Norderstedt

Blutdruck messen am Krankenbett von Puppe „Müller“

| Lesedauer: 13 Minuten
Stefan Buchholz (l.) zeigt Zahra Khalajani Dinzar und Bahman Taghi Zadeh, wie sie bei der Puppe Blutdruck messen und den Puls fühlen können.

Stefan Buchholz (l.) zeigt Zahra Khalajani Dinzar und Bahman Taghi Zadeh, wie sie bei der Puppe Blutdruck messen und den Puls fühlen können.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Bahman Taghi Zadeh und Zahra Khalajani Dinzar aus dem Iran werden an der Asklepios Klinik Nord-Heidberg zur Pflegekräften ausgebildet.

Norderstedt.  Der Patientin geht es nicht gut. Das sieht Zahra Khalajani Dinzar (37) sofort, als sie Zimmer 102 betritt. Schnell desinfiziert sie sich die Hände und tritt an das Bett heran. „Hallo, Frau Müller“, sagt sie laut und deutlich. „Wie geht es Ihnen?“ Die Frau im Bett stöhnt laut auf. Sie trägt ein Krankenhausnachthemd. Unter dem dünnen Stoff sieht man, wie sich ihr Brustkorb hebt und senkt. Sie atmet schwer, hustet immer wieder.

„Darf ich Ihren Blutdruck messen?“, fragt sie höflich. „Ja“, antwortet Frau Müller. Doch als Zahra nach der Blutdruckmanschette greift, schreit Frau Müller plötzlich auf. Es ist ein langgezogener, schriller Schrei. Zahra zuckt zusammen. Dann blickt sie unsicher zu dem Mann, der etwas abseits steht und sie beobachtet. Sie weiß nicht, was sie tun soll.

„Alles okay, Zahra“, sagt Stefan Buchholz und tritt näher ans Krankenbett heran. In der Hand hält er ein Sim Pad, eine Art von Fernsteuerung. Auf dem Display steht: Husten, Stöhnen, Erbrechen, Kurzatmig – und Schreien. Als Stefan Buchholz auf das Display tippt, beginnt Frau Müller zu schreien. Dieses Mal ist Zahra vorbereitet. „Alles gut, Anne“, sagt Zahra und tätschelt Frau Müller den Arm. Er ist kalt. Und aus Silikon.

Die Trainingspuppe kann atmen, husten und schreien

Frau Müller ist eine Trainingspuppe. Modell „Nursing Anne“. Sie wurde entwickelt, damit Pflegekräfte den Umgang mit Patienten üben können. Zahra hat ihr den Namen Frau Müller gegeben. Es war der erste Name, der ihr auf die Schnelle eingefallen ist.

Zahra ist noch nicht lange in Deutschland. Vor knapp zwei Monaten hat sie ihre Heimat und ihre Familie verlassen, um hier ein neues Leben zu beginnen. Ihre beiden Söhne Karen und Kian sind gerade einmal sechs und acht Jahre alt, sie leben jetzt bei ihrer Schwiegermutter.

Beide haben Krankenpflege studiert

Im Iran hat Zahra Krankenpflege studiert und ihren Bachelor of Nursing gemacht. Daher kennt sie Trainingspuppen. Aber keine wie Nursing Anne. Die sprechen und husten kann, mit den Augen blinzelt und atmet. „Sie sieht fast so aus, als ob sie lebt“, sagt Zahra und lacht ein bisschen.

Stefan Buchholz nickt. Der 36-Jährige weiß, wie ungewohnt der Umgang mit der Trainingspuppe für viele Pflegekräfte ist. Er war einer der ersten Mitarbeiter des Asklepios Willkommenszentrums Hamburg und der Abteilung Integration der Asklepios Klinik Nord-Heiberg, die 2020 gegründet wurde, um Pflegekräfte aus dem Ausland zu akquirieren und in den Krankenhäusern zu integrieren.

Vertrauter, Freund, Vorgesetzter und Lehrer

Stefan Buchholz und die neun Mitarbeiter unterstützen bei der Beantragung von Visa, der Eröffnung eines Bankkontos und beim ersten Einkauf im Supermarkt. Sie gehen mit zu Wohnungsbesichtigungen, fahren zu Ikea und helfen beim Aufbau der Möbel. Für viele ist Stefan Buchholz der erste Freund, den sie in Deutschland finden. Es ist nicht leicht, Vertrauter und Freund zu sein – aber auch Vorgesetzter und Lehrer.

„Natürlich achten wir drauf, Grenzen zu ziehen“, sagt Stefan Buchholz. „Schließlich müssen wir auch Personalgespräche führen.“ Mit „wir“ meint er: Stefanie Ludwig und er. Sie ist die Leiterin des Willkommenszentrums und der Abteilung Integration – er ihr erster Mitarbeiter. Da er selbst examinierter Krankenpfleger ist, leitet er die Pflegekräfte auf den Stationen an, weist sie in die Dokumentation von Patientenakten ein und übt mit ihnen den Umgang mit Patienten an der Trainingspuppe. Er nennt sie nicht Puppe. Er nennt sie Anne.

