Die Unbestechlichen vom Lande

Krimi-Serie: Die Geheimnisvolle

| Lesedauer: 14 Minuten
Jan Schröter
Ihr erstes Date mit Gregor hatte sich Gunda sicherlich ganz anders vorgestellt..

Ihr erstes Date mit Gregor hatte sich Gunda sicherlich ganz anders vorgestellt..

Foto: Ute Martens

Timo Kramer hatte sich so auf den Besuch seiner Kollegin gefreut – doch dann kam nur ihr Opa vorbei. Es wurde trotzdem ein spannungsreicher Tag.

Endlich! Komm rein. Max war artig. Hat nur Mamas Sandalen vollgesabbert. Er wartet im Wohnzimmer. Mama hat sich im Garten vollgesaut und ist noch unter der Dusche, aber du kennst dich hier ja aus. Ich bin weg. Paaaaarty!“

Frida, aufgebrezelt mit wilder Frisur, einer Überdosis Make-up und einem beängstigend offenherzigen Outfit der Kategorie „Feten-Kampfanzug“, fegt an Timo Kramer vorbei aus der Haustür und stürmt ihrem Samstagabendvergnügen entgegen. Timo sieht seiner 15-jährigen Patentochter kopfschüttelnd nach. „Hoch die Hände, Wochenende“, murmelt er und geht ins Haus.

Hier wohnt Frida. Zusammen mit ihrer Mutter Nele Blohm, mit der Timo seit Ewigkeiten befreundet ist. Seit dem Kindergarten, genau genommen. Timo rekapituliert: Sie sind beide 34, also kennen sie sich über dreißig Jahre. Sandkastenfreundschaft, in der Schule immer in derselben Klasse. Als Teenager (in Fridas Alter, schießt es Timo durch den Kopf) gab es ein Intermezzo als Liebespaar. Es erschien beiden damals naheliegend, dieses unbekannte Terrain gemeinsam zu erforschen. Erster Kuss, wildes Geknutsche, schließlich mehr als das. Es kamen andere Zeiten, andere Partner, doch die Freundschaft zwischen Timo und Nele blieb. Und seit Fridas Geburt und dem baldigen Abgang ihres leiblichen Vaters, der mit neuer Frau zu neuen Ufern strebte, gehört Timo als Patenonkel und engster Vertrauter quasi zur Familie Blohm. Es stimmt: Hier kennt er sich aus.

Als er jetzt ins Wohnzimmer tritt, wirft ihn Max fast um, so stürmisch feiert diese bunte Mischung aus viel Schäferhund und jeder Menge Vermischtem das Wiedersehen. Als wären sie Wochen getrennt gewesen, dabei ist Max nur seit heute Mittag hier, weil Timo mit Freunden im Park kicken wollte. „Ist ja gut, du Irrer“, mäßigt Timo die wilde Euphorie, obwohl er sich insgeheim darüber freut – wer begeistert sich sonst schon derartig, wenn er um die Ecke kommt? Max‘ Hundespielzeuge liegen überall verstreut. Timo sammelt sie in eine Tüte, wobei Max, wild knurrend, ihm jedes einzelne davon wieder aus der Hand zu zerren versucht – da geht die Tür auf und Nele kommt herein. Frisch aus der Dusche, paradiesisch nackt. Was sie nicht davon abhält, sich direkt vor Timo aufzubauen.

„Dein Hund hat meine Schuhe vollgesabbert“, klagt sie vorwurfsvoll.

Timo riskiert einen längeren Blick auf Nele. Ansehnlich, im wahrsten Sinne des Wortes. „Und jetzt besitzt du gar keine Klamotten mehr?“

„Hast du was gegen mein Outfit?“

Timo grinst verwegen und nestelt am Gürtel. „Keineswegs. Ich erwäge sogar Partnerlook.“

Nele lacht schallend. „Lass‘ die Hose an, du Spinner!“

Timo seufzt, nimmt die Hände vom Gürtel und mimt tiefstes Bedauern, was ihm angesichts der paradiesischen Nele ziemlich gut gelingt. Sie registriert das und schmunzelt. „Du deutest das falsch, mein Freund. Wäre ich wirklich scharf auf dich, würde ich bestimmt nicht nackt hereinspazieren. Schließlich möchten Frauen für Verehrer immer ein wenig geheimnisvoll bleiben – sonst prickelt nichts.“ Nele streckt die Hand aus und wuschelt Timo liebevoll durch die dunklen Locken. „Und wir beide haben doch längst keine Geheimnisse mehr voreinander.“

