Kreis Segeberg

Norderstedter Jugendprojekt sucht neue Freiwillige

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Andreas Burgmayer
Wolfgang Banse (links), seit einem Vierteljahrhundert Initiator des Projektes „Plan haben!„ und Pate Sven Humburg (41).

Wolfgang Banse (links), seit einem Vierteljahrhundert Initiator des Projektes „Plan haben!„ und Pate Sven Humburg (41).

Foto: Andreas Burgmayer

Seit 25 Jahre vermittelt „Plan haben!“ Patenschaften für Jugendliche, die es nicht leicht haben im Leben.

Norderstedt.  Kinder und Jugendliche sind nicht kriminell – sie bauen Mist. Es sind Sätze wie diese, mit denen Wolfgang Banse klar macht, warum es so verdammt wichtig ist, sich um junge Menschen zu kümmern, die gerade dabei sind, ein klein wenig vom rechten Weg abzukommen. Und wenn Wolfgang Banse sowas sagt, dann hat das Gewicht.

Junge Straftäter leben oft in katastrophalen Umständen

Der Mann war über 40 Jahre im Polizeidienst und zum Ende seiner Karriere 15 Jahre lang der Jugendbeauftragte der Norderstedter Polizei. Immer wenn in der Stadt den Kolleginnen und Kollegen ein Minderjähriger aufgefallen war, der zum ersten Mal „Mist“ gebaut hatte, also vielleicht was gestohlen, sich gerauft oder was kaputt getreten hatte, dann klingelte bei Banse das Telefon.

Und der übernahm dann die jungen Delinquenten und schaffte es mit seiner zugewandten Art, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen – und so den eigentlichen Problemen der Minderjährigen auf der Grund zu gehen. Denn der Mist, den sie angestellt hatten, ist in den meisten Fällen nur das Symptom. Die Krankheit im Leben vieler junger Straftäter sind die katastrophalen Umstände, in denen sie leben müssen.

Vor 25 Jahren wurde „Plan haben!“ gegründet

Aber wie kommt man ran an die Jugendlichen und ihre Probleme, wie knackt man ihre harte Schale, um den noch weichen Kern zu erreichen und zu formen? Banse entwickelte eine einfache Formel, quasi das Konzentrat aus 40 Jahre Erfahrung im Polizeidienst: Gib ihnen Vertrauen und Zuverlässigkeit.

So entwickelte Banse vor 25 Jahren das Projekt „Plan haben!“. Die Idee war so einfach wie gut. Das Projekt vermittelt Patenschaften. Zwischen auffälligen Jugendlichen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Gemeinsam sollen die Paare einfach Freizeit miteinander verbringen. Gemeinsam Sport machen, mal ins Kino oder ins Miniaturwunderland, vielleicht einfach nur reden und Spazierengehen.

Was auch immer funktioniert zwischen Pate und Jugendlichem und – vor allem – was für beide über mindestens ein Jahr in einem strikten und regelmäßigen Rhythmus möglich ist. Denn alles hat keinen Sinn, wenn Treffen ständig abgesagt werden.

120 junge Menschen wurden im Projekt begleitet

In einem Vierteljahrhundert hat „Plan haben!“ in Norderstedt etwa 120 Patenschaften begleitet. Ein Netz aus 30 bis 40 Patinnen und Paten wurde aufgebaut. „Manche davon hatten bislang schon vier bis fünf Jugendliche“, sagt Banse. Bei den Treffen gehe es nicht um die Bespaßung der Jugendlichen, sagt Banse. Die Patenschaft soll nicht einfach nur die lockere Auszeit vom schweren Alltag sein.

„Es geht auch darum, die Wünsche und Talente der Jugendlichen herauszukitzeln und sie am besten in sozialen Strukturen unterzubringen, also in einem Verein zum Beispiel.“ Wolfgang Banse ist kein Sozialromantiker. Er weiß, dass Zuwendung und positive Freizeitgestaltung nicht alle Probleme lösen. „Davon wird nicht alles besser. Und über die Jahre haben wir unser Projekt auch nicht komplett evaluiert und belastbar bewertet, ob sich alle Jugendlichen jetzt positiv verändert haben.“

Doch Banse kennt viele Beispiele, die ihm zeigten, dass „Plan haben!“ ein Volltreffer ist. „Ein Junge, der neun Geschwister hatte und aus schwierigen Verhältnissen kam, traf sich einfach immer mittwochs mit einem Paten zum Kickern. Er lernte: Der Pate ist nur für mich da, der hört mir zu. Und nach einem Jahr sagte er: ,Das ist das Schönste, was mir bisher in meinem Leben passiert ist!’ Dafür machen wir das alles.“

Für Paten kommt es vor allem auf Zuverlässigkeit an

Geschichten wie diese waren es, die Sven Humburg (41) überzeugten, Pate zu werden. Der Mann ist Lehrer am Berufsbildungszentrum und suchte nach einem ehrenamtlichen Engagement in Norderstedt. „Ich hatte schon Respekt und fragte mich, was da wohl auf mich zu kommt“, sagt er. Heute und drei Patenschaften später weiß der 41-Jährige genau, was gefragt ist – und was nicht. „Wer glaubt, dass er quasi als Sozialpädagoge tätig werden muss, der irrt. Darum geht es gar nicht. Es ist alles viel einfacher.“

Humburg sagt, man mache sich kein Bild, aus welchen prekären Verhältnissen manche Jugendlichen kommen. „Das ist wirklich wie in Filmen, wo der Junge, der traurig und sitzengelassen am Straßenrand steht, weil der von der Mutter geschiedene Vater wieder die Verabredung hat sausen lassen, ihn wieder nur angelogen hat.“ Humburg lernte bei seinem ersten Patenkind, einem Zwölfjährigen, sehr schnell, dass es auf Zuverlässigkeit ankam.

Den Jugendlichen eine Stützte sein in schwierigen Zeiten

„Wir trafen uns einfach zum Billard spielen im Jugendzentrum Glockenheide – immer am selben Tag der Woche, immer zur selben Zeit.“ Zuhause ertrug der Zwölfjährige Gewalt durch seinen großen Bruder und seine alkoholkranken Eltern. Er war stark übergewichtig, hing nur vor dem Computer und spielte. Doch er war schlau.“ Humburg fragte sich selbst, wie die Treffen dem Jungen bei all diesen Problemen helfen sollten. Bringt das was?

Und wie. Von überall aus dem Umfeld des Jungen kamen schließlich positive Rückmeldungen. „Drei Jahre dauert die Patenschaft. Irgendwann sagte er, er habe jetzt eine Freundin und nicht mehr so viel Zeit“, sagt Humburg. Da war seine Mission erfüllt. Mit der Zeit, die er schenkte, baute er dem Jungen einen Stützpfeiler, an dem er sich aufrichten konnte. „Heute sehe ich ihn als Schüler am BBZ. Nicht alle Probleme sind beseitigt. Aber der Junge macht seinen Weg und baut keinen Mist mehr.“

Wolfgang Banse sucht neue Patinnen und Paten für „Plan haben!“
Infos gibt es unter 0151/14 99 33 55, unter info-kpr-norderstedt@wtnet.de per E-Mail oder unter www.plan-haben-norderstedt.de

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