Abfallwirtschaft

Norderstedt macht im Müllgeschäft ein dickes Minus

| Lesedauer: 6 Minuten
Andreas Burgmayer
Norderstedt ist vertraglich dazu gezwungen, die im Stadtgebiet jährlich eingesammelten etwa 13.000 Tonnen an Hausmüll über die WZV-Anlage an der Oststraße umzuschlagen.

Norderstedt ist vertraglich dazu gezwungen, die im Stadtgebiet jährlich eingesammelten etwa 13.000 Tonnen an Hausmüll über die WZV-Anlage an der Oststraße umzuschlagen.

Foto: Dirk Hourticolon / Stadt Norderstedt

Unterschuss für das vergangene Jahr beträgt mehr als 1,1 Millionen Euro. Abfallgebühren in Norderstedt werden aber vermutlich nicht steigen.

Norderstedt. Unterm Strich steht ein dickes Minus in der Abrechnung für die Abfallwirtschaft 2020 des Norderstedter Betriebsamtes. Wie Betriebsamtsleiter Martin Sandhof dem Umweltausschuss mitteilte, ergebe sich nach Verrechnung von Aufwendungen und Kosten für 2020 ein „Unterschuss“ von rund 1.145.237 Euro. Werden jetzt also die Abfallgebühren in Norderstedt ansteigen? Mutmaßlich nicht. Man bemühe sich um Kostenstabilität, so wie auch in den vielen Jahren zuvor, teilt Sandhof mit. Derzeit werde im Rathaus geprüft, ob das Minus aus der Rücklage der Stadt Norderstedt ausgeglichen werden darf. Sandhof ist zuversichtlich.

Aber wie kam es zum Minus? Laut Kommunalgesetz ist das Betriebsamt dazu verpflichtet, weder Gewinne noch Verluste zu machen, sondern kostendeckend zu arbeiten. Doch aufgrund unterschiedlicher Effekte, Kosten und Einnahmen ergeben sich trotzdem jährlich sogenannte Unter- oder Überschüsse. Diese müssen dann im Zweijahresrhythmus auf die Gebührenstruktur angerechnet werden. So war es in Norderstedt 2019, als aus dem Jahr 2017 ein Überschuss von 1.497.950 Euro kostenmindernd wirkte. Doch 2018 lag dieser Überschuss bei lediglich 464.021 Euro, um über eine Million Euro niedriger also.

Hinzu kommt im Jahresergebnis der Norderstedter Abfallwirtschaft die Auswirkung der Corona-Pandemie auf die Erlöse im Gebrauchtwarenhaus Hempels, über das gebrauchte Gegenstände aus der Sperrmüllsammlung oder aus privaten Entrümplungsaktionen der Bürgerinnen und Bürger vom Betriebsamt verwertet werden. Durch eingeschränkte Öffnungszeiten und die Schließung des Hauses in drei Corona-Lockdowns wurden bei Hempels im vergangenen Jahr 355.253 Euro weniger eingenommen als noch 2019. Da hatte es einen Rekordumsatz von knapp über einer Million Euro gegeben.

Ins Kontor geschlagen hätten darüber hinaus die Kosten für Gutachten von Sachverständigen und jene für Anwälte und das Gericht – schließlich lag und liegt man mit dem Wege-Zweckverband des Kreises Segeberg (WZV) im Clinch über den ehemals gemeinsam betriebenen Reststoffhof an der Oststraße. 105.535,95 Euro betrügen die Sachverständigen- und Gerichtskosten 2020, das seien etwa 65.000 Euro mehr als 2019.

Im Kerngeschäft, der eigentlichen Abfallentsorgung, gab es hingegen kaum Kostensteigerungen. Dafür musste das Betriebsamt im vergangenen Jahr 10.950.000 Euro ausgeben, 2019 waren es lediglich 87.392 Euro weniger.

