Kreis Segeberg

Wie Afghanen den Aufstieg der Taliban erleben

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„Ich weine jeden Tag!“: Ismatullah Khalidi (31) lebt in Norderstedt. Er stammt aus Dschalalabad. Dort leben seine sieben Geschwister und die große Familie.

„Ich weine jeden Tag!“: Ismatullah Khalidi (31) lebt in Norderstedt. Er stammt aus Dschalalabad. Dort leben seine sieben Geschwister und die große Familie.

Foto: Andreas Burgmayer

Bilder aus Afghanistan schockieren die Welt. Das Abendblatt hat bei Afghanen im Kreis Segeberg nachgefragt.

Kreis Segeberg.  In Dschalalabad haben die Taliban am Donnerstag geschossen. Mitten in eine Menge Protestierender. Ismatullah Khalidi (31) stammt aus der Stadt in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion. Doch jetzt sitzt er in Norderstedt, auf seinem Sofa. Ohnmächtig. „Ich weine jeden Tag. Mein Herz und meine Gedanken sind in meinem Land.“ Wenn er morgens aufwacht, wünscht er sich, alles sei nur ein schrecklicher Traum gewesen. Bis er wieder klar denkt und in Traurigkeit versinkt. „Mein Land geht zurück in die Dunkelheit. Ich habe keine Hoffnung mehr.“

„Sie werden jetzt mit dem Terror weitermachen – wie damals“

Als kleiner Junge erlebte er die „Gotteskrieger“, als sie in den 90er-Jahren in Afghanistan wüteten. „Sie schlagen nur, sie töten und lügen, sie sind grausam. Niemand kann ihnen trauen. Sie werden jetzt mit dem Terror weitermachen – wie damals.“ Später, als junger Mann arbeitete Ismatullah Khalidi in Dschalalabad für eine regierungsnahe Organisation, die sich für den Friedensprozess einsetzte. „Ich sprach mit den Taliban, rief sie auf, die Gewalt sein zu lassen.“ Als Antwort kamen Drohungen. Er sei ein Verräter. Ismatullah Khalidi flüchtete, sein Leben war nicht mehr sicher.

Mit seiner Familie telefoniert er jetzt täglich, stündlich. „Es gibt kein Geld mehr bei der Bank, Nichts kann man kaufen. Mein Bruder hat seinen neuen Job in Kabul gleich wieder verloren. Es herrscht Chaos.“ Fliehen, mit Kind und Kegel? Aussichtslos. Die Taliban seien überall. Ismatullah Khalidi hat Angst – auch um seine Zukunft. „Zweimal wurde mein Asylantrag in Deutschland schon abgelehnt. Aber man kann mich nicht dorthin zurückschicken!“ Niemand, noch nicht mal Innenminister Horst Seehofer, bestreitet das jetzt noch.

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„Geschockt, entsetzt, gestresst und hilflos“

Seit dem Wochenende klingelt das Handy von Najib Yousofy noch häufiger als sonst. Es sind Notrufe, die den 52-Jährigen erreichen. Mitarbeiter seines TV-Senders in Afghanistan bitten verzweifelt um Hilfe. So wie die junge Frau, die während des Gesprächs Yousofys mit dem Abendblatt anruft: „Hol’ mich hier raus“, fleht sie weinend. „Wie soll ich hier noch meine Kinder ernähren?“

Yousofi spricht mit ihr, während er langsam über den Rasen an seinem Haus am Stadtrand geht. Wie oft hat er sich gefragt, was er nach der Machteroberung der Taliban in seiner alten Heimat tun kann. Zu einem Ergebnis ist er nicht gekommen. „Das ist ein Albtraum“, sagt er. „Ich will helfen und kann es nicht. Ich bin geschockt, entsetzt und gestresst. Und hilflos.“

Er überlegt, das Auswärtige Amt zu fragen, was er für seine 40 Mitarbeiter tun kann. Doch groß sind seine Hoffnungen nicht. Bad Bramstedt ist Yousofis neue Heimat geworden, aber Afghanistan bleibt das Land seiner Wurzeln, in das er immer wieder zurückkehren möchte. Als Kind kam der junge Najib 1983 nach Deutschland. Yousofy ging zur Schule, machte Abitur und machte seinen Abschluss in Medienbetriebstechnik. Heute arbeitet er als Systemingenieur beim NDR.

