Norderstedt

Radparkhaus nicht mal zur Hälfte belegt – Zweites soll her

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Michael Schick und Zuzanna Viola
Gut 1,8 Millionen Euro hat der Bau des Fahrradparkhauses am Bahnhof in Norderstedt-Mitte gekostet. Die Radstation wurde 2015 eingeweiht.

Gut 1,8 Millionen Euro hat der Bau des Fahrradparkhauses am Bahnhof in Norderstedt-Mitte gekostet. Die Radstation wurde 2015 eingeweiht.

Foto: Zuzanna Viola

Politiker halten an Plänen für ein zweites Radparkhaus in Norderstedt fest. Kosten: mehr als zwei Millionen Euro.

Norderstedt. Euphorie rufen die Zahlen bei den Politikern nicht hervor: Das Radparkhaus am Rathaus, 2015 als sichtbares Zeichen für Norderstedts Weg zur Fahrradstadt eingeweiht, ist nicht mal zu 50 Prozent belegt. Das hat eine Anfrage der CDU an die Stadtverwaltung ergeben. 436 Räder finden Platz in der Garage am Bahnhof in Norderstedt-Mitte, doch selbst im Rekordjahr 2019 waren nur 194 per Jahresabo belegt.

Fahrradparkhaus in Norderstedt: Nur 42 Prozent Auslastung

Sicher und trocken sollten die Räder stehen – und damit vor allem Pendler dazu bringen, auf zwei Rädern zum Bus oder zur U-Bahn zu fahren und das Auto stehen zu lassen. 1,82 Millionen Euro hat das zweistöckige Parkhaus gekostet, das auch eine Werkstatt und einen Verleih anbietet. Rund 700.000 Euro davon waren Fördermittel.

Doch das Angebot trifft auf verhaltene Resonanz: 183 Jahresabos nennt die städtische Statistik für das Jahr 2020, eine Auslastung von nur knapp 42 Prozent. Für 2018 und 2019 liegen die Zahlen nur minimal höher. Monatstickets sind nicht vergeben, die Zahl der Tagestickets schwankt zwischen 499 (im Jahr 2016) und 159 im Vorjahr.

„Da ist noch Luft nach oben“, sagt Reimer Rathje, Fraktionschef von Wir in Norderstedt (WiN). Wollen oder brauchen die Norderstedter keine Radstation, in der ihre Räder gegen Diebstahl, Regen und Schnee geschützt sind? „Es ist tatsächlich die Frage, warum das Angebot nicht besser angenommen wird“, sagt Nicolai Steinhau-Kühl (SPD), Vorsitzender des Verkehrsausschusses.

Grüne sehen Corona-Pandemie als Ursache

Marc Muckelberg, Fraktionschef der Grünen, hält die Belegung für zufriedenstellend. „Die Fahrräder, die im Parkhaus stehen, könnten wir in der Fläche gar nicht unterbringen.“ Als Ursache für die Stagnation bzw. den Rückgang nennt der Grünen-Politiker die Corona-Pandemie. Das Arbeiten im Homeoffice habe die Fahrten ins Büro deutlich reduziert. „Bei denjenigen, die zu Hause arbeiten oder noch in Kurzarbeit sind, ist das Interesse an einem Fahrradstellplatz natürlich eher gering“, sagt Andreas Pehlgrimm von der Complete Dienstleistung GmbH, die die Parkgarage betreibt.

„Die Auslastung der Fahrradparkgarage in Norderstedt ist mit der in vielen anderen mittelgroßen Städten in Deutschland vergleichbar. Sie ist aus Sicht der Verwaltung, wie in anderen Städten auch, ausbaufähig“, sagt Fabian Schindler, Sprecher der Norderstedter Stadtverwaltung. Es dürfe aber nicht außer Acht gelassen werden, dass die Auslastung vieler kostenpflichtiger Pkw-Parkhäuser auch nicht höher sei.

Es brauche Zeit, bis Menschen Gewohnheiten ändern. Das gelte auch für den Umstieg vom Auto aufs Fahrrad. Die Stadt könne den Wandel lediglich unterstützen, indem sie die Infrastruktur wie das Parkhaus schafft oder gezielt informiert. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir seitens der Stadt eine Plakataktion machen: Stell dein Rad sicher ab – in den Norderstedter Radstationen!“, sagt Joachim Brunkhorst, der im Radverkehrsbeirat Segeberg mitarbeitet und Radverkehrsbeauftragter des Kreises war.

Parkplätze in der Innenstadt immer noch kostenlos

„Die Stadtvertretung hat schon vor Jahren beschlossen, Gebühren für die Autoparkplätze in Norderstedt-Mitte einzuführen. Doch Autofahrer können leider noch immer kostenfrei parken, das Abstellen von Rädern im Fahrradparkhaus hingegen kostet Geld“, sagt Rolf Jungbluth vom ADFC in Norderstedt. Diese Gebührenpolitik biete keinen Anreiz, das Auto durchs Fahrrad zu ersetzen. „Solange das Auto den roten Teppich ausgerollt bekommt, leiden alle anderen wie wir Radfahrer darunter“, sagt Jungbluths ADFC-Kollege, Michael Artmann.

Trotz der ernüchternden Auslastung halten die Kommunalpolitiker nicht nur am jetzigen Fahrradparkhaus fest, sondern auch grundsätzlich am Plan, ein zweites am Herold-Center zu bauen. „Aber wir sollten aus den Erfahrungen mit dem Pilot-Projekt lernen und die neue Radgarage kleiner auslegen“, sagt Peter Holle, Fraktionschef der CDU. Grünen-Kollege Muckelberg widerspricht: „Die externe Analyse kommt zum gegenteiligen Ergebnis: Der Bedarf ist größer als in Norderstedt-Mitte.“

Kosten für zweites Fahrradparkhaus zu hoch?

Gegen ein zweites Fahrradparkhaus plädiert die AfD: „Die Zahlen zeigen doch: Die Bürger wollen das Radparkhaus nicht“, sagt AfD-Sprecher Felix Frahm. Das könne niemals kostendeckend arbeiten. Tatsächlich zahlt die Stadt der Complete Dienstleistung GmbH gut 80.000 Euro pro Jahr für den Betrieb. Die AfD spricht sich für kostenlose überdachte Fahrradparkplätze aus. Die Freien Wähler und Demokraten (FWuD) halten den Bau eines weiteren Radparkhauses für zu teuer und unnötig. „Es gibt viel günstigere Varianten. Man muss bei einer Garage für Räder nicht analog zu Pkw-Parkhäusern denken“, sagt FWuD-Sprecher Sven Wojtkowiak.

Auch andere Parteien halten die Kosten für zu hoch und haben das Projekt mehrheitlich gestoppt. Noch in der Machbarkeitsstudie war von rund einer Million Euro die Rede. Doch jetzt bezifferte die Norderstedter Verwaltung die Investitionen auf 2,1 bis 2,3 Millionen Euro. Die Baukosten seien um 25 Prozent gestiegen. Zum anderen ergäben sich besondere Anforderungen an das Gebäude. Da es einstöckig auf dem U-Bahn-Tunnel gebaut werden soll, sei mehr Fläche nötig, und die Statik müsse dem Zugverkehr standhalten. Angesichts der Kostenexplosion müsse man über einen anderen Standort mit geringeren Investitionen nachdenken, fordert CDU-Mann Holle.

Andreas Pehlgrimm sieht die Zukunft des Fahrradparkhauses in Norderstedt-Mitte jedenfalls positiv: ,,Wir sind regelmäßig im Gespräch mit der Stadt und hoffen gemeinsam, dass die Auslastung besser wird. Da sind wir grundsätzlich sehr optimistisch.”

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