder Autos aus Metall, beispielsweise einen Mercedes. Und er will ein Buch über sein Leben schreiben. Gleichwohl er erst 30 Jahre alt ist. Doch Habibola Samadi hat so viel erlebt wie andere nicht in sieben Jahrzehnten. Viel Gutes war noch nicht dabei.

Einst waren sie sieben Brüder und Schwestern. Ein Bruder wurde in Afghanistan von US-Bomben getroffen. Habibola Samadi stand neben ihm. Er nahm seinen toten Bruder auf die Schulter und schleppte ihn über zwei Kilometer in sein Elternhaus. Als die Mutter ihren toten Sohn sah, fiel sie ins Koma. 2008 war das, als die US-Truppen Bomben auf Kandahar warfen. Auch ein weiterer Bruder wurde von den Bomben getroffen, Samadi sammelte den zerfetzten Körper ein. Das ist die Pflicht eines Bruders. Viele Tote hat er gesehen, nicht nur seine eigenen Brüder. Nur seine Schwester, mit der er floh, ist ihm von insgesamt sechs Geschwistern geblieben.

Hoffnung? „Ich hoffe, dass ich bald in Deutschland nicht nur eine Duldung habe, sondern eine anerkannte Aufenthaltsgenehmigung, dass ich meine Familie finde und sie hierher holen kann – heil und gesund“. Er hofft auf Hilfe von der Nato, vom Auswärtigen Amt, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, von Human Rights Watch, von irgendeiner Organisation, die seiner Frau und seinen Kindern helfen. Er hat alle notwendigen Dokumente seiner Familie, Pässe, Ausweise, Heiratsurkunde. Und er hofft, dass die Erzählungen, was die Taliban mit jungen Frauen und kleinen Mädchen machen, aufhören.

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