Schröters Corona-Update

Egal ob Mars oder Jupiter – Hauptsache, weg

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Jan Schröter
Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt.

Foto: Jan Schröter / Schröter

Fällt ihnen nach anderthalb Jahren Corona-Pandemie auch die Decke auf den Kopf? Wie wäre es mit interstellarem Urlaub?

Kreis Segeberg.  Am 27. Januar 2020 wurde bei dem Mitarbeiter eines bayrischen Autozulieferers die erste Corona-Erkrankung in Deutschland festgestellt. Wir haben diese Seuche jetzt also schon länger als 18 Monate im Lande. Was für eine lange Zeit. Eine Reise zum Mars dauert – je nach Flugbahn – sieben bis neun Monate. Man hätte also während der letzten anderthalb Jahre locker dorthin und wieder zurück fliegen können. Was vielleicht im Vergleich zum Verbleib im Corona-Deutschland die interessantere Wahl gewesen wäre.

Obwohl man einen wie mich vermutlich gar nicht erst auf die Passagierliste gesetzt hätte. Ü 60 und Brillenträger – weltraumuntauglich. Leider (oder auch: zum Glück) ahnte man nicht vorher, wie lange die Pandemie dauert und wie zäh dieses Virus immer wieder dann sein Comeback feiert, während wir bereits glauben, man hätte ihn endgültig im Sack. Das Virus lernt dazu. Ist bei uns Menschen ja auch so.

Ein Neugeborenes kann maximal schreien und kriegt kaum die Augen auf – also ungefähr so viel wie ich morgens beim Aufwachen. Das 18 Monate alte Menschenkind dagegen kann bereits gehen, mit Unterstützung Treppen steigen, mit beiden Füßen hüpfen, stabile Türmchen bauen und rund 50 Wörter oder mehr sprechen (wozu ich nach einem langen Arbeitstag abends eher nicht imstande bin. Nicht mal zum stabilen Türmchenbau.).

Außerdem beginnen manche Kleinkinder bereits mit 18 Monaten, sich selbst als Person wahrzunehmen. Betrachten sie sich im Spiegel, können sie ihr Spiegelbild mit der Vorstellung von sich selbst zusammenbringen, was wissenschaftlich als Meilenstein zur Ich-Entwicklung auf kognitiver Ebene bewertet wird. Diesen Entwicklungsschritt scheint die Menschheit den Viren glücklicherweise noch voraus zu sein.

Bis jetzt verhält sich so ein Virus ja relativ uneitel. Springt wahllos überall drauf und hofft, dass es schon irgendwie passen wird mit Infizierung und Vermehrung – Hauptsache, das Kollektiv überlebt. Nun stelle man sich vor, jedes Virus entdeckte sein persönliches Ich. Die Biester würden ewig leben wollen. Und zäh, wie sie nun mal sind, gelänge es jedem von ihnen, fürs eigene Ego das Beste herauszuholen. Auf unsere Kosten, versteht sich.

Zum Glück besitzen die Viren keinen Spiegel. Ohne Spiegel kein Spiegelbild, ohne Spiegelbild keine Vorstellung von sich selbst und keine Ich-Entwicklung. Sie werden dumm sterben. Andererseits kann ausgeprägtes Ich-Bewusstsein auch ziemlich riskant sein. Wenn Egoismen die Herdenimmunität durch Impfung verhindern, schießt das Ego ein möglicherweise spielentscheidendes Eigentor.

Ach, ist das alles kompliziert. Ich fürchte, 18 Monate Pandemie waren noch nicht genug. Es wird leider länger dauern. Vielleicht wäre die Buchung eines interstellaren Fluges die interessantere Wahl. Ich habe uns da mal was Schönes ausgesucht. Zum Jupiter, Reisedauer 4 Jahre, 11 Monate. Also, nur für den Hinflug. Bei Ankunft rufen wir dann zuhause an und erkundigen uns, ob die Rückreise noch lohnt.

Ich bin mir nicht so sicher.

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