Eröffnung am 5. Juni

Unverpackt-Laden in Norderstedt: Countdown läuft

| Lesedauer: 14 Minuten
Endlich! Kathrin Kahnert (links) und Nadia Mispelbaum können mit dem Umbau ihres Ladens beginnen. Anfang Juni wollen sie an der Ulzburger Straße ihren Unverpackt-Laden eröffnen.

Endlich! Kathrin Kahnert (links) und Nadia Mispelbaum können mit dem Umbau ihres Ladens beginnen. Anfang Juni wollen sie an der Ulzburger Straße ihren Unverpackt-Laden eröffnen.

Foto: Miriam Opresnik

Nadia Mispelbaum und Kathrin Kahnert gründen in Norderstedt einen Unverpackt-Laden. Bis zur Eröffnung gibt es noch viel zu tun.

Norderstedt. Es ist fast ein bisschen unwirklich. Dass sie jetzt morgens nicht mehr zur Arbeit fahren. Dass sie nicht mehr jeden Tag zu Hause am Esstisch sitzen und alles organisieren. Dass sie nicht mehr nur vom Laden sprechen, sondern dass es ihn jetzt wirklich gibt! Ihren eigenen Laden! Ihren! Wie das schon klingt! Voller Verheißung. Letzte Woche hat ihnen der Makler den Schlüssel für die leerstehende Immobilie an der Ulzburger Straße überreicht.

Ein Moment, so überwältigend, dass es kein passendes Wort dafür gibt. Daher haben Nadia Mispelbaum (38) und Kathrin Kahnert (40) gar nichts gesagt. Nur gegrinst. „Wenn Du so lange auf etwas gewartet hast und es dann tatsächlich passiert, ist das total surreal“, sagt Nadia Mispelbaum. Obwohl Warten vielleicht nicht das richtige Wort ist. Weil es ein bisschen nach Passivität klingt, nach Tatenlosigkeit. Doch die vergangenen sechs Monate waren alles andere als das. In den vergangenen sechs Monaten hat sich ihr Leben verändert.

Jobs für Unverpackt-Laden in Norderstedt gekündigt

Sie haben ihre sicheren Jobs gekündigt, einen Business-Plan erstellt, bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau ein Darlehn aufgenommen, ein Unternehmen gegründet und eine Immobilie für den Laden gesucht. Ihren Unverpackt-Laden, in dem Waren ohne Plastikverpackung verkauft werden. Es ist ein Herzensprojekt von ihnen. Der Name: „Die Waagschale“. Vor ein paar Tagen haben sie sich mit einer Agentur für Werbetechnik getroffen und eine Leuchtreklame mit ihrem Firmennamen in Auftrag gegeben.

Sie hatten ein bisschen Bedenken, ob das zu ihnen passt. So ein auffälliges Leucht-Ding. Am liebsten hätten sie über der Tür ein dezentes Messingschild angebracht, ein bisschen nostalgisch, so wie früher. „Doch ein leuchtendes Schild ist besonders in der dunklen Jahreszeit besser wahrnehmbar“, meinen sie. Besonders hier, an der Ulzburger Straße. Wo es viel Verkehr, aber wenig Laufkundschaft gibt. Sie haben lange nach einer passenden Immobilie gesucht, nach einem geeigneten Standort.

Gründerinnen fanden sich im Internet

Der gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist und Parkplätze vor der Tür hat. Auch wenn sie selbst so oft wie möglich auf ihre Autos verzichten – sie wissen, dass in Norderstedt viele den Einkauf noch mit dem Pkw erledigen. Noch – denn wenn es nach ihnen geht, soll es irgendwann in der Zukunft die Möglichkeit geben, sich die eingekauften Waren von ihnen per Lastenrad nach Hause liefern lassen. Damit wirklich jeder unverpackt einkaufen kann. Kathrin Kahnert hat selbst lange nach einer Möglichkeit gesucht, in Norderstedt unverpackt einkaufen zu können.

