Bundestagswahl

Dreikampf zwischen Wochenmarkt und Gartenhecke

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Frank Knittermeier
Von links: Gero Storjohann (CDU), Bengt Bergt (SPD) und Nils Bollenbach (Grüne)

Von links: Gero Storjohann (CDU), Bengt Bergt (SPD) und Nils Bollenbach (Grüne)

Foto: Ha / HA

Der Ausgang ist so offen wie noch nie: Gero Storjohann (CDU), Bengt Bergt (SPD) und Nils Bollenbach (Grüne) kämpfen um jede Wählerstimme.

Kreis Segeberg.  Heinrich Kukuth zählt sich zu denjenigen, die diese Republik nach dem Krieg wieder aufgebaut haben. Jetzt quält ihn die Angst: Der Maschinenbauer im Ruhestand, inzwischen 87 Jahre alt, hat Angst vor einer rot-rot-grünen Bundesregierung. „Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich nach Kanada auswandern“, sagt der Segeberger, der an diesem Vormittag an den Stand der CDU gekommen ist, um sich von Gero Storjohann trösten zu lassen.

Den CDU-Bundestagskandidaten kennt er gut: Der hat ihm vor 20 Jahren das Auto von Storjohann senior verkauft. Ein guter Deal. Dieser Mann, Storjohann junior, ist für den Rentner vertrauenswürdig. Kann der ihm Mut machen? Gero Storjohann gibt sich zumindest Mühe und lässt sich auf eine Diskussion mit ihm ein. Er hat in seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter gelernt, wie er sich und seine Partei am besten verkaufen kann. Wahrscheinlich hat er es auch schon gekonnt, bevor er 2002 zum ersten Mal für den Wahlkreis Segeberg/Stormarn-Mitte als Abgeordneter gewählt wurde.

Aber heute, mit 63 Jahren, hat er es zur Perfektion auf diesem Gebiet gebracht. Gero Storjohann hört zu. Er gibt seinem Gegenüber recht, bevor er selbst das Wort ergreift und mit ruhiger Stimme antwortet. Gero Storjohann redet. Er bleibt gelassen, freundlich, geht ganz auf seinen Gesprächspartner ein, konzentriert sich auf ihn, blendet alles um sich herum aus. Es drängt sich der Verdacht auf, dass er den Auftritt in der Menge etwas scheut und sich dafür lieber lange auf einen einzigen Gesprächspartner konzentriert. Er ist keiner, der auf die Menschen zugeht und sie anspricht. Seine Ehefrau Maren hingegen gibt sich offener und startet Charmeoffensiven in Richtung Marktbesucher.

Warum verschenkt Storjohann Zwiebeln an die Menschen?

Nach dem ersten Triell, der Bundeskanzler-Kandidatendebatte im Fernsehen, habe es für Laschet gute Rückmeldungen gegeben. „Warum die Stimmung jetzt so schlecht ist, kann ich mir nicht erklären“, sagt Gero Storjohann, der seinem Gesprächspartner zum Abschied einen Beutel mit Zwiebeln überreicht. „Damit die Wähler nach der Wahl nicht weinen müssen“, ist die Begründung für dieses Wahlgeschenk. Sollen sie schon vorher weinen? Das bleibt unklar. 1000 Zwiebelbeutel hat die CDU für den Wahlkampf eingekauft, etwa 40 werden an diesem Vormittag in der Segeberger Fußgängerzone verschenkt. Bleiben also noch genügend Zwiebeln für den Wahlkampf-Endspurt. Für die meisten Passanten ein leicht verwirrendes Geschenk, das aber gerne angenommen wird.

Unterdessen bemüht sich einige Kilometer weiter südlich der SPD-Bundestagskandidat die Besucher des Wochenmarktes von seiner Partei und vor allem von sich selbst zu überzeugen. Bengt Bergt (39) ist von Trappenkamp direkt nach Bargteheide gekommen, um am SPD-Stand Wahlwerbung zu machen. Er ist Neuling, er muss auf sich aufmerksam machen. Dementsprechend agiert er. Etwas anders als sein CDU-Kontrahent in Bad Segeberg geht der SPD-Kandidat aus Norderstedt auf die Marktbesucher zu. Dabei beweist er so viel rhetorisches Geschick wie ein alter Politik-Hase: Als das Gespräch mit einem Passanten auf Gerhard Schröder, seine Agenda 2010 und Hartz IV kommt, braucht Bergt nur wenige Sätze, um das Thema umzubiegen: Die Klimapolitik und die Ziele seiner SPD stehen plötzlich zur Verblüffung des Gesprächspartners zur Diskussion. Er lächelt verschmitzt: „Das hängt ja alles irgendwie zusammen.“ Kein Widerspruch. Bengt Bergt, von Beruf technischer Redakteur, jetzt Betriebsratsvorsitzender in einem Betrieb der Windenergiebranche, ist zufrieden.

„Können sie garantieren, dass Heiko Maas in der neuen Bundesregierung nicht wieder Außenminister wird?“, will ein Besucher des SPD-Stands von dem Kandidaten wissen. Das kann Bengt Bergt natürlich nicht. Als Newcomer darf er sich derartige Urteile wahrscheinlich nicht erlauben. Also antwortet er kurz und bündig – aber mit einem breiten Lachen: „Westerwelle war als Außenminister schlimmer.“ Pablo Kuntakinte (65), ein Keramikkünstler aus Tremsbüttel, ist beeindruckt von Bengt Bergt: „Ich bin extra hergekommen, um mit ihm zu sprechen.“ Und? „Jaja, ich werde ihm meine Erststimme geben“, sagt er und schränkt ein. „Meine Zweitstimme bekommt die SPD aber nicht.“ Wen er stattdessen wählen will, verrät der Künstler aus Tremsbüttel nicht.

