Norderstedt

Fluthelferin: „So stelle ich mir die Apokalypse vor“

| Lesedauer: 10 Minuten
Andreas Burgmayer
Eine beinahe neun Meter hohe Flutwelle sorgte in Mayschoß für viele Opfer und riesige Schäden. Feuerwehrleute inspizieren eine der wegspülten Straßenzüge in dem ehemals idyllischen Weinort.

Eine beinahe neun Meter hohe Flutwelle sorgte in Mayschoß für viele Opfer und riesige Schäden. Feuerwehrleute inspizieren eine der wegspülten Straßenzüge in dem ehemals idyllischen Weinort.

Foto: Ivonne Elfgang

Lehrerin Ivonne Elfgang eilte ihrer Familie im Mayschoß im Ahrtal zur Hilfe. Es wurde ein Marsch in eine dystopische Welt.

Norderstedt. Zurück in Norderstedt, fühlt sich das Leben unwirklich an für Ivonne Elfgang. Denn hier ist alles wie immer – die Straßen aufgeräumt, sicher und geordnet. Strom fließt aus der Steckdose, Wasser aus dem Hahn und Internet mit Hochgeschwindigkeit. Der Müll wird fein getrennt und regelmäßig abgeholt. Und es ist Urlaubszeit. Die Freunde schicken Strandfotos.

„Diesen Spagat muss ich jetzt erst mal hinbekommen“, sagt die Lehrerin der Grundschule Heidberg. Denn mit einem Bein steht Ivonne Elfgang immer noch inmitten der Apokalypse. Es ist das Wort, das sie wählt, um zu beschreiben, was sie in den zurückliegenden Tagen in ihrer Heimat erlebt hat. Dem kleinen Ort Mayschoß im unteren Ahrtal, etwa 35 Kilometer südwestlich von Bonn am Rande des Ahrgebirges.

Eltern berichten von starten Regenfällen in Mayschoß

In der zweiten Juliwoche waren Ivonne Elfgang, ihr Mann, die 17-jährige Tochter und deren 18-jähriger Freund in der niederländischen Region Zeeland im Wohnmobil-Urlaub. Die Familie verlebte unbeschwerte Strandtage und entspannte. Es war der Abend des Mittwoch, 14. Juli, als Ivonne Elfgang von ihrer Mutter Ingelore Barz (71) angerufen wurde, die mit ihrem Mann Anton (74) in einem Einfamilienhaus in Mayschoß lebt.

Ivonne Elfgang: „Sie erzählte mir, dass es in Mayschoß wie verrückt regne. Und ich dachte: Na ja – dann regnet es eben.“ Dann haben die Eltern leider einen miesen, verregneten Sommer. Größere Sorgen machte sich die Norderstedterin an diesem Abend nicht. „Die Menschen in Mayschoß sind ja Hochwasser in der Ahr gewohnt. Und das Haus meiner Eltern liegt nicht in erster Reihe am Fluss, eher etwas zurückgesetzt am Hang.“

Am Morgen war die Telefonleitung tot

Der Morgen des 15. Juli brach an, und Ivonne Elfgang wollte sich nun doch versichern, dass es den Eltern gut geht. Sie wählte die Festnetznummer – doch die Leitung war tot. Sie wählte immer wieder. Nichts. Dann kamen die Nachrichten und die Meldungen über soziale Netzwerke. Jahrhundertflut, Chaos im Ahrtal, Evakuierung, Mayschoß von der Außenwelt abgeschnitten.

„Ich geriet in Panik“, sagt Ivonne Elfgang. Sie dachte nur noch an ihre Eltern – und ihre Schwester, die mit Mann und Kindern ebenfalls in Mayschoß lebt. An die vielen Freunde, Nachbarn und Bekannten, zu denen sie immer noch guten Kontakt pflegt.

Aus dem Urlaubsgebiet mitten hinein in Krisengebiet

Der erlösende Anruf kam erst am Abend des 15. Juli. „Das einzige Telefon, das meine Eltern zum Laufen bekommen hatten, war ein altes Seniorenhandy, das sie noch in irgendeiner Schublade fanden.“ Die Eltern lebten. Auch der Familie der Schwester ging es gut. Das Elternhaus stand, nur der Keller war geflutet worden. Doch es mangelte der Familie an allem – kein Wasser, kein Strom, keine Lebensmittel. Die Not-Einkaufsliste wurde länger und länger.

Die Entscheidung stand schnell. Ivonne Elfgang und ihre Familie brachen den Urlaub in Holland ab und machten sich im Wohnmobil auf nach Mayschoß. Es liegt keine 350 Kilometer entfernt – auf der Landkarte. Wie sich aber bei der Ankunft herausstellte, hatte die erbarmungslose Naturgewalt der Wassermassen das Dörfchen mit seinen kaum 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern zurück in die Steinzeit geschickt. Die Zufahrtswege waren allesamt zerstört. Für die letzten Kilometer bis ins Dorf brauchte man länger als für die 300 Kilometer zuvor. „Wir mussten das Wohnmobil abstellen und laufen.“

Gemeinde musste über die Luft versorgt werden

Es wurde ein Marsch in eine andere, eine dystopische Welt. Mit unfassbaren Zerstörungen und traumatisierten Menschen. Die unendliche Erleichterung, schließlich die Eltern und die Schwester samt Familie wohlbehalten anzutreffen und die Arme zu schließen, wich schnell dem Entsetzen, das Ivonne Elfgang im Angesicht der Lage vor Ort ergriff. „Die Bilder in den Nachrichten können das gar nicht so rüberbringen. In der Realität ist das alles noch viel schlimmer.“

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Meterhoch lagen Schutt und Trümmer in den Straßen des kleinen Weinortes. Alle Straßen und viele Häuser waren einfach weg, fortgerissen. Die Bundeswehr versorgte den Ort über den Luftweg. „Die Helikopter kreisten ständig über unseren Köpfen“, sagt Ivonne Elfgang. Panzer gruben sich durch den allgegenwärtigen, meterhohen Schlamm, der in der Sonne ausdorrte, betonhart wurde und jämmerlich zum Himmel stank. 3,60 Meter hoch sei das letzte große Hochwasser in Mayschoß 2016 gewesen, sagt Ivonne Elfgang. In der Nacht auf den 15. Juli aber schwoll die Flutwelle auf knapp neun Meter an. Niemand hatte damit gerechnet.

Vielen nahm die Flut Hab und Gut – einigen sogar das Leben

Als Eltern und die Familie der Schwester mit dem Nötigsten versorgt waren, halfen Ivonne Elfgang und ihre Familie den Menschen in der Nachbarschaft. Und mussten erfahren, wie grausam es das Schicksal mit anderen in Mayschoß gemeint hatte und wie viel Glück im großen Unglück die eigenen Verwandten hatten. „Eine Klassenkameradin ertrank mit ihrem Vater im Keller, eine Freundin verlor ihre 20-jährige Tochter“, erzählt Ivonne Elfgang. Ein Bekannter musste erleben, wie die Nachbarsfamilie mitsamt ihrem Haus weggerissen wurden. „Er hörte ihre Hilferufe und konnte doch nichts tun.“ Er selbst verlor sein Geschäft, und sein Wohnhaus muss nun abgerissen werden.

Es sind dramatische Geschichten, die sich die Menschen in Mayschoß erzählten. Vom Feuerwehrmann, der ein Auto im Schlamm öffnete und darin die fünf Leichen einer Familie fand, alle noch angeschnallt, auch die drei Kinder auf dem Rücksitz. Von der gehbehinderten Seniorin im Rollstuhl, die von ihrem Mann nicht mehr gerettet werden konnte – also setzte er sich neben sie und ertrank mit ihr. Und von den Helfern, die beim Trümmerräumen in Mayschoß abbrachen mussten und danach nicht mehr konnten, weil sie gerade die Leiche eines zehnjährigen Kindes auf einem Balkon freigelegt hatten.

Der Ort Mayschoß wurde völlig zerstört

„Ich ging durch meine Heimatgemeinde und traf nur auf Menschen, die völlig traumatisiert und teilweise nicht zurechnungsfähig waren“, sagt Ivonne Elfgang. Etwa eine Nachbarin, die in ihrem Garten damit beschäftigt war, Klorollen und Frischhaltefolie zu trocknen, weil sie diese, wie sie sagte, nicht nass in den Müll werfen wollte. Ivonne Elfgang beruhigte die Frau und half ihr beim Wegwerfen und Aufräumen.

„Wir gingen schließlich durch den Ort und machten ein paar Bilder mit dem Handy, um die Zerstörung zu dokumentieren. Aber wir schämten uns dabei und achteten peinlich darauf, das wir keine Menschen fotografierten“, sagt Ivonne Elfgang. Wie eine offene Wunde lag Mayschoß da und offenbarte sein Innerstes. „Doch da war auch die Hoffnung, der Zusammenhalt. Helfer, die für die Menschen zum Beispiel dosenweise Ravioli warm machten.“ Unglaublich, wie gut so etwas in solchen Momenten schmecken könne.

Nach dem Hilfseinsatz vor Ort folgt die Spendenaktion

Zurück in der Norderstedter Normalität, glaubt Ivonne Elfgang nicht, dass diese Wunde je heilen kann. „Viele Bereiche des Ortes werden nicht mehr bewohnbar sein – aus Angst vor künftigen Hochwassern.“ Der Bürgermeister der Gemeinde Mayschoß habe das schon klargestellt. Gutachter gingen derzeit von Haus zu Haus im Ort, um über Abriss oder Sanierung zu entscheiden. Ihr Elternhaus könne stehenbleiben. Ingelore und Anton Barz wollen dort unter allen Umständen wohnen bleiben. Sie würden Mayschoß nie verlassen. Zu spüren ist, dass Ivonne Elfgang hadert mit der Entscheidung der Eltern.

Doch sie akzeptiert die Liebe ihre Eltern für den Weinort an der Ahr und will nun alles ihr Mögliche dafür tun, dass der Wiederaufbau in Mayschoß gelingt. „Vor Ort konnten wir nichts mehr tun – da müssen jetzt Profis ran. Aber von Norderstedt aus will ich jetzt so viele Spenden wie möglich sammeln, damit die Hilfe finanziert werden kann.“

Spendenaktion für die Betroffenen der Flutkatastrophe

Für den Freund, der Geschäft und Haus verloren hat, startete sie eine private Spendenaktion. Gemeinsam mit Ingke Rehfeld, der Leiterin der Grundschule Heidberg, will sie einen Bastelbasar mit den Schülerinnen und Schülern organisieren. Außerdem ruft Ivonne Elfgang alle, die ihre Geschichte lesen, dazu auf, für Mayschoß, aber auch für alle anderen Opfer der Flut zu spenden. „Ich höre von vielen, die im Kleinen Aktionen machen und die Erlöse spenden. Das ist großartig, und all diesen Menschen bin ich unendlich dankbar“, sagt sie.

Am Abend leitet Ivonne Elfgang noch ein Foto weiter. Es zeigt ihre Eltern Anton und Ingelore Barz, gezeichnet von den Strapazen. Anton Barz hatte das Foto für die Zeitung geschickt, nachdem er irgendwo in Mayschoß endlich ins Internet gekommen war. Immerhin – ein Verbindungsweg in den Ort steht wieder.

Spenden für die Opfer der Flutkatastrophe kann man bei der „Aktion Deutschland hilft“, IBAN: DE62 3702 0500 0000 1020 30, Stichwort: Hochwasser Deutschland 2021.Wer direkt für die Menschen im Ort Mayschoß spenden will, den bittet Ivonne Elfgang um eine Überweisung auf das Konto der Bürgerstiftung Herzogenrath, IBAN DE29 3916 2980 1017 1970 25, Stichwort „Hochwasserhilfe für Mayschoss“.

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