Der Traum von freier Bildung, Gleichberechtigung

Afghanistan hat ihn nie losgelassen. Regelmäßig reiste er in die alte Heimat. Nach 2001, als die USA und ihre Verbündeten die Terrorherrschaft der Taliban beendet hatten, flog er drei- bis viermal im Jahr dorthin und begann, einen Traum zu realisieren: Yousofi wollte einen afghanischen Bildungssender gründen. Von den Ersparnissen und mit Hilfe eines Förderkreises kaufte er sich die Technik zusammen, erwarb einen ausgemusterten Sendemast seines Arbeitgebers und schaffte die Anlagen per Container in die Millionenstadt Herat.

Vor Ort bildete Yousofi die Mitarbeiter aus. 2005 war es soweit: Die Lizenz zum Senden lag vor, Herai TV konnte den Betrieb aufnehmen. Im Großraum Herat versorgte der Sender mithilfe des NDR-Masts aus dem Holsteinischen die Menschen mit Informationen über Gesundheit und Recht, Wissenschaft und Handwerkertipps. Ausdrücklich ging es den Machern auch darum, dass Selbstvertrauen von Frauen zu stärken.

Drohbriefe, Unterdrückung und Gewalt

Nur Nachrichten tauchten nicht im Programm auf, später verschwand auch langsam die Satire aus dem Vollprogramm mit den 40 Mitarbeitern. „Wir konnten wieder die Schritte der Taliban hören“, sagt Yousofy. „Es gab etliche Drohungen. Wir haben mit der Schere im Kopf gearbeitet.“ Der Druck wurde in den vergangenen zwei Jahren immer stärker: Einem Mitarbeiter rammte ein Unbekannter während eines Friseurbesuchs ein Messer in den Nacken. Ein Terrorist stürmte mit einer Handgranate in den Sender, zündete sie jedoch nicht. Hinzu kamen Drohbriefe. Und mit ihnen die Angst.

Am letzten Wochenende, nach der Machtübernahme der Taliban, hat Yousofy den Sendebetrieb eingestellt. Aus Sorge um seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – besonders für die Frauen im Team hat er große Befürchtungen. Bereits zwei Tage nach der Machtübernahme verfügten die Taliban, dass Frauen nicht mehr journalistisch tätig sein dürfen.

So wie die Frau, die gerade weinend bei Yousofy angerufen hatte. Vielleicht, überlegt Yousofy, wird er versuchen, mit den Taliban über den Sender zu reden. Per Skype oder Whatsapp. Dass er jetzt nach Afghanistan fliegt, schließt Yousofy aus „Es zieht mich sehr dorthin, aber jetzt reise ich bestimmt nicht.“ Im schlimmsten Fall muss er seine Mitarbeiter und den TV-Sender sich selbst und einer grausamen Terrorgruppe überlassen.

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„Es war keine gute Idee mehr für mich, dort zu bleiben.“

„Was kann ich tun? Nichts! Und deswegen geht es mir sehr schlecht.“ Der 42-jährige Afghane, der aus Angst seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, wird krank vor Angst um seine Geschwister, die mit ihren Kindern in Herat leben. Es ist nicht weit bis in den Iran von dort. „Aber auch jetzt noch brauchst du ein Visum für Iran. Aber Visa stellt derzeit keiner mehr aus, die Regierung ist geflohen. Und du brauchst viel Geld, die Visa kosten. Fliehen können derzeit also nur die Leute mit viel Geld“, sagt er.

Der 42-Jährige lebt seit sechs Jahren in Deutschland und kam vor zweieinhalb Jahren nach Norderstedt. Er hat jetzt eine Wohnung in Henstedt-Ulzburg, macht eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann für Autoteile. Zehn Jahre hat er in Afghanistan für eine Firma gearbeitet, die mit dem amerikanischen Militär kooperierte. „Ich hatte ein gutes Leben, verdiente gutes Geld, reiste viel ins Ausland – mehrmals auch nach Europa.“ Dann kamen die Drohungen der Taliban. „Es war keine gute Idee mehr für mich, dort zu bleiben.“

Schikane, Folter – Eine Familie starr vor Angst

Wenn er jetzt die Taliban in den Nachrichten reden hört, wie sie davon erzählen, dass sich niemand Sorgen über Rache oder Unterdrückung machen solle, steigt die Wut in ihm auf. „Einem Verwandten von mir, der als Militärarzt für die Regierung arbeitete, dem sagten die Taliban auch, dass er sich keine Sorgen machen brauche.

