Kaltenkirchen

Hier laufen pro Stunde 1400 Kilogramm Bonbons vom Band

| Lesedauer: 4 Minuten
Christopher Herbst und Zuzanna Viola
Günter Lüdemann, seit zehn Jahren Leiter des Qualitätsmanagements bei Cavendish & Harvey, präsentiert frisch produzierte Pfefferminz-Bonbons mit Eukalyptus-Aroma.

Günter Lüdemann, seit zehn Jahren Leiter des Qualitätsmanagements bei Cavendish & Harvey, präsentiert frisch produzierte Pfefferminz-Bonbons mit Eukalyptus-Aroma.

Foto: Christopher Herbst

Das Kaltenkirchener Süßwarenunternehmen Cavendish & Harvey nimmt eine neue Produktionsanlage in Betrieb.

Kaltenkirchen.  Der unverwechselbare Geruch von Pfefferminz und Eukalyptus schwebt durch die neue Bonbon-Kochanlage von Cavendish & Harvey. Das Kaltenkirchener Unternehmen, seit 2002 ein Teil der Boettger-Firmengruppe, hat für eine siebenstellige Summe seine Produktionsstätte erweitert und modernisiert – und die sensiblen Bereiche erstmals Besuchern präsentiert.

Bonbon-Hersteller hat 150 Mitarbeiter in Kaltenkirchen

„Die neue Kochanlage“, so Geschäftsführer Frank Gemmrig, „sichert das Wachstum ab. Es ist wichtig, in Krisenzeiten Investitionen zu tätigen. 2021 entwickelt sich für uns sehr positiv, wir wachsen gegenüber dem Vorjahr zweistellig. 2020 war von der Pandemie geprägt, wir hatten erstmals seit langer Zeit einen Umsatzverlust von zehn Prozent.“ Ein Grund hierfür waren Lieferengpässe. Entlassungen habe es aber keine gegeben – am Standort in der Carl-Zeiss-Straße sind 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

Einer von ihnen ist Günter Lüdemann, seit zehn Jahren Leiter des Qualitätsmanagements. Der Diplom-Physiker weiß am besten, wie die Bonbons hergestellt werden – und wie sie zu schmecken haben. „Die neue Anlage wird seit Mitte Juli hochgefahren, es werden verschiedene Rezepturen ausprobiert. Alles ist deutlich stärker automatisiert, die Rezepte sind hinterlegt.“

Per Knopfdruck kann eine Sorte bestimmt werden. „Unsere Stärke ist, dass wir sehr viele, relativ kleine Aufträge erfüllen können.“ Bis zu sieben unterschiedliche Sorten können pro Tag hergestellt, die Anlage kann stundenweise neu programmiert werden. „Ein Sortenwechsel erfolgt im laufenden Betrieb. Wir können innerhalb kürzester Zeit neue Aromen und Farben einbauen.“

1400 Kilogramm Bonbons in 60 Minuten

Die Basis ist hierbei stets ein Gemisch aus Zucker und Glukosesirup. Die Rohstoffe stammen aus der Region, sie werden täglich mit Silofahrzeugen angeliefert. In großen Kesseln wird Wasser beigefügt, alles dann unter Vakuum gesetzt und bei hohen Temperaturen gekocht, sodass eine klebrige Masse entsteht. Diese wird abgekühlt, anschließend maschinell „ordentlich durchgeknetet und durchgefaltet“, so Lüdemann. Die typische, rundliche Form entsteht mittels einer Presse. Alles geschieht unter stetiger Kontrolle durch Mitarbeiter. Das Geheimnis der Bonbons findet sich in der Kombination der Geschmäcker und Farben, etwa werden Zitronensaft, Spirulina oder Karottenextrakt verwendet.

Die Leistungsfähigkeit der neuen Anlage ist hoch, in 60 Minuten können bis zu 1400 Kilogramm produziert werden. Insgesamt – zum Sortiment gehören unter anderem auch Toffees, Weingummis oder Fudges – stellt Cavendish & Harvey am Standort täglich bis zu 50 Tonnen her, gearbeitet wird in drei Schichten Tag und Nacht, manchmal je nach Bedarf auch sonnabends. Jährlich verlassen etwa 25 Millionen Bonbon-Dosen das Lager. Aus Kaltenkirchen werden 90 Länder beliefert – die Etiketten müssen also in einer Vielzahl an Sprachen bedruckt sein.

„Unser größter Markt ist Asien, ist China“, sagt Marketingleiter Lennart Schumann. Warum man nicht vor Ort in Fernost produziert? „Der Grund des Erfolgs ist das „Made in Germany“, das ist für die Asiaten ein Qualitätsmerkmal.“ Die Klassiker seien Orange, Zitrone und Kirsche, ebenso angesagt derzeit sind Tropical Fruit, Wild Berry und Mixed Fruit, neu sind gefüllte Drops.

30 Millionen Euro Umsatz pro Jahr

Die Firma hat eine Historie, die bis in das Jahr 1932 zurückreicht, als Paul Schmedding in Altona eine Handelsgesellschaft gründete. 1959 wurde das Sortiment um englische Spezialitäten erweitert, 1977 wurde auf Metalldosen umgestellt – und es erfolgte die Neugründung in London unter dem auch heute noch bestehenden Namen. Der Standort Kaltenkirchen wurde 1984 eröffnet, 1995 erstmals erweitert – zuletzt erfolgte 2018 ein Marken-Relaunch.

Heute beträgt der Umsatz laut Unternehmen 30 Millionen Euro. In Kaltenkirchen werden Industriekaufleute, Mechatroniker, Lageristen und Fachkräfte für Lagerlogistik ausgebildet. Der Blockunterricht findet an der Zentralen Fachschule der deutschen Süßenwarenwirtschaft in Solingen statt. Dazu ist in Kooperation mit der Hamburg Business School auch ein duales Studium in Business Administration möglich.

Anlässlich der neuen Produktionsanlage hob Kaltenkirchens Erster Stadtrat Dieter Bracke die Bedeutung der Firma für die Stadt hervor. „Cavendish & Harvey ist weltweit buchstäblich in aller Munde. Seit 40 Jahren produziert das Unternehmen Süßwaren für höchste Ansprüche.“ Gemeinsam mit Wirtschaftsförderin Sabine Ohlrich überreichte er der Firma einen jungen Apfelbaum, der auf dem Rasen vor der Fabrik gepflanzt wurde.

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