Bis sie sich selbst zur Eröffnung eines Geschäfts in Norderstedt entschloss. Als sie ihr Gründungsvorhaben auf der Internetseite des Verbandes der Unverpackt Läden ankündigte, meldete sich Nadia Mispelbaum bei ihr, die sich mit der gleichen Geschäftsidee selbstständig machen wollte. Die Frauen taten sich daraufhin zusammen und gründeten gemeinsam „Die Waagschale“.

Arbeit war eine Herausforderung

Schon in wenigen Wochen soll dieser Name am Schaufenster stehen. Doch im Moment hängen noch andere Schilder über dem Einfang über dem Haus mit der Nummer 605. Die Aufschrift „Bettwaren“ und „die Schlafexpertin“. Relikte aus der Vergangenheit. Im Verkaufsraum erinnert schon jetzt nichts mehr an das Fachgeschäft für Lattenroste und Matratzen, das hier einst war. In den letzten Tagen haben Nadia Mispelbaum und Kathrin Kahnert die Schaufensterbeschriftung abgekratzt, den Teppich rausgerissen und die Fototapete von zwei Wänden gepult.

Das Motiv: ein Strand mit Meer. Die Arbeit war eine Herausforderung. „Weil die Wände in Leichtbauweise errichtet wurden, konnten sie nicht richtig nass gemacht werden – sonst wär wahrscheinlich die ganze Wand aufgeweicht. Daher mussten wir alles in winzigen Stücken abreißen“, sagen die beiden Frauen. Früher waren sie beide Angestellte. Heute kommt ihnen das manchmal vor wie in einem anderen Leben. Heute sind sie Gründerinnen und Handwerkerinnen, Innenausstatter, Kurierfahrer, Grafik-Designer und weiterhin Mütter. Und damit Köchin, Caterer, Hilfslehrerin, Krankenschwester und Eventmanagerin. Jede von ihnen hat zwei Kinder.

Eigener Bereich im Unverpackt-Laden für die Kinder

Für sie wird im hinteren Teil des Ladens, in einem Raum, der als Büro dienen soll, extra ein eigener Bereich eingerichtet. Mit Schreibtisch, Malsachen und einer Couch. „Schließlich werden die Kinder ab und zu hier sein, wenn wir arbeiten müssen“, so Nadia Mispelbaum. So sieht die Realität aus 174 Quadratmeter Grundfläche hat das Objekt, das sich gegenüber der Feuerwehr Friedrichsgabe befindet. 120 davon sind Verkaufsfläche. Hinzu kommen zwei Lagerräume, eine Küche, ein Büro und ein WC.

„Hier kommt der Foodbereich hin – und hier der Non-Food-Bereich“, sagt Nadia Mispelbaum, während sie von Raum zu Raum geht und mal hierhin und mal dorthin zeigt. Auch wenn die Wände noch kahl sind und der Putz an einigen Stellen abblättert – sie kann alles schon vor sich sehen. Die 67 Glasbehälter, die in zwei Reihen übereinander an der Wand angebracht werden, und aus denen sich die Kunden Reis, Nudeln, Haferflocken und Kaffeebohnen abfüllen können. Die große Verkaufsinsel, auf der große Bonbonieren mit Datteln, Mehl und Backzutaten stehen. Die Regale mit den verschiedenen Seifen, Deos und Haushaltsartikeln.

Unverpackt-Laden soll übersichtlich und klar werden

Und den Verkaufstresen, gleich hinter dem Eingang. Aus hellem Holz, selbst gebaut von Kathrins Mann. Er ist ein Allrounder und wird die komplette Ladeneinrichtung bauen. Sie haben klare Vorstellungen, wie der Laden aussehen soll. Ihr Laden! Übersichtlich, klar, offen. Ein bisschen puristisch. Nicht so verspielt, nicht so wie vorher. Mit der Fototapete und dem Sternenhimmel. 150 kleine Lämpchen, die in die Decke eingelassen waren, um Sterne am Himmel zu imitieren. Alle raus. Die Überreste liegen auf den Fensterbänken.