„Am Ende einer endlosen Reihe von Schikanen verhafteten und folterten sie ihn. Unter anderem setzten sie ihn in eiskaltes Wasser.“ Zwar überlebte der Verwandte, musste aber zwei Monate ins Krankenhaus und leidet bis heute unter psychischen Problemen. „Niemand kann den Taliban trauen. Denn sie entscheiden nichts ohne den pakistanischen Geheimdienst ISI. In Pakistan haben die Taliban ihre Wurzeln, dort leben ihre Familien.“

Seine Familie in Herat sei starr vor Angst, verlasse das Haus nicht mehr. „Sie riefen mich in den letzten Monaten immer an und erzählten mir, welche Stadt die Taliban gerade übernommen hatten. Keiner kann so tun, als habe er nicht gewusst, dass die Taliban kommen!“

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Bildung und Gleichberechtigung für Frauen

Es gab da diesen Moment, da konnte Mina Rahimi (67) nicht mehr hinsehen. Immer und immer wieder in den letzten Tagen hatte sie fassungslos vor dem Fernseher gesessen und erlebt, wie die Taliban triumphierend durch Kabuls Straßen zogen und wie verzweifelte Menschen sich an startende Flugzeuge klammerten, um dem Land zu entfliehen. Jenem Land, in dem sie geboren wurde.

Sie hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Einen kurzen Moment denkt Mina Rahimi, sie muss sterben. Sie hat 26 Jahre in der ambulanten Pflege gearbeitet. Sie kennt die Anzeichen. Als sie ihren Blutdruck misst, ist er auf 180. Sie nimmt Medikamente gegen Bluthochdruck. Doch in diesen Tagen helfen sie nicht.

Auch wenn sie seit 32 Jahren in Deutschland lebt – „es gab keinen Tag, an dem ich nicht an Afghanistan gedacht habe“, sagt Rahimi. 1989 musste sie aus Afghanistan fliehen, weil sie sich dort in einer Frauenrechte-Organisation engagiert hatte. „Wir haben dafür gekämpft, dass Mädchen zur Schule gehen dürfen und nicht zwangsverheiratet werden“, sagt Mina Rahimi. Sie hat selbst Biologie studiert und als Lehrerin in Afghanistan gearbeitet, Bildung war ihr immer wichtig. Bildung und Gleichberechtigung.

„Wenn ich geblieben wäre, hätte das meinen Tod bedeutet“

Sie hat sich dafür stark gemacht, dass Männer nicht mehrere Frauen heiraten dürfen und Frauen sich gegen ihre gewalttätigen Männer durchsetzen. Immer wieder ist sie in die Provinzen gefahren und hat Mädchen und Frauen über ihre Rechte aufgeklärt. Bis sie selbst keine Rechte mehr hatte und geflohen ist – mit zwei kleinen Kindern und ihrer kranken Mutter, aber ohne ihren Mann. Er konnte erst Jahre später nachkommen. „Wenn ich damals geblieben wäre, hätte das meinen Tod bedeutet“, sagt Mina Rahimi. Sie hat Freunde, die es damals nicht geschafft haben. In Deutschland ist sie als politischer Flüchtling anerkannt worden, seit 1998 ist sie deutsche Staatsbürgerin. Das bedeutet ihr viel. Ihre Töchter sind hier aufgewachsen.

Rahimi kann nicht verstehen, warum die Politiker und die Medien überrascht von der Machtübernahme der Taliban seien. „Das war doch schon lange absehbar“, sagt die 67-Jährige. „Wenn man so lange für die Rechte der Frauen gekämpft hat und dann sieht, was davon geblieben ist.“ Es breche ihr das Herz. Manchmal hat sie ein schlechtes Gewissen. Weil sie in Sicherheit ist, während ihre Landsfrauen so leiden müssen.

Sie glaubt nicht, dass das Ausland den Menschen helfen kann. „Die Menschen müssen sich selbst helfen und sich gegen das Regime auflehnen.“ Früher hat sie davon geträumt, nach Hause zu fahren. Nach Afghanistan. Jetzt ist das unmöglich geworden.

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