Bürgerentscheid

Wohnungsbau – der Streit um die Zukunft Tangstedts

| Lesedauer: 6 Minuten
Christopher Herbst
Die Bürgerinitiative (v.l.): Ina Gerlach, Susanne Weingarten, Eva-Maria Schmidtkunz und Klaus Gerken. Sie fordern Fläche, dass die Fläche „Lindenallee“ vorrangig entwickelt wird. Nun könnte ein Bürgerentscheid folgen.

Die Bürgerinitiative (v.l.): Ina Gerlach, Susanne Weingarten, Eva-Maria Schmidtkunz und Klaus Gerken. Sie fordern Fläche, dass die Fläche „Lindenallee“ vorrangig entwickelt wird. Nun könnte ein Bürgerentscheid folgen.

Foto: Christopher Herbst

Wo soll was gebaut werden? Was soll gebaut werden? „Mehr bezahlbaren Wohnraum!“, fordert eine Bürgerinitiative.

Tangstedt. Es sind entscheidende Wochen für die Zukunft von Tangstedt. Nie war die Spaltung der Politik bei der Frage, wo im Ort neue Wohngebiete entstehen, sichtbarer als heute. Und während sich die Fraktionen gegenseitig blockieren, treibt eine selbstbewusste Bürgerinitiative die Gemeindevertretung vor sich her. Nachdem ihr Bürgerbegehren im Frühjahr problemlos das nötige Quorum von Unterschriften erreicht hatte, könnte ein Bürgerentscheid Klarheit bringen, in welcher Reihenfolge Flächen entwickelt werden sollen. Im Mittelpunkt: das Gebiet „Lindenallee“ im Ortsteil Tangstedt.

Bürgerinitiative will neuen Ortsmittelpunkt

Derzeit wird auf dem rund sieben Hektar großen Areal, gelegen zwischen Hauptstraße und dem Komplex mit zwei Kitas und der Grundschule, Mais angebaut. Gelegentlich gibt es Wildschwein-Sichtungen. Doch Eva-Maria Schmidtkunz, Ina Gerlach, Susanne Weingarten und Klaus Gerken sagen: Hier soll ein neuer Ortsmittelpunkt geschaffen werden. Sie wollen den politischen Beschluss vom letzten Herbst, den CDU und Bürgergemeinschaft mit einer knappen Mehrheit von nur einer Stimme gegenüber Grünen, SPD und FDP fassen konnten, auf den Kopf stellen.

Damals war die Reihenfolge der potenziellen Baugebiete verändert worden. An die erste Stelle rückte die „Kuhteich-Fläche“, die sich wenige Hundert Meter entfernt von der Lindenallee befindet, aber deutlich kleiner ist. Dann folgte „südlich des Funkturms“ zwischen Bürgerpark und Harksheider Weg. Beide sind in Gemeindebesitz, was als ein Hauptargument genannt wurde. An dritte Position kam „südlich Dorfteich“, vorrangig für den Bau einer neuen Kita in Wilstedt. Schon das war eine 180-Grad-Wende – denn 2016 hatte man sich, noch unter anderen Mehrheitsverhältnissen, für die „Lindenallee“ ausgesprochen.

Wohnungen statt Ein- und Mehrfamilienhäusern

Die Bürgerinitiative fordert mehr oder weniger eine Wiederherstellung dieses alten Beschlusses. Mit einer Erweiterung: „Lindenallee“ und „Kuhteich“ sollen gleichrangig Priorität haben. „Es fehlt bezahlbarer Wohnraum für Senioren, junge Erwachsene, Alleinerziehende. Wir brauchen keine Einfamilien-, keine Mehrfamilienhäuser oder Doppelhaushälften“, sagt Eva-Maria Schmidtkunz, „wir brauchen Wohnungen. Warum gehen jüngere Menschen weg, warum verkaufen Ältere ihre Häuser nicht? Weil sie keinen Wohnraum finden.“

Die „Lindenallee“ sei zentral gelegen, das Nahversorgungszentrum ist gut zu Fuß erreichbar. Und es könnte eine neue Zufahrt zu den Kitas und der Schule entstehen – dass die Schulstraße zu eng ist, man bei Begegnungsverkehr mit Bussen über den Kantstein fährt, kennt jeder im Ort. „Das Thema der Sicherheit auf der Schulstraße schieben wir seit Generationen vor uns her“, sagte Klaus Gerken. „Es fahren dort Gelenkbusse, die so lang sind wie ein Grundstück.“

