Kreis Segeberg

Corona: Beamte werden beleidigt und beschimpft

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Andreas Burgmayer
Landrat Jan Peter Schröder, seit 2014 Chef der Kreisverwaltung.

Landrat Jan Peter Schröder, seit 2014 Chef der Kreisverwaltung.

Foto: Christopher Herbst

Landrat Schröder beklagt abnehmende Akzeptanz der Corona-Regeln. Besonders Mitarbeiter des Gesundheitsschutzes betroffen.

Kreis Segeberg. Wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Infektionsschutzes des Kreisgesundheitsamtes in diesen Tagen den Telefonhörer in die Hand nehmen, dann fürchten sie den Zorn jener, die sie anrufen müssen. Sie müssen sich gefasst machen auf Hass, Abneigung, Demütigung und eine wüste Reihe von Beschimpfungen. Nur weil sie den Bürgerinnen und Bürgern mitteilen müssen, dass für sie Quarantäne angeordnet wurde.

Beamte von Bürgern beleidigt und beschimpft

,,Maßnahmen wie zu Hitlers Zeiten!‘‘, ,,Stasimethoden‘‘ oder ,,abgekartetes Spiel vom Staat‘‘ wird ihnen entgegengebellt. Manche reduzieren ihren Frust auf ein beleidigendes ,,Motherfucker‘‘. Andere flippen komplett aus, beginnen zu schreien, reden von ,,Behördenwillkür‘‘ und ,,Freiheitsberaubung‘‘. Und sie glauben in ihrem Gegenüber am Telefon den Alleinschuldigen für ihr Schicksal vor sich zu haben: ,,Sie sind unfähig!‘‘, ,,Sie sind nicht kompetent!‘‘, ,,Sie sind blöd!‘‘

Besonders belastend für die Leute im Infektionsschutz ist der Psycho-Terror, wenn aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger drohen „Ich zeige Sie an!‘‘, ,,Ich verklage Sie!‘‘, „Ich mache Sie haftbar!‘‘ oder ,,Sie zerstören meine Existenz!‘‘ und sogar: ,,Sie lassen mir keinen anderen Ausweg außer Selbstmord!‘‘

Die Zitate wurden von der Kreisverwaltung gesammelt in den letzten Tagen. „Unsere Leute werden täglich mehrfach und wiederkehrend verbal angegangen. Es handelt sich nicht um Einzelfälle, die nur ab und zu mal vorkommen“, sagt Kreissprecherin Sabrina Müller.

Landrat beklagt mangelnde Akzeptanz der Maßnahmen

Die Nerven liegen also blank bei den Menschen im Kreis im Pandemie-Sommer 2021. Während die einen die Quarantäne-Auflagen als lästiges Übel hinnehmen, reagieren andere auf die „Anordnung der Absonderung“ mit kompletter Ablehnung und Unverständnis. „Der grundsätzliche respektvolle Umgang miteinander ist häufig nicht mehr gegeben“, sagt Müller.

Landrat Jan Peter Schröder sieht die Entwicklung mit Sorge – und auch mit Wut. Deswegen stellt er sich nun schützend vor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und wendet sich in einem emotionalen Offenen Brief an die Bevölkerung.

„Die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen in der Bevölkerung des Kreises lässt leider merklich nach“, sagt Schröder. „Und das zu einer Zeit, in der die Infektionszahlen vor allem in Schleswig-Holstein wieder deutlich ansteigen.“ „Der Ton der Menschen wird rauer. Einige Bürgerinnen und Bürger meinen, sich über behördliche Auflagen hinwegsetzen zu können, weil ,Corona vorbei ist‘, wie sie sagen“, sagt Schröder. „Doch so gern ich etwas Anderes verkünden würde – aber wir stecken noch mittendrin in der Pandemie.“

Infektionsschutz mit „außergewöhnlichem Arbeitspensum“

Schröder weiß sehr genau, welche teilweise dramatischen Auswirkungen die Pandemie und all ihre Auflagen für viele Menschen im Kreis hat. „Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, die auf Beschränkungen, Einschränkungen und all die Vorgaben, die unser Leben seit Monaten maßgeblich bestimmen, keine Lust mehr haben. Das geht mir genauso. Aber daran halten müssen wir uns trotzdem. Daher habe ich keinerlei Verständnis für jene Egoistinnen und Egoisten, die meinen, sich an nichts mehr halten zu müssen und alles besser zu wissen als diejenigen, die sich seit vielen Monaten tagtäglich mit dem Thema befassen: meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Infektionsschutz zum Beispiel.“

Diese hätten seit Februar 2020 ein außergewöhnliches Arbeitspensum – „an den Wochenenden genauso wie an Weihnachten oder Ostern oder zu Zeiten, wo andere längst zuhause auf der Couch oder im Garten sitzen“, sagt Schröder. Beschimpfungen und Verunglimpfungen würden an der Motivation der Menschen nagen, ganz zu schweigen von der psychischen Belastung.

Landrat appelliert für mehr Solidarität

Einen Ausweg aus der Misere sieht Schröder nur im stetigen Impfen der Bevölkerung. „Obwohl uns jeder Piks in den Oberarm einen Schritt weiter in Richtung Pandemieende bringen würde, lassen sich seit Wochen aber immer weniger Menschen impfen. Derzeit deutet daher vieles darauf hin, dass die Delta-Variante des Virus täglich neuen Boden gutmacht.“

Schröder appelliert an die Menschen im Kreis Segeberg: „Lassen Sie uns gegenseitig wieder mehr aufeinanderachten und lassen Sie uns miteinander sprechen, statt zu streiten.“ Quarantäne werde nicht aus „Langeweile oder Behördenwillkür angeordnet, sondern weil es dafür eine begründete Rechtsgrundlage“ gebe. „Ziehen wir gemeinsam an einem Strang und halten wir weiter zusammen durch. Nur so wird es uns gelingen, dass Corona irgendwann Normalität statt Ausnahmezustand ist.“

Derzeit sind mit 610 Menschen so viele im Kreis Segeberg in Quarantäne, wie noch nie in den vergangenen Wochen. Am Mittwoch kamen 19 Neuinfektionen hinzu. Die Inzidenz im Kreis stieg auf 38,2. Sechs Personen werden in einer Klinik versorgt, drei davon intensivmedizinisch.

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