Kreis Segeberg

Junge Politiker drängen in den Bundestag

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Annabell BehrmannAndreas Burgmayer
Nils Bollenbach hat die Fridays-for-Future-Bewegung im Kreis Stormarn ins Leben gerufen – nun kandidiert der 20-Jährige für den Bundestag.

Nils Bollenbach hat die Fridays-for-Future-Bewegung im Kreis Stormarn ins Leben gerufen – nun kandidiert der 20-Jährige für den Bundestag.

Foto: FFF Bargteheide

Für den Bundestagswahlkampf im Kreis Segeberg setzen einige Parteien auf die Faktoren jung, frisch und anders.

Norderstedt.  Im Kampf um ein Mandat im Bundestag setzen viele Parteien im Wahlkreis 8 Segeberg – Stormarn-Mitte auf junge und frische Gesichter für die Wahl im September. Dabei setzt sich der Polit-Nachwuchs sogar gegen etablierte Parteikollegen durch.

So wie Nils Bollenbach aus Bargteheide. Der 20 Jahre alte Fridays-for-Future-Aktivist tritt bei der Bundestagswahl als Direktkandidat für die Grünen an und hat sich am Sonnabend bei der Wahlversammlung in Bad Segeberg gegen Mitbewerberin Ulrike Täck (53) durchgesetzt. Die Professorin für Werkstoffkunde und Fertigungstechnik im Maschinenbau an der Technischen Hochschule Lübeck ist Kreisvorsitzende in Segeberg und war bereits 2017 Direktkandidatin. Dennoch entschieden sich die Grünen mit 44 zu 32 Stimmen klar für Herausforderer Nils Bollenbach. „Die GroKo hat beim Klimaschutz versagt. Auf die Fragen der Zukunft wollte sie keine Antwort geben. Jetzt ist es Zeit für frischen Wind“, sagt Bollenbach. Auf der Landesliste wurde er von den Grünen Schleswig-Holstein auf Platz 14 aufgestellt.

Bollenbach ist Klimaaktivist und Asperger-Autist

Der Jungpolitiker, der seit 2017 Mitglied bei den Grünen ist und die Fridays-for-Future-Bewegung im Kreis Stormarn ins Leben gerufen hat, liegt nicht nur der Klimaschutz am Herzen. Er will sich für Vielfalt, eine bunte Gesellschaft und Inklusion einsetzen. Denn niemand weiß besser als er, wie sich Diskriminierung anfühlt. Bollenbach schreibt auf seiner Homepage: „Die Frage, wer oder was ich bin, würde ich selbst so beantworten: Ich bin Schauspieler, Politiker, Künstler, Aktivist, schwul und Asperger-Autist.“ Seine sexuelle Orientierung und seine Behinderung würden sein Leben am allermeisten beeinflussen – „bei allem, was ich tue“, sagt er.

In der Schule wurde Bollenbach jahrelang gemobbt. Seinen Frust kompensierte er mit Essen und wurde krankhaft übergewichtig. 2019 hat er dann innerhalb eines Jahres 75 Kilogramm abgenommen. Lange hat sich der Autist nicht getraut, in der Öffentlichkeit zu seiner Behinderung zu stehen. „Zu groß war die Angst, geleitet von Klischees, abgestempelt und unterschätzt zu werden, denn leider assoziieren die meisten Menschen ‚Behinderung‘ mit einer Schwäche.“ Doch er wollte sich nicht länger verleugnen. Mut, zu sich selbst zu stehen, hat ihm letzten Endes Greta Thunberg gemacht. Bei dem bekanntesten Gesicht von Fridays for Future wurde im Alter von zwölf Jahren ebenfalls das Asperger-Syndrom diagnostiziert. „Sie hat der ganzen Welt gezeigt, dass Menschen mit Autismus weder zu schwach noch unfähig sind, für ihre Ziele und Träume zu kämpfen“, sagt Bollenbach.

