Norderstedt

Stadtvertretung entscheidet über Kreisel-Kunst

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Burkhard Fuchs
So stellt sich Bildhauer Thomas Behrendt die Gestaltung des Kreisels Achternfelde/Ochsenzoller Straße vor. Die Figuren-Gruppe hat den Titel „Ursprung“.

So stellt sich Bildhauer Thomas Behrendt die Gestaltung des Kreisels Achternfelde/Ochsenzoller Straße vor. Die Figuren-Gruppe hat den Titel „Ursprung“.

Foto: Thomas Behrendt / Heike Linde-Lembke

Bekommt Bildhauer Behrendt weitere Aufträge? Gibt es eine Ausschreibung oder doch nur Grünflächen?

Norderstedt.  Eile schien geboten. Doch die Stadtvertreter im Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr ließen sich von der Verwaltung nicht drängen und vertagten die Entscheidung. Weil am 27. September der Bau des neuen Verkehrskreisels an der Ochsenzoller Straße/Achternfelde/Tannenhofstraße beginnen soll, der 1,4 Millionen Euro kosten und fünf Monate Bauzeit in Anspruch nehmen wird, wollte die Verwaltung vorab wissen, ob sie dort die Kreiselmittelinsel nur begrünen oder wie ein paar Hundert Meter weiter entfernt an der Berliner Straße/Ochsenzoller Straße mit einem Kunstwerk des Norderstedter Bildhauers Thomas Behrendt versehen lassen soll. Für eine nachträgliche Installierung würden sonst die Baukosten um etwa zehn Prozent steigen, erklärte Mario Kröska, Leiter des Fachbereichs Verkehr, Entwässerung und Liegenschaften.

Norderstedter Politiker sind uneinig

Doch im Ausschuss regte sich Widerstand, und es entwickelte sich eine Grundsatzdebatte, ob diese Kunstwerk-Trilogie überhaupt politisch gewollt sei. So hatte der damalige Baudezernent und Erste Stadtrat Thomas Bosse quasi im Alleingang den Norderstedter Bildhauer Thomas Behrendt beauftragt, den Kreisverkehr an der Berliner Straße/Ochsenzoller Straße mit seiner aus drei großen Sandsteinquadern bestehende Skulpturengruppe „Familie“ zu verschönern. 127.000 Euro hat das gekostet. Die Kunstwerke sind inzwischen auf dem Kreisel aufgestellt, die laut Behrendt Mutter, Vater und Kind darstellen.

Auch die beiden benachbarten Kreisel an der Ochsenzoller Straße/Achternfelde/Tannenhofstraße sowie an der Horst-Embacher-Allee/Am Knick/Kohfurth sollten Groß-Skulpturen bekommen, so die Absprache zwischen dem Künstler Behrendt und der Verwaltung. Wobei der zuletzt genannte Kreisel dafür erst wieder aufwendig umgebaut werden müsste, weil er bereits vor einigen Jahren mit der Wohnbebauung am Garstedter Dreieck fertiggestellt wurde. Weitere 415.000 Euro würde das die Stadt kosten, je zur Hälfte etwa für beide Kreisel, heißt es in der Verwaltungsvorlage. Wobei die Verwaltung den Kohfurth-Kreisel „aus Kapazitätsgründen“ frühestens im Jahr 2024 „wieder aufreißen und zubauen“ könnte.

Unklar ist, welcher Ausschuss eigentlich zuständig ist

In der Mai-Sitzung des Kulturausschusses hatte der Bildhauer Behrendt seine Trilogie – „Ursprung“, „Familie“ und „Zukunft“ – bereits vorgestellt. Allerdings habe der Ausschuss dazu keinen Beschluss gefasst, wunderten sich die Mitglieder des Verkehrsausschusses. Zudem ergebe sich hierbei ein nicht unerhebliches Zuständigkeitsproblem, da der Kulturausschuss keine Gelder für Projekte im öffentlichen Straßenraum vergeben dürfe. Auch der Norderstedter Umweltausschuss könnte betroffen sein, falls dieser auf diesen Mittelinseln lieber biodiverse Grünflächen für Insekten wünsche.

Und so beschloss der Verkehrsausschuss nach langem Hin und Her schließlich, dass die Stadtvertretung als höchstes politisches Entscheidungsgremium einen Grundsatzentscheidung fällen soll, ob auch die beiden anderen Kreisel, nur einer oder gar keiner mit den von Behrendt geplanten Kunstwerken bestückt werden soll.

FDP kritisiert die Kosten für das Projekt

Die Meinungen der Fraktionen gehen quer durcheinander. Für die WiN-Fraktion würde sich die zweite Skulptur am geplanten Kreisel Achternfelde/Ochsenzoller Straße anbieten, weil die mit der bereits aufgestellten an der Berliner Straße/Ochsenzoller Straße „zusammengehört“, findet Fraktionschef Reimer Rathje. „Den Kreisel an der Kohfurth wieder abzureißen und neu zu bauen, macht keinen Sinn.“ Das würde kein Bürger in der Stadt verstehen, so Rathje.

Für Tobias Mährlein (FDP) ist es ohnehin viel zu viel Geld, das für diese Kreisel-Kunst ausgegeben werden soll. „Dafür könnten wir 100 Schulklassen in Norderstedt lieber mit Luftfiltern ausstatten“, zitiert er seine Fraktionschefin Gabriele Heyer.

Patrick Pender (CDU) plädiert für einen offiziellen Kunstwettbewerb mit Beteiligung der Bürgerschaft, der ausgeschrieben werden müsste und auch andere Künstler als Behrendt zum Zuge kommen lassen sollte. „Wir wollen hier kein Abo für die Kreisel-Kunstwerke abschließen.“

Zwei Jahre arbeitet Behrend an einer Skulptur

Und SPD-Fraktionschef Nicolai Steinhau-Kühl sagt: „Es fehlt bislang der politische Wille, grundsätzlich dafür Geld in die Hand zu nehmen. Wir brauchen ein stimmiges Konzept und ein nachvollziehbares Auswahlverfahren.“

Bildhauer Behrendt, der eigens zur Verkehrsausschusssitzung gekommen war und auch dort seine Idee und die Modelle vorstellen wollte, wurde auf später vertröstet. „Nehmen Sie das bitte nicht persönlich“, sagte Tobias Mährlein. „Als Bildhauer bin ich hart im Nehmen“, entgegnete der Künstler schlagfertig.

Etwa zwei Jahre brauche er für jede Skulptur, sagte er nach der Sitzung dem Abendblatt. Aus den jeweils etwa 60 Tonnen schweren Sandsteinen, die er sich aus dem Steinbruch bei Nordhorn besorge, würde er in anstrengender Handarbeit mit der Flex die 20 Tonnen schweren und bis zu vier Meter hohen Stelen entwerfen. Das sei Schwerstarbeit. „Ich bin ständig beim Physiotherapeuten“, sagte er schmunzelnd und betonte: „Am Geld soll es nicht liegen.“ Bereits das erste Kunstwerk habe er für weniger als zehn Euro Stundenlohn angefertigt.

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