Kreis Segeberg

Der Meister des geregelten Fußball-Spektakels

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Burkhard Fuchs
Der Autor und Schulleiter Egon Boesten mit seinem Buch vor der neuen Nico-Jan Hoogma-Sporthalle der Leibniz-Privatschule in Kaltenkirchen.

Der Autor und Schulleiter Egon Boesten mit seinem Buch vor der neuen Nico-Jan Hoogma-Sporthalle der Leibniz-Privatschule in Kaltenkirchen.

Foto: Burkhard Fuchs

Kaltenkirchener Autor und Schulleiter Egon Boesten hat ein Fußballbuch über Louis van Gaal ins Deutsche übersetzt.

Kaltenkirchen. Als gebürtiger Niederländer und ehemaliger Sportreporter hat es ihm der holländische Fußball angetan. „Fußball total“ oder „Totaalvoetbal“, wie der Begriff in seiner Heimatsprache heißt, ist das Kennzeichen des „Oranje-Fußballs“ seit den großen Erfolgen in den 1970er-Jahren von Ajax Amsterdam (Champions-League-Sieger 1971 bis 1973) und der Nationalmannschaft (Vize-Weltmeister 1974 und 1978), so Egon Boesten.

Boesten übersetzt Buch über Welt-Trainer Louis von Gaal

Nach der Biografie über den früheren Spielmacher Johan Cruyff hat der Leiter der Leibniz-Schule in Kaltenkirchen jetzt ein Buch über den Welt-Trainer Louis van Gaal (70) ins Deutsche übersetzt. Für Boesten ist der frühere Bayern-Trainer (2009 bis 2011) und aktuelle „Bondscoach“, der bereits zum dritten Mal die niederländische Nationalauswahl betreut, „einer der einflussreichsten Fußballtrainer Europas“.

Auf 280 Seiten werden in dem Werk „Louis van Gaal – der Trainer und der ganze Mensch“ seine Erfolge, sein absolutes Fachwissen, sein Hang zu Disziplin und Struktur, aber auch seine Misserfolge, seine Sturheit und seine Eigenheiten aus Sicht seiner vielen Top-Spieler erklärt, die mit ihm gearbeitet haben. Mit Ajax Amsterdam, FC Barcelona, Alkmaar, Bayern München und Manchester United holte van Gaal sieben Meister-Titel, vier Pokalsiege, je einen Champions-League-Titel, Uefa-Cup und den Weltpokal und den dritten Platz mit den Niederlanden 2014 bei der WM in Brasilien.

Van Gaal glaubt an das Prinzip „der ganze Mensch“

„Für ihn steht immer der Mensch und nicht der Fußballer im Vordergrund“, beschreibt Boesten den Trainer-Guru, der in seiner Zeit bei Bayern den 20-jährigen Thomas Müller in die erste Mannschaft holte und Philip Lahm von links auf die rechte Verteidigerposition versetzte. Womit van Gaal wohl einen gewissen Anteil daran hatte, dass Müller 2010 WM-Torschützenkönig, und Deutschland WM-Dritter (2010) und Weltmeister (2014) mit diesen beiden Top-Spielern geworden ist.

Van Gaal beschreibt seine Philosophie so: „Ich hatte sofort das Prinzip ‚der ganze Mensch‘ in meinem Kopf. Als ich als Trainer begann, hatte ich zwar eine Idee, wie man auf Spieler zugeht. Dass ich Lehrer war, überzeugend wirkte, das Spielchen durchschaute – all das spielte eine Rolle. Aber die ganz große Neuerung war, dass ich Spieler als Menschen betrachtete: Wir waren sie erzogen? Wie tickten sie? Ich war ein Mann der Praxis. Ich habe studiert, indem ich beobachtete indem ich agierte und es dann bewertete und aufgrund dessen anpasste.“

Lob von Spielern und Trainer-Kollegen

Ronald de Boer, der zehn Jahre in Amsterdam und Barcelona unter van Gaal spielte, beschreibt es so: „Louis sagte immer: ‚Du bist Fußballer und du bist Mensch. Der Mensch steht allerdings an Nummer eins. Wenn es zu Hause nicht läuft, kann man auf dem Spielfeld auch nicht glänzen. Wenn man den Kopf frei hat, dann kannst du ganz sicher erfolgreich sein.‘ Er war auch ein Pionier der Vorstellungskraft. Da gab es dann eine taktische Besprechung, danach wusste man alles, ganz besonders kannte man dann die Schwächen seines eigenen Gegenspielers.“

Die Lobeshymnen auf seinen Trainerstil sind kaum alle aufzuzählen. „Ein erfolgreiches Team hat immer einen Coach, der den Laden zusammenhält. Der Normen und Werte lebt. Das war wirklich sein Team“, sagte der Europameister und mehrfache Champions-League-Sieger Frank Rijkaard über van Gaals Wunderteam Ajax Amsterdam der 1990er Jahre.

Pep Guardioala, heute einer der besten Fußballtrainer der Welt, spielte 1997 bis 2000 bei Barcelona unter van Gaal. „Louis hat aus mir einen besseren Spieler und Trainer gemacht.“ Für ihn habe es immer „einen Grund gegeben, Fußball zu spielen. Die Frage war einzig und allein: Warum spielen wir so?“ Van Gaal habe ihn mit seiner Akribie zu „Planung und Vorbereitung“ beeindruckt.

Philip Lahm fand, dass van Gaal es mit Regeln übertreibt

Voll des Lobes auch die meisten Bayern-Spieler: „Sein Training war das beste, was ich mitgemacht habe“, sagt Frank Ribery. „Wir trainierten mit ihm immer mit dem Ball am Fuß, herrlich fand ich das“, sagt Thomas Müller. „Er konnte uns wirklich besser machen.“ Und Uli Hoeneß adelte ihn mit den Worten: „Louis van Gaal ist einer der besten Trainer der Welt.“ Er habe bei Bayern „eine Spielweise eingeführt, die auf Ballbesitz und Positionsspiel basiert.

Aber es gibt auch die andere Seite des eigensinnigen Trainers, die Philip Lahm beschreibt. Van Gaal sei „eine große Persönlichkeit als Trainer, ein Supertyp, mit ein paar merkwürdigen Auffassungen“, der es aber „mit den Regeln übertrieben“ und sich „zu sehr an den Strukturen festgehalten habe und „zu dogmatisch“ sei, so Lahm. „Alles musste nach Regeln ablaufen. Beim Essen, beim Training, auf der Fahrt zum Stadion.“ Da hätten alle Spieler und sogar die Busfahrerin kurze Hosen tragen müssen, so Lahm. „Sonst fuhr der Bus nicht ab.“

Der Einfluss van Gaals reiche bis zum Hamburger SV, sagt HSV-Fan Boesten. Der neue Jugendtrainer Ricardo Moniz, auch ein Holländer, hält van Gaal, sein großes Trainer-Vorbild, für den besten Trainer der Welt. Was Schulleiter Boesten ähnlich sieht: „Ohne van Gaal stünde Bayern heute nicht so an der Weltspitze wie heute. Er hat den Spektakel-Fußball geprägt.“ Und es sei ihm mit zahlreichen Mannschaften gelungen, Erfolg zu haben, „weil er das Team oft so aufgestellt hat, dass es Erfolg hatte.“

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