Kreis Segeberg

Norderstedter Rotes Kreuz fordert Sonder-Impfaktionen

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Christopher Herbst
 In Kaltenkirchen erhielten 22 THW-Angehörige den Astrazeneca-Impfstoff.

In Kaltenkirchen erhielten 22 THW-Angehörige den Astrazeneca-Impfstoff.

Foto: THW Kaltenkirchen

Ortsverband beklagt, dass immer noch zu viele Senioren aus der Stadt keine Corona-Schutzimpfung erhalten haben.

Norderstedt.  Christoph von Hardenberg blickte entgeistert auf den Bildschirm. Als am vergangenen Donnerstag über impfen-sh.de 65.000 Termine für die Corona-Impfzentren in Schleswig-Holstein vergeben wurden, war auch der Norderstedter Ortsvorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes mit seinem Team im Einsatz. Wie mehrfach berichtet, kümmert sich die ehrenamtliche Hilfsorganisation unter anderem darum, für ältere Frauen und Männer Impfungen zu buchen. In rund 400 Fällen hat das bisher geklappt. Allerdings ist diese Vermittlungsarbeit offenbar extrem schwierig, fast unmöglich geworden, seitdem die Priorisierung um die bisher größte – die dritthöchste – Gruppe erweitert wurde. „Ich war auf Platz 493.000 in der Warteschleife“, berichtet von Hardenberg. „Das geht gar nicht.“

Zwar gelang es dem DRK, immerhin einen Termin zu buchen – „wir haben in zwei Sekunden geklickt, wir haben dazugelernt“ –, doch die Helfer sorgen sich um diejenigen Personen, die noch nicht versorgt worden sind. Denn, abgesehen von besonders kritischen Berufen, waren in Schleswig-Holstein über Monate streng nach Alter die Termine vergeben worden. Mittlerweile ist das Bild etwas diffuser, auf verschiedenen Wegen, ob nun über das Onlineportal oder über Arztpraxen, wird die Impfkampagne in die breite Bevölkerung gebracht. Aber von den Seniorinnen und Senioren, viele davon mit Vorerkrankungen, seien zu viele sogar noch ohne Erstimpfung, sagt Christoph von Hardenberg. „Es stellt sich mehr und mehr heraus, dass das Onlineportal eben ein Konzertticketsystem ist und Nachteile hat.“

Das DRK erhält verzweifelte Anrufe von Impfwilligen

Das Norderstedter Impfzentrum hat zwar eine DRK-Liste vorliegen mit rund 30 Personen, die für übrig gebliebene Impfdosen in Frage kämen, doch es gibt kaum gebuchte Termine, die nicht wahrgenommen werden. Von Hardenberg hat Hausärzte in der Stadt gefragt, ob sie helfen könnten, ist aber abgeblitzt – die Praxen sind selbst überlastet, eigene Patienten zu impfen. Überall ist die Nachfrage weiterhin deutlich höher als die Menge des vorhandenen Impfstoffs, ob nun Biontech, Moderna oder Astrazeneca. Mehr noch: Einige Ärzte haben Anrufer direkt an das DRK verwiesen. „Aber wir haben keinen Impfstoff.“

Komplett durch das Raster würden zudem diejenigen älteren Norderstedter fallen, die weder einen festen Hausarzt oder eine Hausärztin haben noch online zum Zuge kommen. Und der gesammelte Frust landet wieder bei Christoph von Hardenberg, der von Anrufen verzweifelter Menschen berichtet.

Gesuche werden momentan gar nicht entgegengenommen, ansonsten wäre das DRK wohl schnell wieder bei 100 Impf-Interessenten. Die Organisation fordert nun kreative Lösungen. Andere Städte hätten doch schon Impftage mit Astrazeneca veranstaltet, so etwas wäre doch auch in Norderstedt für die Ü-70-Gruppe möglich. Keine Option ist, die nun eröffneten Impfzentren in Hamburger Krankenhäusern – davon mit dem Klinikum Nord Heidberg und dem Albertinen-Krankenhaus zwei in direkter Nachbarschaft – zu nutzen. Auf Abendblatt-Nachfrage stellt die Hamburger Sozialbehörde klar: Dieses Angebot gilt nur für Menschen mit Wohnsitz in der Hansestadt. Wer sich also als Norderstedter in Hamburg impfen lassen möchte, muss zumindest einen Nachweis über eine berufliche Tätigkeit dort, zum Beispiel an einer Schule, vorlegen. Umgekehrt gilt das laut dem Schleswig-Holsteinischen Gesundheitsministerium auch für Hamburger, die das Norderstedter Impfzentrum in der „TriBühne“ nutzen wollen, was ja formal erlaubt ist.

„Berufliche Indikation und Impfberechtigung“, so ein Sprecher. „Die berufliche Indikation trifft auf die Gruppe der Ü-70-Jährigen üblicherweise nicht zu.“ Eine überraschende Aussage, die dem widerspricht, was über Monate kommuniziert wurde. Eigentlich hatte das Norderstedter Impfzentrum einen expliziten Sonderstatus durch seine unmittelbare Nähe etwa zu Langenhorn.

Nicht geplant ist in Schleswig-Holstein, dass Krankenhäuser eigene Impfzentren einrichten. „Der Unterschied zu Hamburg ist, dass in Schleswig-Holstein 28 Impfzentren über die Fläche gut erreichbar verteilt sind, es in Hamburg aber nur ein zentrales Impfzentrum gibt“, so der Sprecher.

Stornierte Termine werden nun werktags neu vergeben

Was dafür neu ist: Von Montag bis Freitag – ausgenommen Feiertage – werden stornierte Termin für die Impfzentren immer um 7 und 17 Uhr auf impfen-sh.de freigeschaltet. Bei hohem Andrang soll eine Warteschlange den Zugang steuern. Wann die nächste größere Anmelderunde sein wird, steht noch nicht fest.

Allgemein wurden in den drei Impfzentren im Kreis in der letzten Woche 7461 Erst- und Zweitimpfungen durchgeführt. Auch über die Ärzte wird getan, was möglich ist. So erhielten auch 22 Einsatzkräfte des THW Kaltenkirchen eine erste Schutzimpfung mit dem Astrazeneca-Wirkstoff, der von einer Praxis in Kisdorf bereitgestellt wurde.

Über das Wochenende gab es laut dem Infektionsschutz des Kreises 54 nachgewiesene Neuinfektionen. Dadurch dürfte die Inzidenz, die am Montagfrüh bei 41,5 lag, wieder etwas steigen. Auch ein weiterer Todesfall, der 155., wurde bekannt, es handelt sich um eine Frau (82). In einem Krankenhaus werden 19 Personen mit Covid-19 behandelt, sechs davon auf einer Intensivstation.

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