***

Kein Geheimnis, kein Prickeln, vielleicht hat Nele ja recht, überlegt Timo. Demnach müsste Tiffany Schulze die aufregendste Frau des Planeten sein. Bis heute hat er bloß etliche Textnachrichten mit der Bergedorfer Journalistenkollegin gewechselt. Timo kennt zwar ihr Foto aus der Zeitung – sportliche Figur, blonde Mähne, wache, blaue Augen –, doch ansonsten ist ihm die Frau ein Rätsel. Eigentlich wollten sie sich längst mal auf einen Kaffee getroffen haben. Leider kam immer etwas dazwischen. Meistens bei Tiffany.

Aber das soll sich gleich ändern.

Es ist Sonntagmorgen, Timo lenkt seinen betagten Golf auf einen Parkstreifen am AKN-Bahnhof Bad Bramstedt. „Du wartest hier“, weist er Max an, der hinten sitzt und die Ansage mit vorwurfsvollem Blick quittiert. Timo lässt den Hund trotzdem im Wagen, geht zum Bahnsteig und sieht den AKN-Zug nahen. Vorgestern hatte er Tiffany geschrieben, er müsse für seine Norderstedter Redaktion die Gartenmesse auf Gut Wunderlich besuchen – ob sie nicht Lust hätte mitzukommen? Überraschenderweise lautete die Antwort: „Ja.“ Gleich ist sie da, denkt Timo. Ende des Geheimnisses. Kein Prickeln mehr, falls Neles Theorie stimmt. Momentan prickelt es in Timo allerdings reichlich.

Dann fährt der Zug ein und hält. Kaum jemand steigt aus. Eine Mutter mit Kleinkind, zwei Jungs in Sportklamotten. Ein drahtiger Mann im Rentenalter. Keine junge Frau mit blonder Mähne und Blauaugen. Der drahtige Rentner steuert auf Timo zu, bleibt vor ihm stehen.

„Herr Kramer? Hinnerk Schulze – Tiffanys Großvater.“

In Timo prickelt schlagartig nichts mehr, obwohl das Rätsel Tiffany gerade ins Unermessliche wächst. So viel zu Neles Theorie, denkt er bei sich. „Aha“, entfährt es ihm lahm.

Opa Schulze grinst verschmitzt. „Die Deern is‘ leider wieder kurzfristig im Einsatz. Für die Bergedorfer. Seit sie letzte Woche über den Dösbaddel anne Sternwarte berichtet hat, hetzt sie ihr Chef auf jedes Thema mit Sensationspotenzial.“

„Da kann eine ländliche Gartenmesse natürlich nicht mithalten“, bemerkt Timo verschnupft.

Der Alte klopft ihm tröstend auf die Schulter. „Dafür komm‘ ich doch mit. Bin vom Fach. Waschechter Vierländer Gärtner! Seit Generationen machen wir in Schnittlauch und Tomaten. Ha‘m sogar Raritäten wie die russische Bernsteintomate und natürlich die Vierländer Platte…“

Timo stellt die Ohren auf Durchzug und stapft zurück zum Wagen – gefolgt von Opa Schulze, der unverdrossen weiter über sein Gemüse schwadroniert.

***

Gut Wunderlich liegt in der Nähe von Großenaspe, zwischen ausgedehnten Feldern. Eine gemähte Koppel dient als Parkplatz und ist fast komplett mit Autos belegt – die Messe mit dem schönen Namen „Gartenglück“ gilt vielen Gärtner-Freaks als Pflichttermin. Opa Schulze ist entsprechend begeistert und lässt keinen Stand aus. Timo schwirrt bald der Kopf von den zahlreichen Pflanzensorten, Anbaumethoden, Beschneidungsstrategien, Düngemitteln. Dazu gibt es auf dem weitläufigen Gutsgelände jeweils einen Bauern-, Kräuter-, Gemüse- und Apothekergarten. Muss man unbedingt gesehen haben, selbstverständlich inklusive sachkundiger Erläuterungen seitens des Experten an Timos Seite. Schließlich ist der Reporter reif für eine Erfrischungspause. Max, der sich an der Leine durchs Gedränge zerren lässt, hängt auch schon die Zunge aus dem Hals.

Sie gelangen über eine Treppe ins Obergeschoss einer riesigen Scheune, wo diverse Buden mit Leckereien aufgebaut sind. Opa Schulze zieht es zu einem Stand, an dem aus einer enormen Glasschüssel giftgrüne Bowle ausgeschenkt wird. Neben dem Stand steht zwecks Lüftung eine große, bodentiefe Ladeluke offen – abgesperrt lediglich mit einem dicken Seil, so bleibt genug freie Fläche für angenehm kühlen Luftzug. Während Timo dort einen Napf für Max aus seinem Rucksack zieht und mit Wasser aus einer Feldflasche füllt, betankt sich Opa schon mit dem giftgrünen Gesöff. Außerdem lacht, scherzt und sabbelt er mit der gepflegten, älteren Dame hinterm Tresen, wobei Timo erfährt, dass es sich um Karin Rolfes handelt – die Besitzerin des Gutshofes. Timo bestellt sich eine Cola und nutzt die Gelegenheit, um sich als Reporter vorzustellen und von Frau Rolfes ein paar Infos zum Hof und zur Messe zu erfragen. Sie antwortet bereitwillig, dann muss sie die nächsten Kunden bedienen. Opa ist beim zweiten Glas Bowle und prostet Timo zu.

„Na. Mien Jung, immer noch traurig, dass meine Enkelin nich‘ hier is‘?“

Timo zuckt mit den Schultern. „Da ich Tiffany noch nie getroffen habe, weiß ich ja nicht mal, was ich verpasse. Wie ist sie denn so?“

Opa blinzelt listig. „Wenn Sie sie nie treffen, müssen Sie das gar nich‘ wissen.“

Timo wendet sich kopfschüttelnd ab. Zu seinen Füßen schlabbert Max aus dem Napf, Opa dezimiert die Bowle. Die Scheune ist gut besucht. Bei Karin Rolfes steht ein Paar. Beide um die 40, schätzt Timo. Der Mann zahlt gerade. Die Frau nimmt schon ihr Glas mit Bowle und wandelt an Timo vorbei zur offenen Luke. Ihm fällt auf, dass sie merkwürdig wirkt – mit riesengroßen Pupillen und geröteten Wangen, die einen durchaus reizvollen Kontrast zu ihren schwarzen Haaren bilden. Sie sieht gut aus, aber seltsam entrückt, wie sie da mit windgebauschtem Sommerkleid an der Luke steht und giftgrüne Bowle trinkt. Sie schwankt.

Und dann ist sie weg.

Timo stürzt zur Luke, noch bevor hinter ihm und draußen Leute entsetzt aufschreien. Unten liegt die Schwarzhaarige zwischen Stapeln von Gärtnerschürzen und rührt sich nicht.

***

Karin Rolfes ist untröstlich. Die Abgestürzte, sie heißt Gunda Rahn, lebt, ist jedoch bewusstlos ins Krankenhaus gebracht worden – wie schwer sie verletzt ist, kann man noch nicht sagen. Die Polizei hat die Veranstaltung beendet und die giftgrüne Bowle fürs Labor gesichert. Vielleicht ist sie ja so giftig, wie sie aussieht. Die Besucher sind gegangen. Nur Timo und Opa Schulz stehen noch bei der Gutsbesitzerin. Und Gregor Braun, Gundas Begleiter. Vor lauter Nervenflattern bemerkt er nicht, dass Max ihm einen Schnürsenkel abkaut. Timo zieht den Hund an der Leine weg.

„Sollen wir Sie nach Hause fahren, Herr Braun?“

„Danke… nein… Gunda und ich… es war unser erster gemeinsamer Ausflug! Wir kennen uns noch kaum…“ Ihm versagt die Stimme, Frau Rolfes springt ein. „Frau Rahn und Herr Braun haben sich fürs Messe-Wochenende unseren Ferienbungalow gemietet.“

Braun fängt sich etwas. „Gundas Idee. Sie liebt Gärten und Blumen.“

„Sie hat sich von mir herumführen lassen und war sehr interessiert“, bestätigt Frau Rolfes.