Schultz macht sich Sorgen um die Folgen der Digitalisierung

Die Linke schickt die in Henstedt-Ulzburg geborene und in Norderstedt aufgewachsene Malin Schultz ins Rennen. Die 26-Jährige studiert derzeit Informatik in Hamburg. Sie ist von der „Überwindung des Menschen durch den Menschen“ überzeugt, wie sie es dem Medien-Projekt White Lab verriet. Gesellschaftliche Ungleichheiten seien vom Menschen gemacht und könnten auch nur von Menschen wieder ausgeglichen werden. „Die Linke steht für mich am überzeugendsten für die Gleichstellung der Frauen, für die Bekämpfung von Armut, für den Schutz von Minderheiten und den Umweltschutz“, sagt Schultz. „Sie passt am stärksten zu meiner Überzeugung, dass die Welt nur so schlecht oder so gut ist, wie wir Menschen sie gestalten.“

Schultz will die Folgen des zunehmend digitalen Lebens mehr betont wissen. „Es ist wichtig zu verstehen, wie das System Internet funktioniert und welche gesellschaftlichen Auswirkungen es erzeugt. Technik kann genauso sinnvoll wie schädlich sein und muss deshalb immer kritisch betrachtet werden. Ich beabsichtige mit meinem Fachwissen eine umfassende Diskussion anzustoßen.“

Für Malin Schultz ist Demokratie harte Arbeit, die sich lohne. „Sie erfordert Zeit und Geduld, macht aber auch Spaß. Dafür brauchen wir einen öffentlichen Diskurs, in dem wir uns respektvoll begegnen und miteinander reden, streiten und lachen können.“ Die Gesellschaft sollte stärker bereit sein, aufeinander zuzugehen, einander zuzuhören und voneinander zu lernen. „Neue Ideen sind dabei genauso wichtig wie gesammelte Erfahrungen“, sagt die Norderstedterin Schultz.

Glagau setzt sich für die Generationengerechtigkeit ein

„Heute war ein wirklich verrückter Tag“, twittert Julia Glagau (37) aus Norderstedt am Sonnabend, 8. Mai. „Morgens ist mein armes Auto Opfer eines Unfalles geworden, und am Ende des Tages bin ich Mitglied im Vorstand der Freien Wähler als Beisitzerin und stehe auf Listenplatz 2. Leid und Freud liegen oft dicht zusammen!“ Viel los also im Leben der Mutter von vier Kindern und gelernten Krankenschwester. Als Mitglied der Freien Wähler in Norderstedt seit November 2019 hat sie sich nun schon auf Landesebene der Partei Rang und Namen verschafft und wurde gleich beim digitalen Landesparteitag an die Spitze der Landesliste für die Bundestagswahl im September gesetzt. Vor ihr steht nur noch der Parteikollege und Landesvorsitzende Gregor Voht (31) aus Lübeck.

Laut Glagaus Selbstbeschreibung sucht sie immer den Kick im Leben. „Es gibt für mich nichts Härteres, als die eigenen Grenzen herauszufordern und gegen sich selber anzutreten.“ Gut und zufrieden leben könne sie nur, wenn sie sich aktiv für ihr Umfeld einsetze. „Klassischerweise führte mich dieser Weg über sämtliche Elternbeirats-Posten bis in die Politik.“

Glagau will den Fokus auf die aus ihrer Sicht drängendsten politischen Fragen legen im kommenden Bundestagswahlkampf. „Wir schlagen in unserem Wahlprogramm mit der Automatisierungs-Gutschrift einen ganz neuen Weg in der Sicherung des Rentenniveaus ein. Dabei geht es um Generationengerechtigkeit.“ Die Rentenpolitik dürfe sich nicht nur an Bestandsrentnern orientieren, sondern muss für junge Menschen eine Perspektive auf eine Absicherung im Alter geben. „Außerdem wollen wir das Eigenheim zur vierten Säule der Altersvorsorge machen und die unsinnige Rentenbesteuerung korrigieren“, sagt die Norderstedterin.

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