Bengt Bergt gibt sich volksnah, hemdsärmelig. Er diskutiert temperamentvoll und auf Augenhöhe mit den Passanten. Den Politikexperten kehrt er an diesem Nachmittag auf dem Wochenmarkt nicht heraus. Er hört zu; und wenn er für einige Augenblicke keine Gesprächspartner hat, sucht er sich welche: „Guten Tag, ich bin Bengt Bergt, ihr Bundestagskandidat der SPD.“ Das zieht: Nur wenige gehen weiter, die meisten lassen sich in ein Gespräch verwickeln und bekommen, sozusagen als Belohnung, ein paar Lollies in die Hand gedrückt. Oder er geht mal eben zum Imbisswagen gegenüber, um dort ein paar SPD-Flyer auf den Tresen zu legen.

Bergt gibt sich diplomatisch und durchaus zielstrebig

Während an den Nachbarständen von CDU und FDP nicht viel los ist, drängen sich die Menschen am SPD-Stand. Das liegt vermutlich nicht nur an Bengt Bergt, sondern auch an Mehmet Dalkilinc, Fraktionschef der SPD in der Bargteheider Stadtvertretung und Direktkandidat für den Landtag: Er macht Werbung für den Bundestagskandidaten, aber indirekt auch für sich selbst. Hier stehen also zwei Kandidaten am SPD-Wahlstand, die munter auf die Leute zugehen und sie in Gespräche verwickeln.

Bengt Bergt ist insgesamt zufrieden mit seinem Wahlkampf. „Es läuft“, sagt er. „Wir haben die Stimmung gedreht.“ Mit Prognosen hält er sich zurück. Wenn er von Passanten auf mögliche Regierungskoalitionen nach der Wahl angesprochen wird, gibt er sich diplomatisch, aber durchaus zielstrebig. „Naja, ich will mal so sagen: Wir stellen eine Regierung unter Scholz.“

Nils Bollenbach ist eine Art Gegenentwurf zu den CDU- und SPD-Kandidaten, die beide beruflich mitten im Leben stehen. Da will der 20 Jahre alte Bundestagskandidat von Bündnis 90/Die Grünen erst noch hin. Er hat im vergangenen Jahr sein Abitur gemacht und will sein Geld als filmschaffender Künstler verdienen. Einen Filmpreis hat er bereits gewonnen, aber das reicht noch nicht, um sich damit den Lebensunterhalt zu verdienen.

Bollenbach – ein Kämpfer auf „Halloween-Tour“

Der Grünen-Politiker kämpft – für seine Partei, aber natürlich auch für sich. Beim Haustüren-Wahlkampf in Ulzburg-Süd überreicht er den Menschen, die ihm öffnen, einen Flyer, auf dem er schon im zweiten Satz deutlich macht, wer und was er ist: Nils Bollenbach, der Fridays-for-Future-, LGBTIQ- und Behindertenrechts-Aktivist. Da heißt: Dieser Kandidat ist schwul und Asperger-Autist. Das ist Fakt, dazu steht er und geht sehr offensiv damit um. „Als schwuler, dicker Schüler mit meinem Syndrom musste ich kämpfen, weil ich gemobbt wurde. Ich musste kämpfen, um innerhalb eines Jahres 70 Kilo abzunehmen, jetzt kämpfe ich um den Einzug in den Bundestag.“ So viel zum Thema Kämpfen.

Nils Bollenbach tritt höflich und zurückhaltend auf, wenn er von Haustür zu Haustür geht. Einige Grüne vom Kreis- und Ortsverband unterstützen ihn bei seinen Werbeauftritten, aber eigentlich braucht er sie nur, damit er sich in der unübersichtlichen Gegend südlich der Straße Dammstücken nicht im Labyrinth der Straßen verläuft.

Er stößt auf Interesse. „Wie alt sind sie? 20?“, fragt Rebecca Ehlers aus dem Möwenring vorsichtig. Als Nils Bollenbach bejaht, ist sie begeistert: „Geil!“ Sie findet es „cool“ einen so jungen Bundestagskandidaten vor sich zu haben, weil es super sei, wenn sich junge Leute so engagieren. Ihre Begeisterung ist begründet: Frau Ehlers und ihre Familie stehen den Grünen ohnehin nahe.

Nils Bollenbach kann zufrieden sein: Er hat diese Frau ganz offensichtlich von sich überzeugt. Das gelingt an diesem Tag nicht bei allen Bewohnern. Einige sagen schlicht „nein, danke“ und machen die Tür wieder zu, andere nehmen das Grünen-Prospektmaterial kommentarlos entgegen. Das stört Nils Bollenbach nicht. „Ich habe schon gut 500 Hausbesuche hinter mir, da habe ich keine Hemmungen mehr. Die meisten sind ja auch sehr nett.“ Er zieht einen Vergleich: Haustürwahlkampf habe etwas von einer „Halloween-Tour“.

Auf jeder Tour kommt es zu Gesprächen an der Haustür. „Ich wünsche mir, dass die Grünen wieder grüner werden“, sagt Ilka Penke aus dem Sperberwinkel. Sie zeigt Sympathie für den Kandidaten und die Ideen der Grünen. „Ich bin bereit, mich einzuschränken, damit für die Kinder etwas Gutes herauskommt.“

Als Nils Bollenbach an diesem Tag in der beginnenden Dämmerung seinen Wahlkampf beendet, ist er mit sich im Reinen. Ein paar Menschen hat er erreicht, einige vielleicht sogar überzeugt. Kein schlechtes Ergebnis für einen jungen Kandidaten, der vom Alter her gut und gerne der Sohn der meisten heute angetroffenen Hausbewohner sein könnte.

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