„In einem Bettengeschäft sah das toll aus, aber zu einem Unverpackt Laden passt es nicht“, sagt Kathrin Kahnert. Sie weiß, dass früher, noch vor dem Bettenladen, ein Restaurant in den Räumen war. In der Ecke des Raumes steht bereits ein Eimer mit Farbe. Ton „Besinnliches Waldgrün“. Später holen sie noch mehr davon, schließlich wollen sie an diesem Wochenende schon mit dem Streichen anfangen.

Eröffnung am 5. Juni

Die Zeit drängt. Am Sonnabend, 5. Juni, soll die Eröffnung sein. In gerade mal sechs Wochen. Es gab Zeiten, da schien es unmöglich zu sein, den Termin einzuhalten. Als sich ihr Antrag auf Nutzungsänderung verzögerte, weil Unterlagen fehlten. Als sie Dokumente neu zusammentragen mussten und wertvolle Zeit verloren. Als sie fast wöchentlich beim Bauamt anriefen, um sich nach der Genehmigung zu erkunden – und immer wieder vertröstet wurden. Bis vergangene Woche. Bis sie die Zusage bekamen. Das war zwei Tage nach der Schlüsselübergabe – und zwei Tage nach Ende der Crowdfunding-Aktion, bei der sie im Internet nach finanzieller Unterstützung für ihr Projekt geworben haben.

Ihr Ziel war es, 10.000 Euro einzusammeln, mindestens, um damit das Sortiment breiter aufstellen zu können, als es mit ihren eigenen finanziellen Mitteln möglich gewesen wäre. Denn obwohl sie einen Kredit in Höhe von 80.000 Euro aufgenommen haben – das Geld ist vor allem für den Umbau und die Einrichtung des Ladens sowie das Waren Grundsortiment bestimmt. Etwa 25.000 Euro haben sie für die Erstbestellung von etwa 350 Produkten einkalkuliert. Wenn sie mehr Waren ins Sortiment aufnehmen wollen, brauchen sie auch mehr Geld. Entsprechend groß war die Spannung, als die Crowdfunding-Aktion an einem Sonnabend Mitte März startete.

230 Menschen unterstützten Crowdfunding-Aktion

„In den ersten Tagen konnten wir an kaum etwas anderes denken“, erinnert sich Kathrin Kahnert und erzählt, wie sie alle paar Minuten auf die Internetseite geschaut habe, um den Verlauf zu verfolgen. Innerhalb weniger Stunden schnellte die Summe auf 7000, dann auf 8000 Euro hoch. Nach ein paar Tagen waren es schon 10.000. Am Ende der vier Wochen kamen schließlich 14.626 Euro zusammen. 230 Menschen haben ihr Vorhaben unterstützt. „Damit können wir den Kunden nicht nur mehr Waren anbieten, sondern auch Vorratsbehälter aus Glas finanzieren, die wesentlich teurer als die aus Kunststoff sind“, freut sich Nadia Mispelbaum. Die sogenannten Bins aus Glas lagen den Gründerinnen besonders am Herzen.

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„Ich finde es passender, dass wir in unserem Laden, der auf Plastikverpackungen verzichtet, auch bei der Ladeneinrichtung so gut es geht auf Kunststoff verzichten, sagt Nadia, die bereits jahrelang im Unverpackt-Laden Stückgut in Ottensen gearbeitet hat. Eines ist den beiden wichtig: Ihre Unterstützer konnten sich im Gegenzug ein Dankeschön auszusuchen: unter anderem ein Starterset mit Gläsern, Einkaufsgutscheine oder feste Seifen, die nach der Eröffnung im Laden abgeholt werden können. Es ist, als ob ihnen der Schlüssel zum Laden eine ganz neue Welt eröffnet hat – die Realität eröffnet hat. Nachdem der Laden wochenlang nur vom Computer aus geplant werden konnte und nahezu unwirklich war, ist er jetzt real geworden.