Forderung nach „vernunftorientierter Ortsentwicklung“

Die Initiative forderte eine „vernunftorientierte Ortsentwicklung“. Das kam bei der Politik nicht gut an. „Wenn man ein sehr eitler Kommunalpolitiker ist, könnte man sich verletzt fühlen“, sagte Bürgermeister Jürgen Lamp (CDU). Der Vorsitzende des Planungsausschusses, Eckhard Harder (CDU), meinte: „Ein Bürgerentscheid ist kein geeignetes Instrument für eine Prioritätenliste.“ Und Berthold Günther von der BGT war ebenso unbeirrt: „Die gegenwärtige Priorisierung ist das Maß der Dinge.“

Es wurde auch die Sorge laut, dass die Planungen für die neue Wilstedter Kita scheitern könnten. Nur: Die Bürgerinitiative sitzt am längeren Hebel, sie hat ein Recht auf einen Bürgerentscheid. Etwa 1400 Ja-Stimmen wären nötig, die Chancen dürften gut stehen – schon beim Ortsentwicklungskonzept, das 2019 erarbeitet wurde, hatte man viele der jetzigen Argumente oft gehört. Es gibt für die Politik nur noch eine Möglichkeit, den Bürgerentscheid abzuwenden. Sie müssten einen Beschluss fassen, der die Priorisierung der Baugebiete so ordnet, dass die Bürgerinitiative dies auch absegnet.

Tangstedter Politiker sind gespalten

Einen solchen Kompromiss hatte die Itzstedter Amtsverwaltung sogar für die Gemeindevertretung am 11. August vorgelegt, doch es kam zu einem Patt von zehn zu zehn Stimmen, also formal einer Ablehnung – CDU und BGT auf der einen, Grüne, SPD und FDP auf der anderen Seite. Der elfte Mann, Christdemokrat Christoph Ahrens, musste den Saal wegen Befangenheit verlassen. Seiner Familie gehört eines der Grundstücke der Fläche „südlich Dorfteich“.

Der Stimmen-Gleichstand verhinderte auch, dass sich die Politik auf eine Gegenposition zur Forderung der Bürgerinitiative einigen konnte – Stand jetzt würde bei den Wahlunterlagen eine Seite leer bleiben. „Keine Aussage ist auch eine Aussage“, kommentierte der leitende Verwaltungsbeamte Torge Sommerkorn entnervt, „das hatten wir auch noch nicht.“ Auf einen Termin konnte man sich ebenso wenig einigen.

Dafür tagt am Mittwoch, 25. August, von 19.30 Uhr an, in der Turnhalle, die Gemeindevertretung in einer Sondersitzung. Der bereits einmal abgelehnte Kompromiss wird ein weiteres Mal vorgelegt. Eine Stimme aus den Reihen der CDU und der BGT könnte reichen. Die Bürgerinitiative wäre im Boot. „Wir unterstützen diesen Entwurf, würden keinerlei Blockade machen“, so Klaus Gerken.

Ohne Bebauungsplan gibt es keinen Verkauf

Doch selbst wenn die Bevölkerung die nötige Mehrheit „pro Lindenallee“ liefern würde – kurzfristig würde sich nichts tun. Denn die Fläche ist weiterhin im Besitz einer Erbengemeinschaft. Als treuhändischer Partner stünde zwar die Landgesellschaft Schleswig-Holstein bereit, sie hat sogar schon Voruntersuchungen vornehmen lassen, also Geld investiert. Aber, so sagt deren Leiter für Grundstücksentwicklung, Manuel Koenig: „Derzeit gehört das Grundstück nicht uns.“

Die Landgesellschaft ist kein privater Investor, sie gehört mehrheitlich der Investitionsbank, also zur Landesregierung. Aus den politischen Querelen hält sich Koenig öffentlich raus, spricht aber regelmäßig mit den Fraktionen. Ohne einen Bebauungsplan dürfte es keinen Verkauf geben. Aber dafür braucht Tangstedt stabile Verhältnisse.

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