Unter der Silikonhaut ist der Puls kaum zu fühlen

„Probiere doch mal, den Puls zu fühlen“, ermutigt Stefan Buchholz Zahra und tippt auf dem Sim Pad die Herzfrequenz ein. Ein bisschen unsicher tastet Zahra nach dem Herzschlag am Handgelenk. Das Silikon fühlt sich anders an als Haut. Sie hat Probleme, den Puls zu finden. „Kein Problem“, tröstet Stefan Buchholz. Das geht vielen bei Anne so. Er weiß, dass einige in der Prüfung durchfallen, weil sie zum ersten Mal an der Puppe arbeiten. „Deswegen üben wir das ja vorher“, sagt er. Schließlich sei Anna kein Mensch. Durch ihre Venen fließt kein Blut, sondern Luft.

Am Fußende des Bettes steht Bahman Taghi Zadeh (31) und beobachtet jeden Handgriff, lauscht jeder Anweisung. Als Stefan Buchholz fragt, wo man den Puls noch messen kann, muss er keine Sekunde überlegen: „Arteria axillaris, Arteria femoralis, Arteria poplitea, Arteria carotis, Arteria tibialis posterior und Arteria dorsalis pedis“, sagt er und zeigt mal unter die Achsel, mal auf die Leiste und mal auf den Fuß von Anne.

Puppe hat alle wichtigen Funktionen

Stefan Buchholz ist zufrieden. Er schlägt das Oberbett zurück – und dann die Bauchdecke von Frau Müller. „Sieht zwar ein bisschen anders aus als in echt – aber alle wichtigen Funktionen sind vorhanden“, sagt Buchholz und erklärt nach und nach, wo sich bei Anne Magen, Blase und Darm befinden.

Wo sonst Adern und Venen sind, verlaufen bei Anne Schläuche aus Silikon. „Auf diese Weise können die Pflegekräfte alle wichtigen Eingriffe üben – zum Beispiel das Legen einer Magensonde oder eines Blasenkatheters“, sagt Stefanie Ludwig. Anne ist ihr ganzer Stolz.

Training so realistisch wie möglich

Früher hatten sie ein ganz einfaches Modell. Es konnte weder sprechen noch atmen, erinnerte fast eine Schaufensterpuppe. Anne ist eine der neueren Versionen auf dem Markt. Die Asklepios Berufsschule hat Anne dem Asklepios Willkommenszentrum zur Verfügung gestellt. Nursing Anne kostet einen mittleren fünfstelligen Betrag.

„Damit können wir Abläufe üben, die man nicht am Patienten üben kann, weil sie Schmerzen bereiten würden“, sagt Stefanie Ludwig und meint: das Legen eines Blasenkatheters oder einer Magensonde zum Beispiel. Damit das Training so realistisch wie möglich ist, können Blase und Magen von Anne mit Flüssigkeiten gefüllt werden – die austreten können.

Wie man die verschiedenen Körpersäfte herstellt, das steht in einem Begleitbuch von Nursing Anne. Es heißt Kochbuch. Erbrochenes lässt sich mit Haferflocken, Jodlösung, Hüttenkäse, Rosinen, Maiskörner, Wasser sowie Orangensaft simulieren, Sekret von Wundauflagen mit pürierter Erbensuppe und rotem Wackelpudding.

Mit Ketchup und Folie eine Wunde simulieren

Wundversorgung ist ein großes Thema. Weil die Unterschiede zwischen den Ländern oft groß sind, vor allem was Hygiene-Standards angeht. „Es gibt Länder, da klebt man einfach ein Pflaster auf die Wunde oder legt irgendeinen Verband an“, sagt Stefanie Ludwig. „Bei uns wird erst mal gefragt, wie die Wunde entstanden ist und wie lange es sie schon gibt. Ob sie nässt oder eitert, brennt oder juckt“. Erst dann werde entschieden, wie sie versorgt werden müsse – und dafür gebe es 30 unterschiedliche Wundmaterialien.

Beim Thema Hygiene fallen viele in der Prüfung durch. Bei ihrer Ankunft haben Zahra und Bahman eine Wundfibel bekommen, in der die Versorgung von Schürf-, Schnitt-, Stich- und Brandwunden beschrieben wird. Das Buch ist 231 Seiten lang. Für Nursing Anne gibt es ein eigenes Kit zur Wunddiagnose und -versorgung. Im Moment simulieren sie Wunden mit Ketchup und Folie.

Zahra hört lieber zu als zu sprechen

Zahra und Bahman üben weiter an Anne. Sie verabreichen subkutane Injektionen und legen Infusionen an. Sie haben gelernt, dass sie viel mit den Patienten sprechen sollen. Dass sie alles erklären sollen, was sie tun. Auch das sollen sie jetzt üben. „Achtung, Frau Müller“, sagt Bahman, während er den Bauch desinfiziert. Dann schiebt er die Haut zusammen und spritzt in die Falte hinein.

Anne sagt nichts. Zahra auch nicht. Sie hört lieber zu, als selbst zu sprechen. Manchmal hat sie das Gefühl, dass sie nach acht Wochen in Deutschland schlechter Deutsch sprechen kann als bei ihrer Ankunft. Stefanie Ludwig meint, dass das normal sei. Dass die Neuankömmlinge von all den Eindrücken erst einmal total überfordert seien – bis irgendwann der Knoten platzt.