Umsatz bei Hempels ist um 45 Prozent eingebrochen

Was die Einnahmeentwicklung in diesem Jahr angeht, so sieht die Lage nicht viel besser aus als 2020. Bei Hempels wird erst seit dem 26. April wieder regulär, aber unter Corona-Einschränkungen verkauft. Entsprechend lag der Umsatz im ersten Halbjahr 2021 bei nur 178.000 Euro, 45 Prozent schlechter als der im Halbjahr 2020 (319.000 Euro) und sogar satte 65 Prozent schlechter als 2019. Die Zahl der kaufenden Kundschaft ist im Vergleich zu 2020 um 58 Prozent zurückgegangen. 10.644 Bons wurden bislang 2021 geschrieben, 2020 waren es im selben Zeitraum 25.260.

Auseinandersetzung mit dem Wege-Zweckverband

Nach wie vor ist das Norderstedter Betriebsamt auch vertraglich dazu gezwungen, die im Stadtgebiet jährlich eingesammelten etwa 13.000 Tonnen an Hausmüll über die WZV-Anlage an der Oststraße umzuschlagen. Die Stadt Norderstedt würde den Müll gerne selbst direkt zur Müllverbrennungsanlage nach Glückstadt liefern. Doch aus dem angeblich bis 2050 datierten WZV-Vertrag kommt man bislang nicht heraus. Die juristische Auseinandersetzung läuft.

Für den WZV ist der Hausmüllumschlag der zentrale Faktor, um den Recyclinghof an der Oststraße überhaupt noch wirtschaftlich zu betreiben. Laut Verbandsvorsteher Peter Axtmann macht dieser etwa Zweidrittel des Umsatzes aus. Die Stadt Norderstedt zahlt jährlich zwei Millionen Euro an den WZV, damit dieser den Hausmüll nach Glückstadt fährt. Erledigt das die Stadt im Alleingang, könnte sie angeblich 500.000 Euro pro Jahr sparen und so die Müllgebühren noch eine lange Zeit stabil halten.

Die Anlieferung von Bauschutt oder Sondermüll zur Oststraße durch jährlich immerhin etwa 100.000 Norderstedterinnen und Norderstedter sieht man beim WZV als ein verzichtbares Zuschussgeschäft. Die Stadt Norderstedt hat dafür nach der Trennung vom WZV und dem Recyclinghof an der Oststraße einen eigenen Hof auf dem Gelände des Betriebsamtes an der Friedrich-Ebert-Straße 76 aufgebaut. Seit Januar 2021 können die Bürgerinnen und Bürger hier nun Sperrmüll, Strauchwerk, Elektrogeräte, Holz, Papier, Pappe, Kunst- und Gefahrenstoffe abgeben – und ihre Müll-Gutscheine einlösen. Mit 40.000 Kundinnen und Kunden rechnete die Stadt, als es losging. Nach einem halben Jahr wurden 18.165 Anlieferungen gezählt. Dabei seien 127.037 Euro eingenommen und 8116 Gutscheine eingelöst worden. Weitere 62.000 Euro brachte die Vermarktung des abgegebenen Schrottes. Ob die Stadt mit diesen Umsätzen nun besser oder schlechter als bislang auf dem Recyclinghof an der Oststraße fährt, das konnte Martin Sandhof auf Nachfrage nicht abschließend beantworten. Was die Kundenzahlen angehe, läge man zumindest voll in der Kalkulation.

Gute Nachrichten auf der Gebührenseite gibt es beim Schmutzwasser. Die Kosten für die Beseitigung sind 2020 deutlich auf 8.170.258,81 Euro gefallen. Dem stehen Erlöse in Höhe von 9.398.785,62 Euro gegenüber. Ergibt einen Überschuss in Höhe von 1.228.526,81 Euro. 2022 werden die Schmutzwassergebühren also sinken. Der Grund dafür seien unter anderem gesunkene Fremdwassereinträge in das Abwassersystem. Diese lagen 2020 nur bei 8,22 Prozent, in den Vorjahren waren es immer etwa doppelt so hohe Anteile. Sandhof macht die ungewöhnliche Trockenheit für diese Entwicklung verantwortlich.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt