Mobilität

„Norderstedt tut zu wenig für uns Radfahrer“

| Lesedauer: 7 Minuten
Annabell Behrmann
Christian Findeklee fährt von Norderstedt aus mit dem Rad zur Arbeit nach Hamburg-Nord. Er sagt, die Straßen seien alles andere als fahrradfreundlich.

Christian Findeklee fährt von Norderstedt aus mit dem Rad zur Arbeit nach Hamburg-Nord. Er sagt, die Straßen seien alles andere als fahrradfreundlich.

Foto: Annabell Behrmann

Sagt Christian Findeklee. Er fährt täglich mit dem Rad zur Arbeit nach Hamburg. Was ihn besonders stört.

Norderstedt.  Seit etwas mehr als 20 Jahren lebt Christian Findeklee in Norderstedt. Im Jahr 2000 ist er von der südlichen in die nördliche Metropolregion Hamburgs gezogen – von Buchholz nach Norderstedt. Ihm war es wichtig, weiterhin im Grünen zu leben – und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können.

Wochentags radelt der Elektrotechniker jeden Morgen von Norderstedt-Mitte aus entlang der U-Bahnlinie 1, vorbei am Flughafengelände, bis zum Büro an der Röntgenstraße in Hamburg. Der 48 Jahre alte Familienvater, der rund 4500 Kilometer im Jahr mit dem Fahrrad zurücklegt, kennt die Radwege in seiner Umgebung in- und auswendig. Intensiv verfolgt er, wie sich der Radverkehr entwickelt. „Norderstedt ist noch weit davon entfernt, eine fahrradfreundliche Stadt zu sein“, sagt er.

Verkehrssituation für Radler nicht verbessert

Findeklee kann sich nicht erinnern, dass sich die Verkehrssituation für Radfahrer in seiner Heimatstadt die vergangenen 20 Jahre wesentlich verbessert hat. Im Gegenteil: Seitdem ein Teil der Ulzburger Straße zur Tempo-30-Zone erklärt wurde, fühlt er sich als Radler unwohler als vorher auf dem Asphalt. Im Moorbekpark waren die Wege, die neu bepflastert wurden, fast ein Jahr lang gesperrt. „So viel Zeit lässt man sich bei Straßen nicht.“ Und ein Radweg nahe des Friedrichsgaber Wegs sei völlig unnötig erneuert worden. „Das war gut gemeint, aber leider der falsche Weg.“

Immerhin fallen Christian Findeklee auch positive Beispiele ein: Die Strecke an der U1 sei neu gepflastert worden, die Coppernicusstraße sei zur Fahrradstraße umfunktioniert worden, und auf Hamburger Gebiet hätte es ein wenig neuen Blähton-Belag gegeben. Die Umgestaltung der Kreuzung Schleswig-Holstein-Straße/Poppenbütteler Straße findet der Norderstedter sehr gelungen, diese sei „vorbildlich“, sagt er. „Das hat alles die Gesamtqualität zumindest ein wenig verbessert, aber ist weit weg von einem Radschnellweg, der so richtig zum Umsteigen auf das Fahrrad motivieren würde.“

Vom Radschnellweg wird schon lange gesprochen

Der ersehnte Radschnellweg, der Fahrradfahrern das Leben erleichtern und Pkw-Fahrer locken soll, ihren Wagen stehen zu lassen, soll erst noch entstehen. Im Kreis Segeberg ist eine 43 Kilometer lange „Autobahn des Radverkehrs“ von Bad Bramstedt über Kaltenkirchen, Henstedt-Ulzburg und Norderstedt bis nach Hamburg-Alsterdorf geplant. „Ich weiß nicht, ob ich das vor meiner Rente noch erleben werde“, sagt Christian Findeklee.

Schon seitdem er in Norderstedt wohnt, sei ein Radschnellweg im Gespräch. Generell werde seiner Meinung nach viel getan, um Freizeitradlern das Fahren so angenehm wie möglich zu gestalten – aber die Berufspendler, die tagtäglich mit dem Rad unterwegs seien, würde man vergessen.

An so einigen Tagen kommt Findeklee mit erhöhtem Puls bei der Arbeit an. Das liegt nicht nur an den zwölf Kilometern, die er innerhalb von 30 Minuten mit dem Fahrrad bewältigt hat – sondern auch an den regelmäßigen Auseinandersetzungen mit Autofahrern, über die er sich aufregt. „Allein heute bin ich drei- bis viermal zu dicht überholt worden“, beklagt Christian Findeklee beim Treffen mit dem Abendblatt.

Radler „Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse“?

Wenn ein Autofahrer nur einen statt der vorgeschriebenen eineinhalb Meter Abstand zu ihm hält, dann kann das mal passieren, meint er. „Ich bin auch nicht frei von Fehlern. Wenn aber jemand dicht an mir vorbeibrettert, dann ärgert mich das schon“, sagt Findeklee. Einmal hätte ihn ein Kleinlaster einer Gartenbaufirma viel zu eng überholt, gerade einmal 20 Zentimeter hätte die Distanz zwischen Fahrradlenker und Auto betragen.

Findeklee merkte sich das Kennzeichen des rasanten Fahrers und radelte zur Polizeistation. Auf dem Revier ließen ihn die Beamten zunächst abblitzen. Aber mit der Abfuhr gab sich der Norderstedter nicht zufrieden. Bei einer anderen Polizeiwache nahmen die Beamten sein Anliegen ernst. Die Mitarbeiter der Gartenbaufirma seien der Polizei bereits für ihre gefährliche Fahrweise bekannt gewesen, berichtet Findeklee.

Der leidenschaftliche Fahrradfahrer wünscht sich, kein „Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse“ mehr zu sein. „Es muss etwas passieren, dass die Bedürfnisse von Radfahrern gesehen werden.“ Während die Straßen für den motorisierten Verkehr häufig neu asphaltiert werden, „wird mein Radweg immer holpriger“, sagt Findeklee. Genauso müsste es auch für Fahrradfahrer ausreichend Stellplätze geben. „Unter dem Rathaus gibt es ein ganzes Fußballfeld an Parkplätzen, aber für Räder nicht genügend Bügel.“

Verbesserungsvorschläge und Gespräche mit Autofahrern

Findeklee möchte dazu beitragen, den Radverkehr in Norderstedt zu verbessern. Das ist ihm eine Herzensangelegenheit. Immer wieder sucht er das klärende Gespräch mit Autofahrern – die laut Findeklee mal mehr, mal weniger einsichtig sind – und macht der Stadt Verbesserungsvorschläge. Erst kürzlich hat er sich im Rathaus gemeldet, nachdem er im Abendblatt von der Plakataktion der Stadt gelesen hatte, die für mehr Sicherheit im Radverkehr sorgen soll.

Bis vor Kurzem hingen 50 Plakate im Stadtgebiet verteilt, die Autofahrer darauf hinwiesen, beim Überholen mindestens eineinhalb Meter Abstand zu Radfahrerinnen und Radfahrern zu halten. Einzige Ausnahme sei, wie Norderstedts Radverkehrsplanerin Christina Haß erklärte, wenn Radfahrende auf einem Radfahrstreifen, also mit durchgezogener Linie, fahren – dann könnten Autofahrende diese auch ohne eineinhalb Meter Abstand überholen.

Strafen für Autofahrer nicht hart genug?

„Das kann nicht wahr sein“, dachte Christian Findeklee, als er diese Zeilen in der Zeitung las. Für den Radfahrer ergab diese Regel einfach keinen Sinn. Wenn ein Pkw ein Fahrrad zu dicht überholt, sei dies immer gefährlich – egal, ob die Linie nun gestrichelt oder durchgezogen sei, meint Findeklee. Auch der ADFC Norderstedt-Quickborn meldete sich beim Abendblatt und bemängelte diesen Widerspruch. „Eine Linie auf der Fahrbahn ändert nichts an den physischen und psychischen Folgen eines zu dichten Vorbeifahrens“, schreibt der ADFC, der die Plakataktion aber grundsätzlich begrüßt.

Christian Findeklee findet die Strafen für Autofahrer, die jemand anderen gefährden (80 Euro und ein Punkt in Flensburg) oder schädigen (100 Euro und ein Punkt in Flensburg) viel zu gering. „Es muss dem Autofahrer richtig weh tun“, sagt er. Führerscheinentzug hält er für eine gute Möglichkeit, um mehr Rücksichtnahme zu bewirken.

Nur einen schweren Radunfall hatte der Norderstedter bisher. Eine Frau hat ihn vor vielen Jahren mit ihrem Pkw angefahren. Findeklee flog über die Motorhaube – kam aber mit einem geprellten Knie, einer Platzwunde und leichten Gehirnerschütterung davon. „Ich war früher Kunstturner und konnte mich gut abrollen.“ Dieses Erlebnis hat Findeklee nicht abgeschreckt, weiterhin mit dem Fahrrad zu fahren. Er besitzt zwar auch ein Auto und kennt die andere Perspektive – aber er würde jedem empfehlen, auf zwei Räder umzusteigen. „Fahrradfahren ist gesund, häufig ist man schneller als mit dem Auto – und auf dem Rad kommen einem die besten Ideen.“

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