Wasser lassen? Noch nie gehört

Zahra sagt, dass die Sprache die größte Herausforderung sei. Im Iran hat sie bereits ihr Sprachzertifikat B2 gemacht, fast 2500 Stunden Unterricht gehabt. Ihre Grammatik ist sehr gut, ihre Aussprache geschliffen. Doch sie hat Probleme, die Patienten zu verstehen. Weil sie Begriffe benutzen, die sie noch nie gehört hat.

Klo ist so ein Beispiel. Sie musste erst einmal fragen, was das bedeutet. Das Thema führt bei den internationalen Pflegekräften immer wieder zu Verständnisproblemen. „Da tauchen Begriffe auf wie: Wasser lassen, pinkeln, schiffen oder urinieren – die in keinem Deutschkursus auf der Welt gelehrt werden.“

Zweimal in der Woche haben Zahra und Bahman eine Stunde Unterricht in Umgangssprache. Zahra schreibt alle neuen Begriffe auf: Ich bin fix und fertig. Ich habe keinen Bock. Ich könnte Bäume ausreißen. Ich habe Schwein gehabt.

Beide vermissen ihre Familien

Jeden Abend telefoniert sie mit ihren beiden Söhnen. Jeden Abend fragen sie, wann sie nach Deutschland kommen können. Zahra weiß es nicht. Sie schickt Fotos nach Hause. Von dem Baum vor ihrem Fenster, von den Blumen. Vom Krankenhaus. Die Jungs mögen die Bilder. Sie freuen sich auf Deutschland. Sagen sie.

Bahman hat keine Kinder, noch nicht. Er hofft, dass seine Frau bald nachkommen kann. Sie ist Krankenschwester und möchte hier ebenfalls ihre Anerkennung erhalten. Doch Bahmans Frau Shahala hat noch nicht alle erforderlichen Dokumente für die Teilanerkennung.

„Erst wenn alles vorliegt, prüft die Sozialbehörde die Unterlagen, vergleicht die Lerninhalte mit denen aus Deutschland und erstellt auf dieser Grundlage einen Defizitbescheid. Aus diesem geht hervor, was in einer sogenannten Anpassungsqualifizierung nachgeholt werden muss“, erklärt Stefanie Ludwig. Sie ist es gewohnt, die langwierige Anerkennungsprozedur zu erklären.

Bis zur Prüfung sind es noch vier Monate

Zahra und Bahman haben mit der Anpassungsqualifizierung bereits begonnen. Bis Ende September geht der Unterricht, einmal in der Woche, dann haben sie ihre Prüfung. Zahra und Bahman sind gut ausgebildet, sie haben im Iran studiert. Aber sie könnten die Inhalte noch nicht auf Deutsch erklären. Zahra ist aufgeregt, wenn sie an die Prüfung denkt. Was ist, wenn sie die Fragen nicht versteht. Es sind noch vier Monate.

Im Juni hat Bahman Urlaub. Nach Hause kann er nicht. Weil er danach dann zwei Wochen in Quarantäne müsste. Er hofft, dass seine Frau ihn besuchen kommen kann. Sein Zimmer liegt im selben Haus wie die Schulungswohnung. 35 Quadratmeter, Bad, Kochnische, ein Zimmer.

Ein Schreibtisch mit Computer, ein Tisch mit Fernseher, zwei Beistelltische von Ikea. Im Zimmer stehen zwei Kleiderschränke, sie sind nur halbvoll. Neben dem Bett liegt eine Packung Tuc-Kekse, auf der Küchenzeile eine Tüte Windbeutel und eine Flasche Saft. Er braucht nicht viel. Von seinem ersten Gehalt in Deutschland möchte er sich Bluetooth-Kopfhörer kaufen.

Bloß von nichts ablenken lassen

Zahra hat die ersten Wochen hat allein gewohnt. Vor vier Tagen ist sie umgezogen – in eine Wohnung zusammen mit Sahar. Sie kommt auch aus dem Iran. Die beiden verstehen sich gut. Jede von ihnen hat ein eigenes Zimmer. Küche und Bad teilen sie sich.

Zahra schläft im ehemaligen Wohnzimmer, neben dem Esstisch mit den vier Stühlen und der offenen Küche. Die Wände im Zimmer sind kahl. Sie will sich durch nichts ablenken lassen. Auf dem Tisch liegt eine Schachtel mit persischen Schriftzeichen. Es sind Kosmetiktücher, die Zahra als Servietten benutzt. Sie kocht gerne. Oft lädt sie Bahman zum Essen ein.

Manchmal stellt sie sich vor, wie sie mit ihrem Mann und den beiden Jungs am Tisch sitzt. Nicht hier, in dem Zimmer. Sondern in ihrer eigenen Wohnung, vielleicht mit einem kleinen Garten, wo die Jungs Fußball spielen können. Wenn sie an die Zukunft denkt, denkt sie an Deutschland. Sie kann sich nicht vorstellen zurückzugehen.

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