Kreis Segeberg

Wie wird die Tankstelle der Zukunft aussehen?

| Lesedauer: 8 Minuten
Jörg Riefenstahl
Der Inhaber der Esso Station Norderstedt Axel von Eitzen auf seiner Tankstelle an der Ochsenzoller Straße in Norderstedt.

Der Inhaber der Esso Station Norderstedt Axel von Eitzen auf seiner Tankstelle an der Ochsenzoller Straße in Norderstedt.

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Alle reden von Elektro- oder Wasserstofffahrzeugen – aber was macht der Tankwart, wenn keiner mehr Benzin braucht?

Kreis Segeberg.  Blitzblank steht das Kundenfahrzeug auf der Nordoel-Tankstelle in Bad Segeberg. Noch rasch Wasser, Öl, Reifen und Beleuchtung überprüfen – fertig. Tankwart Joshua Elias Vikos (20) wischt sich die winzigen Schweißperlen von der Stirn. Der junge Mann hat vor kurzem erst seine dreijährige Ausbildung zum Tankwart bei der Segeberger Nordoel-Tankstelle in der Eutiner Straße beendet. Joshua liebt seinen Job. Schon als Kind hat er gern mit seinem Vater an Autos herumgeschraubt. ,,Als Tankwart wird einem nie langweilig“, erzählt Joshua.

Tankwart – ein aussterbender Berufszweig?

Aber hat der Beruf des Tankwarts, so wie wir ihn kennen, angesichts zunehmender E-Mobilität überhaupt noch eine Zukunft? Wie sieht die Tanke von morgen aus in Zeiten, da immer mehr Menschen vom Verbrenner auf Stromer umsatteln – und ihren Wagen lieber bequem zu Hause oder an einer öffentlichen Ladesäule auftanken? Ein Stimmungsbild aus der Region.

Esso-Station Ochsenzoller Straße 131. Es ist die älteste Tankstelle in Norderstedt. Axel von Eitzen (52) leitet die Station seit 1966. Die goldenen ,,Tigerzeiten“ hat er selbst miterlebt. ,,Pack den Tiger in den Tank!“ hieß der Slogan mit der gestreiften Großkatze, der den bis dato ungebremsten Fortschrittsglauben in der jungen Bundesrepublik befeuerte. Als ein Liter Sprit noch 54 Pfennige kostete – und Halbstarke im aufgemotzten NSU Prinz mit aufgestellter Motorhaube pfeifend um die Ecken heizten.

Prämien für Elektroautos und Hybriden

An die Umwelt dachte damals niemand. Wozu auch? Erst als arabische Scheichs 1973 den Ölhahn zudrehten, offenbarte die Ölkrise die weltweite Abhängigkeit vom scheinbar unbegrenzt verfügbaren flüssigen Gold. Deutschlands Autos ging die Puste aus – und junge Familien flanierten mit ihren Sprösslingen an autofreien Sonntagen zu Fuß über die Autobahn. Bevor allen Unkenrufen zum Trotz die nächste Runde des automobilen ,,Fortschritts“ einsetzte. Größer und schneller als man es sich jemals vorstellen konnte. Zu astronomisch steigenden Spritpreisen versteht sich.

Und heute? 50 Jahre danach muss jetzt auf einmal alles ganz schnell gehen. Ab 2030 sollen hierzulande keine neuen Verbrenner mehr an den Start gehen. Wer es sich leisten kann, cruist schon heute im Tesla durch die norddeutsche Tiefebene – und lässt die klassische Zapfsäule links liegen. Junge Leute mit schmalem Budget kauern im Renault Zoe, sie leihen, leasen oder leisten sich den neuen Smart. Und der Staat lenkt kräftig mit: Der Kauf eines Elektrofahrzeugs wird bis ins Jahr 2025 mit bis zu 9000 Euro Umweltprämie gefördert, bei Plug-In Hybriden gibt es bis zu 6750 Euro Zuschuss.

Elektromobilität oder Wasserstoff?

Der Trend hin zur E-Mobilität lässt Axel von Eitzen in Norderstedt kalt. ,,Die letzten Jahre bis zur Rente werde ich mit Benzin und Diesel schon noch ordentlich herumkriegen“, ist der heute 52-Jährige überzeugt. E-Ladesäulen aufzustellen, komme für ihn nicht infrage. ,,Es ist die Frage, ob Elektromobilität wirklich der Weisheit letzter Schluss ist. Oder ob vielmehr Wasserstoff kommt“, sagt der Tankstellenbesitzer.

Erfahrungswerte seiner Kunden zeigten, dass Hybridfahrzeuge mehr verbrauchen als Verbrenner. Das Phänomen sei wohl auf die kleineren Motoren und das höhere Fahrzeuggewicht durch die schweren Batterien zurückzuführen, sagt er.

Akkubetriebene E-Mobilität sieht von Eitzen kritisch. ,,Die Batterieproduktion ist schmutzig, seltene Erden sind endlich.“ Vor allem Flottenkunden wie die Stadt Norderstedt würden jetzt auf E-Mobile umsteigen. Nach wie vor sei auf seiner Tanke Kraftstoff der Treiber, die Stammkunden halten ihm die Treue. Sein Geschäft macht er mit Reifenservice, Innenraumreinigung – und zunehmend im Snackbereich.

Einige Tankwarte und Betreiber stellen auf E-Autos um

Unterdessen setzen Mineralölkonzerne alles daran, beim Thema E-Mobilität vorn mitzumischen. So will BP Europa bis zum Jahresende zunächst an 120 seiner mehr als 2800 Aral-Tankstellen in Deutschland 500 Ladepunkte einrichten. Bis zu 350 Kilowatt-Charger sollen das Laden so schnell wie Tanken machen.

