Kreis Segeberg

Die Elektrobus-Pioniere von Norderstedt

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Burkhard Fuchs
Etwa 100 Konferenz-Teilnehmer wurden mit Elektrobussen von Hamburg nach Norderstedt zum Grace-Werk gefahren. Rechts im Bild Johannes Schneider, der damals stellvertretender Verkaufsleiter war.

Etwa 100 Konferenz-Teilnehmer wurden mit Elektrobussen von Hamburg nach Norderstedt zum Grace-Werk gefahren. Rechts im Bild Johannes Schneider, der damals stellvertretender Verkaufsleiter war.

Foto: Archiv Schneider / Burkhard Fuchs

Johannes Schneider, Ex-Verkaufsleiter der Firma Grace, erinnert sich an die ersten E-Busse, die 1971 das Unternehmen besuchten.

Norderstedt.  Manche Dinge brauchen offenbar Zeit, bis sie in den Köpfen der Menschen angekommen sind. In diesem Fall sind es 50 Jahre. Solange hat es offenbar gedauert, bis in der Stadt Norderstedt die Idee, Busse mit Elektroantrieb einzusetzen, verwirklicht werden konnte. Wie berichtet, haben die Verkehrsbetriebe Hamburg Holstein (VHH) auf Betreiben des Segeberger Kreistages zehn Elektrobusse angeschafft, die jetzt im täglichen Linienverkehr in der Stadt eingesetzt werden.

Dabei wäre dieser Schritt, der zum Klimaschutz beitragen und die durch den Verkehr besonders stark von Stickoxid-Emissionen belastete Luft in der Stadt Norderstedt sauberer halten soll, schon vor fünf Jahrzehnten möglich gewesen. Denn vor genau 50 Jahren fuhren zwei Elektrobus-Prototypen auf Initiative eines Norderstedter Unternehmens von Hamburg nach Norderstedt. Dabei handelte es sich um das Unternehmen Grace, das damals am Erlengang 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigte und damit einer der größten Arbeitgeber Norderstedts war.

Initiator dieser E-Bus-Connection war seinerzeit Johannes Schneider, der 36 Jahre lang für den elektrochemischen Grace-Konzern in Norderstedt unter anderem als Verkaufs- und Marketingleiter bis zu seinem Ruhestand 2002 gearbeitet hat. „Grace stellte damals mit seiner Sparte Daramic in Norderstedt Separatoren her, die für die weltweite Batterie-Industrie notwendig waren“, erinnert sich der heute 84 Jahre alte Schneider, der in Norderstedts Nachbarstadt Quickborn lebt. „Grace war damit Weltmarktführer mit einem Weltmarktanteil je nach Kontinent zwischen 50 und 70 Prozent“, sagt Schneider stolz.

Bei diesen Separatoren handelte es sich um eine ganz spezielle mikroporöse Membran aus Phenolharz, die den Elektrolyse-Prozess zwischen Plus- und Minuspol in einer Batterie erst möglich macht und so für die Speicherung von Energie sorgt. Sie ist nur etwa einen Millimeter dick, erklärt Schneider.

1971 fand dann in Hamburg im Atlantic-Hotel an der Außenalster in Hamburg die „Blei-Konferenz“ der Batteriehersteller mit mehr als 1000 Teilnehmern aus aller Welt statt, erinnert sich Schneider. Er – damals 34 Jahre jung und stellvertretender Verkaufsleiter bei Grace – fühlte sich gewissermaßen als Gastgeber dieser Konferenz. Denn das Norderstedter Unternehmen, das schon seit 1954, also viele Jahre vor der Stadtgründung als Grace Friedrichsgabe GmbH firmierte, sei das einzige in der Metropolregion Hamburg gewesen, das mit der weltweit agierenden Batteriebranche zu tun hatte. „Es hieß damals, bei uns arbeiten mehr Menschen als Friedrichsgabe Einwohner hat“, erinnert sich Schneider schmunzelnd.

Und so sorgte Schneider dafür, dass die beiden Elektrobusse, die die Unternehmen MAN und Büssing bei der Konferenz in Hamburg vorstellte, zum Firmensitz am Norderstedter Erlengang beordert wurden. „Das war eine besondere Marketing-Aktion für uns. Wir haben etwa 100 Gäste dieser Konferenz eingeladen und mit den beiden E-Bussen hierher gefahren, um ihnen unser Werk zu zeigen“, berichtet Schneider.

Diesel- und Gasmotoren waren wirtschaftlicher

MAN habe damals einen Bus mit vollelektrischem Antrieb im Programm gehabt, wobei der Bus die Batterie wegen ihrer Größe in einem Anhänger hinter sich herzog. Der Bus-Hersteller Büssing wiederum präsentierte einen Hybrid-Antrieb, der, wie heute bei zahlreichen Autoherstellern üblich, abwechselnd mit Elektro- und Verbrennungsmotor arbeitet. Die nagelneuen, 600.000 Euro teuren E-Busse, die die VHH jetzt im Norderstedter Linienverkehr einsetzt, hat wieder das Unternehmen MAN hergestellt, das schon vor 50 Jahren diese Technologie beherrschte.

Aber so reif die Technologie damals schon gewesen sein mag, sie wurde nicht weiterverfolgt, bedauert Schneider. „Der Elektroantrieb war nicht so wirtschaftlich wie Diesel- oder Gasmotoren.“ Dabei waren Elektrofahrzeuge auch hierzulande seinerzeit in vielen Bereichen geläufig, sagt Schneider. Die Deutsche Post und die Bundesbahn beförderten ihre Pakete und Koffer auf den Bahnhöfen fast ausschließlich elektrisch. In England wurden bis weit in die 1980er-Jahre hinein Bürger mit Elektrofahrzeugen mit Milch und Brot beliefert.

An den Umwelt- und Klimaschutz durch die Elektromobilität habe damals kaum jemand gedacht, sonst wäre die Elektrobus-Idee vielleicht schon viel früher weiterverfolgt worden, ist Schneider überzeugt. Die Firma Grace mit ihrem Knowhow und ihrem Separatoren-Werk in Norderstedt hätte dieser Entwicklung einen enormen Schub können, sagt Schneider.

Noch heute würden hier in Norderstedt ganz spezielle Komponenten von etwa 100 Mitarbeitern für die Batterie-Industrie hergestellt. Die Sparte Daramic, deren Schriftzug heute noch am Werkstor im Erlengang steht, gehöre inzwischen aber dem japanischen Konzern Ashia. Auch die anderen früheren Grace-Abteilungen dort sind an andere Unternehmen (Sealed Air und Henkel) veräußert worden.

Somit sei die in dieser Größenordnung landesweit bislang einmalige Elektro-Linienbus-Initiative der VHH für Norderstedt eine Art „Rückkehr zu den Wurzeln – back to the Roots“, freut sich Schneider. „Heute boomt der Batterie- und Elektromotoren-Markt. Dieser Industriezweig explodiert geradezu“, sagt er und verweist auf die neuen Batterie-Werke, die allein die großen Autohersteller wie VW, Daimler oder Tesla gerade errichten. Umso schöner sei es, dass daran Norderstedt zumindest indirekt wieder teilhaben kann. Die internationale Blei-Konferenz, die 1971 die allerersten E-Busse von Hamburg nach Norderstedt führte, existiere noch heute. Zuletzt sei sie 2016 auf Malta gewesen, so Schneider. Er sei wie immer eingeladen gewesen.

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