Gründerinnen mussten viel lernen

Ein echter Ort, wo man hinfahren kann. Mit richtigen Räumen. Mit Kabeln, die aus den Wänden hängen. Fußleisten, die auf dem Boden liegen. Und Staub, der im Sonnenlicht tanzt. Alles ganz real. Nicht nur ein Grundriss, ein Foto in einer Makler-Präsentation, ein Bild am Computer. Endlich greifbar! Vor drei Tagen wurden die Elektrogeräte geliefert. Eine Gastro-Spülmaschine und zwei Kühlschränke – einer für den Verkaufsraum, einer für das Lager. Nadias Vater hat sich darum gekümmert. Er ist Großküchentechniker, ein Fachmann, der auch die Waschbecken in der Küche montieren wird. Zwei Stück sind Pflicht. Das haben Kathrin und Nadia in den vergangen Wochen gelernt. Einer von vielen Punkten, die sie lernen mussten.

Sie stehen im engen Kontakt mit dem Lebensmittelkontrolleur vom Veterinäramt, der sie über alle Auflagen informiert hat, die erfüllt werden müssen. Bei Lebensmittelgeschäften wird streng auf die Hygiene geachtet. Die Wände in der Küche müssen gefliest sein, damit sie abgewischt werden können. Die Waschbecken müssen streng getrennt werden – eins für Lebensmittel und Geschirr, ein anderes für altes Putzwasser. Sie haben einen Zeitplan entwickelt und die einzelnen Schritte genau festgelegt. Die Malerarbeiten, die Verlegung des neuen Fußbodens, den Bau der Möbel und die Installation der Lampen. So viel wie möglich wollen sie selbst machen. Sie schleppen Holz heran, kleben den Boden für die Malerarbeiten ab und grundieren die Wände. Manchmal wissen sie kaum, was zuerst gemacht werden soll.

Wieder Schule im Kreis Segeberg

Regionale Lieferanten suchen oder Bio-Zertifikat beantragen? Einen Künstler für die Schaufenster-Gestaltung suchen oder mit den Kindern Homeschooling machen. Wegen des hohen Inzidenzwertes im Kreis Segeberg war in dieser Woche keine Schule. Zum Glück wird sich das nächste Woche ändern. Dann haben die Kinder wieder Schule – und sie mehr Zeit. Am Montag haben sie einen Termin beim Notar, um ihre neue Adresse beglaubigen zu lassen. Solange sie keinen Laden hatten, lief alles über Kathrins Privatadresse – jetzt muss die neue Anschrift ins Handelsregister eingetragen und dem Gewerbeamt mitgeteilt werden. Außerdem müssen die Großhändler kontaktiert und die Waren geordert und dann ins Kassensystem eingepflegt werden. Jeder Artikel einzeln, inklusive Ein- und Verkaufspreis, Allergenen, Produktspezifikation und Strichcode, der sogenannten EAN (European Article Number).

Danach wird von jedem Artikel ein Etikett gedruckt und an die Bins gebracht– „damit jeder sofort sieht, welche Inhaltsstoffe ein Artikel hat und was er kostet“, erklärt Kathrin Kahnert. Doch bis es soweit ist, dauert es noch ein bisschen. Etwa Mitte Mai rechnen sie mit der Lieferung der Bins, die dann nach und nach mit Waren befüllt und etikettiert werden sollen. „Wenn alles gut läuft, sind wir Ende Mai mit allem fertig“, sagt Kathrin Kahnert. Eine Woche vor Eröffnung. Ein Zeitpuffer, falls mal etwas dazwischenkommt. Während sie im Laden werkeln und räumen, bleiben draußen immer wieder Leute stehen und spähen durch die Fensterscheiben.

Unverpackt-Laden hat sich rumgesprochen

Sie sind schon ein paar Mal angesprochen worden, ob hier der Unverpackt Laden hinkommt. Es hat sich rumgesprochen. Im Internet bei Facebook kommentieren immer mehr Leute ihr Vorhaben, das Feedback ist nur positiv. Beim letzten Mal hatten sie 159-mal das Symbol „Daumen hoch“. Total unwirklich irgendwie. Aber schön, einfach nur schön.

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