„Ich packe unsere Sachen“, beschließt Braun, „und dann fahre ich zum Krankenhaus.“

„Darf ich Sie begleiten und mich im Bungalow umsehen?“, fragt Timo. Er darf. Alle kommen mit. Auch Max. Weil er an der Leine hängt.

Der Bungalow liegt am Feldrand, mit Blick auf freie Natur. Drinnen gibt es zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, Küche, Bad. Weil Max hier nicht abhauen kann, löst Timo die Hundeleine. Dankbar feiert Max seine Freiheit, indem er jeden Winkel abschnüffelt. Dabei kann er nichts anstellen, denkt Timo – prompt scheppert es blechern im Bad. Max, wer sonst. Timo hechtet hinüber. Max empfängt ihn mit unschuldigstem Hundeblick. Neben ihm liegt ein kleiner Abfalleimer, leer bis auf etwas Zerquetschtes. Hinter Timo kommt Opa Schulze ins Bad, Braun und Frau Rolfes drängen nach, volle Bude.

„Was ist das?“ Timo zeigt den Eimer samt Inhalt herum.

„Sieht aus wie eine Beere“, meint die Gutsbesitzerin.

„Sowas haben wir nicht gegessen“, erklärt Braun.

„Wär‘ auch fatal gewesen.“ Opa Schulze hebt dozierend den Zeigefinger. „Atropa Belladonna. Besser bekannt als: Tollkirsche!“

„Die wächst in unserem Apothekergarten“, sagt Frau Rolfes erschrocken.

„Ist die nicht giftig?“, hakt Timo nach.

Opa nickt knapp. „Jo. Kann tödlich sein.“

„Warum ‚Belladonna‘? Heißt das nicht ‚Schöne Frau‘ auf Italienisch?“

„Früher ha‘m sich manche Italienerinnen mit Tollkirschensaft die Backen rot gefärbt und ihn sich in die Augen geträufelt. Im Saft is‘ Atropin, das vergrößert die Pupillen. Galt wohl als schön und geheimnisvoll.“

„Als Gunda vorhin an mir vorbei kam, sind mir ihre extrem erweiterten Pupillen aufgefallen“, merkt Timo an. Und Braun legt nach: „Rote Wangen hatte sie auch, viel mehr als sonst!“

Timo nickt nachdenklich. „Ihre Freundin wollte schön sein. Und geheimnisvoll. Für Sie, Herr Braun.“ Der Mann schweigt erschüttert. „Aber davon fällt man doch nicht aus der Luke!“, wendet Frau Rolfes ein.

„Doch“, stellt Timo klar. „Waren Sie mal beim Augenarzt? Der benutzt auch Atropin, um den Augenhintergrund untersuchen zu können. Und danach darf man nicht Auto fahren, weil man stundenlang alles total verschwommen sieht. Gunda hat überhaupt nicht mitbekommen, wie nah sie am Abgrund stand.“

***

Sie hatten die Polizei informiert und das Krankenhaus, wobei sie erfuhren, dass Gunda Rahn aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht und glücklicherweise mit einer Gehirnerschütterung und etlichen Prellungen davongekommen war. Nun steht Timo wieder mit Opa Schulze am Bramstedter Bahnsteig.

„Meine Enkeltochter is‘ übrigens nich‘ gekommen“, erklärt der Alte beiläufig. „weil ich ihr davon abgeraten hab‘.“

Ich glaub‘ es nicht, denkt Timo, da legt Schulze schon nach.

„Hör‘ mal, mien Jung. Ich weiß, was Tiffany die Arbeit bei der Zeitung bedeutet. Sie hat echt schwer dafür geschuftet. Ihr beide seid klug, jung und hübsch. Vielleicht würde es sogar passen mit euch. Aber meistens passt das nicht lange. Und wenn man beim selben Verein arbeitet, bleibt dann immer Getuschel und Gerüchteküche. Gar nich‘ gut für die Karriere.“

Timo ist immer noch sprachlos, als Opa Schulze ihm tröstend auf die Schulter klopft, in den AKN-Triebwagen steigt und entschwindet. Als Timo wieder zu Max ins Auto steigt, signalisiert sein Handy eine Nachricht.

Von Tiffany: „Wie findest Du meinen Opa?“

Timo wendet sich Max zu. „Antworten wir?“

Der Hund schaut ihn ruhig an – Timo nickt und steckt das Handy ein.

„Heute nicht.“

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