Haspa-Filiale Norderstedt

Nach Einbruch mit Bohrer: Opfer fühlen sich "hingehalten"

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Jörg Riefenstahl
Die Filiale der Hamburger Sparkasse an der Rathausallee.

Die Filiale der Hamburger Sparkasse an der Rathausallee.

Foto: Jörg Riefenstahl

Erstgespräche mit betroffenen Haspa-Kunden. Filialleiter: "Viel Emotionalität im Spiel". Worauf es die Täter abgesehen hatten.

Norderstedt. Es war einer der spektakulärsten Bankeinbrüche der vergangenen Jahre: Mit einem Spezialbohrer schnitten Bankräuber ein Loch in die Betondecke des Tresorraums der Haspa-Filiale an der Rathausallee in Norderstedt. Durch das Loch gelangten sie in den Tresorraum, brachen etwa 600 der 1200 Schließfächer auf – und entkamen unerkannt mit ihrer Beute.

Sechs Wochen ist das nun her. Und immer noch sind viele Fragen offen. Wie konnten die Täter unbemerkt in den Tresorraum gelangen? Warum hat die Alarmanlage nicht ausgelöst? Gibt es eine heiße Spur? Seit zwei Wochen ist die Haspa-Filiale wieder für Kunden geöffnet. ,,Wir kriegen langsam wieder einen Hauch von Normalität für unsere Kunden hin“, sagt Filialleiter Jan-Göran Schümann dem Abendblatt. Die Stimmung in der Filiale sei weiterhin von Emotionalität geprägt. ,,Wir sind froh, dass wir wieder geöffnet haben. Gleichzeitig erleben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hautnah, was es bedeutet, wenn Kunden von Schicksalsschlägen betroffen sind. Wir kümmern uns um diese Kunden.“

Haspa-Überfall in Norderstedt: 500 Schließfächer sind unversehrt geblieben

Unterdessen läuft der Geschäftsbetrieb an der Rathausallee wieder ohne Einschränkungen. 500 Schließfachkunden, die nicht unmittelbar von dem Einbruch betroffen waren, haben die Filiale schon wieder besucht. Sie hätten ,,positive Reaktionen“ gezeigt, so Schümann. Es habe sich herausgestellt, dass von den äußerlich ramponierten Fächern, die von den Bankräubern nicht geöffnet worden waren, ,,kein einziges“ von weiteren Schäden betroffen sei, was den Inhalt anbetrifft. Mit 100 der 520 Sparkassen-Kundinnen und Kunden, die Opfer des Einbruchs geworden sind, habe es bereits Erstgespräche in den Haspa-Filialen am Langenhorner Markt und am Großen Burstah in der Hamburger Innenstadt gegeben.

Die Gespräche werden in gesonderten Räumen und nach Terminvereinbarung geführt. Vor allem ältere Kundinnen und Kunden, die vom Schließfachraub betroffen sind, hätten die Filiale in Norderstedt Mitte auch direkt angesteuert. ,,Dabei ist viel Emotionalität im Spiel. Sie suchen Ansprechpartner. Wir helfen ihnen und stellen ihnen Spezialisten zur Seite“, sagt Filialdirektor Schümann. Das Ausmaß der Schäden lasse sich noch nicht beziffern. ,,Jetzt läuft die Bestandsaufnahme. Was ist weg, was ist noch da? Aus unserer Sicht haben es die Täter auf Gold, Bargeld und Wertgegenstände abgesehen“, sagt Schümann. Bis es für die Haspa-Kunden eine Entschädigung gibt, werde es dauern.

Norderstedter Haspa-Filiale: Tresorraum wieder begehbar

Der Tresorraum wurde wieder hergerichtet, sodass Kunden an ihre Schließfächer herankommen. Die Bankräuber hatten ein Chaos hinterlassen: Alles, was ihnen wertlos erschien, ließen sie haufenweise zurück. ,,Wir sind froh, dass wir schon viel zuordnen und unseren Kunden zurückgeben konnten“, sagt der Filialleiter. Darunter sind beispielsweise KfZ-Briefe, Urkunden, aber auch sehr persönliche Dinge wie Testamente. Die Schließfächer in der Haspa-Filiale sind in der Regel bis zu 40.000 Euro versichert. ,,Einige Kunden bringen Dinge auf ihr Konto zurück, das haben wir bemerkt. Die meisten Kunden bleiben bei uns und sprechen uns ihr Vertrauen aus“, sagt Schümann.

Gleichwohl fühlen sich offenbar einige Kundinnen und Kunden von der Haspa ,,hingehalten“: ,,Hi, ich wollte mal fragen, wer alles so wie ich von dem Schließfachüberfall bei der Haspa betroffen ist? Werdet ihr auch genauso wie ich nur hingehalten und vertröstet? Vielleicht können wir uns zusammentun bezüglich Anwalt oder so“, schreibt eine Norderstedterin entnervt in der Facebook-Gruppe ,,Wir, mein Norderstedt!“ Innerhalb eines Tages bekam sie 26 Kommentare auf ihren Post – darunter von Kunden, die sich jetzt nach ähnlichen Erfahrungen zusammentun wollen. Die große Frage ist, wie es überhaupt zu dem Bankraub kommen konnte. ,,Die Ermittlungen laufen noch. Wir sind sehr interessiert daran zu erfahren, was die Kriminalpolizei herausfinden wird“, sagt der Filialleiter.

Überfall auf Haspa-Filiale: Polizei hat noch keine heiße Spur

Warum hat die Alarmanlage nicht ausgelöst? ,,Wir wissen es, aber wir äußern uns nicht dazu“, sagt Polizeisprecher Lars Brockmann von der Polizeidirektion Bad Segeberg mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen dem Abendblatt. Tatwerkzeuge und der Kernbohrer, den die Täter am Tatort zurückgelassen haben, seien beschlagnahmt worden.

Nach wie vor gibt es keine heiße Spur von den Tätern. Fünf Wochen nach dem Einbruch setzt die Polizei auf Gespräche in der Nachbarschaft des Tatortes. Es werden Zettel mit dem Aufruf verteilt, sich als Zeuge oder Zeugin zu melden. Beamtinnen und Beamte der Kriminalpolizei gehen von Tür zu Tür und sprechen mit den Menschen, um mögliche weitere Zeugen zu finden.

Zudem ist das Internet-Portal der Landespolizei Schleswig-Holstein für Zeugenhinweise freigeschaltet. Anwohner und Zeugen können auf sh.hinweisportal.de Fotos und Videomaterial unter „Einbruch HASPA-Filiale Norderstedt-Mitte“ hochladen. Von besonderem Interesse sind Aufnahmen, die in der Straße Beamtenlaufbahn und den dortigen Tiefgaragen innerhalb des vergangenen halben Jahres gemacht worden sind. Die Polizei weist darauf hin, dass die Hinweise anonym erfolgen können, Angaben zur Identität sind freiwillig.

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