,,Aktuell haben wir Ultraschnellladesäulen an 33 Tankstellen in Betrieb. Jede Station hat im Schnitt vier Ladepunkte, das heißt, wir bieten aktuell über 130 Ladepunkte an. Und jede Woche kommen weitere hinzu“, sagt BP-Unternehmenssprecherin Wiebke Albers. Das Programm werde auch im nächsten Jahr fortgesetzt.

Im Kreis Segeberg gibt es bereits eine Aral-Station mit Schnellladern in Bark an der Bockhorner Landstraße 63a. Geplant sind zudem Stationen in Henstedt-Ulzburg und Schackendorf. Ein Datum für die Inbetriebnahme steht noch nicht fest. Auch in Hamburg gibt es bereits zwei Stationen mit Ultraschnellladesäulen im Wilhelm-Iwan-Ring und in der Großmannstraße, eine weitere in Winsen.

Tankstellenbetreiber wollen ihre Teil beitragen

Und in Norderstedt? ,,Auch wir wollen Schnellladesäulen an die Tankstelle bringen“, sagt Axel Holz, Inhaber der Aral-Station in der Ohechaussee, der noch drei weitere Tankstellen in Hamburg betreibt. Zunächst jedoch soll im Oktober in Norderstedt der Snackbereich durch ein „Rewe To Go“ mit vielen Frische-Produkten erweitert werden. ,,Das Tank-Geschäft bringt uns die Kunden. Waschen und das Shop-Geschäft, Essen und Trinken, Snacks, das läuft“, sagt Holz.

Er selbst hat sich gerade einen Volvo CX 60 Hybrid bestellt. ,,Allein mit Strom beträgt die Reichweite 50 bis 70 Kilometer. Für Kurzstrecken ist das eine tolle Sache!“, schwärmt Holz. Die Reichweite sei mit 400 Kilometer insgesamt etwas geringer als bei einem normalen Verbrenner. ,,Erstmal geht es darum, die Städte klimafreundlicher zu gestalten“, sagt der Tankstelleninhaber.

Zu geringe Nachfrage für E-Auto-Ladesäule

Aber nicht alle sind uneingeschränkt begeistert von E-Mobilität. Nordoel-Tankstellenpächter Andre Gohert-Pawletta pendelt mit seinem Plug-In-Hybrid täglich 50 Kilometer zwischen seinen beiden Stationen in Wahlstedt und in Segeberg. 130 Euro für Strom und Tanken zahlt er dafür nach eigenen Angaben im Monat. ,,Das haben wir mit unserem Diesel nicht gehabt, der war günstiger“, sagt Gohert-Pawletta. ,,Plug-In ist eher ein Steuersparmodell. Die Wirtschaftlichkeit muss man hinterfragen, abgesehen von den Umweltaspekten. In der Stadt mag es funktionieren. Aber auf dem Lande?“

Gohert-Pawletta hält E-Fuel für die beste Lösung. ,,Das wäre Co2-neutral. Und wir könnten uns den ganzen Kram mit der aufwendigen Technik für Elektroautos sparen“, sagt der Tankstellenpächter. Seine E-Ladesäule in der Nordoel-Station in der Kieler Straße 6 in Wahlstedt will er vielleicht wieder abbauen: Die Nachfrage sei zu gering.

E-Mobilität steht nach relativ am Anfang

Gleichwohl werden sich Stromer früher oder später durchsetzen. ,,Wir können nicht davon ausgehen, dass E-Mobilität das Allheilmittel ist“, sagt Thorben Hänel-Muhs, Geschäftsführender Vorstand der SVG Straßenverkehrs-Genossenschaft Schleswig-Holstein. ,,Die nächsten 15 bis 20 Jahre werden sehr interessant. Es geht um Fragen der Nachhaltigkeit. Wie grün ist das alles wirklich, Stichwort Seltene Erden. Wie recyceln wir die Batterien? Am Ende wird es ein Mix sein aus Elektro und grünem Wasserstoff.“

Schnellladesäulen gibt es bei den SVG-Stationen in Neumünster in der Kieler Straße und am Autohof Neumünster Süd in der Leinestraße heute noch nicht. ,,In Zukunft aber schon“, verspricht der SVG-Chef.

Stirbt der Beruf des Tankwarts aus?

Und was wird aus dem Tankwart? Die Ausbildung werde sich verändern und das Berufsbild teilweise obsolet machen, wenn Kunden ihre Stromer an der Automatiksäule selbst aufladen, sagt der Geschäftsführer. ,,Man wird vielleicht eine Fachkraft für alternative Kraftstoffe haben, mit einer kaufmännischen Ausbildung, die beispielsweise aber auch Wartungsarbeiten an den Säulen erledigt.“

So weit ist es noch nicht. Tankwart Joshua Elias Vikos von der Nordoel-Tankstelle macht sich dennoch keine Illusionen. ,,Der Tankwartberuf wird sich verändern, definitiv“, sagt der junge Mann. Schon heute fällt bei Stromern die Ölkontrolle komplett weg. ,,Und an Xenon-Leuchtmittel, wie sie in Elektroautos sehr oft verbaut werden, dürfen wir nicht ran.“ Er ist für Veränderungen bereit. ,,Ich bin offen. Vielleicht gibt es ja Schulungen, so dass wir auch an Xenon-Leuchten arbeiten können oder andere Wartungsarbeiten übernehmen.“

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