Kreis Segeberg

In Heidmühlen wächst der Wald der Zukunft

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Sönke Möhl (dpa)
 Jan Meyer-Hamme (links), Projektmanager EU-LIFE Projekt, und seine Kollegin, die Forstingenieurin Linde Schuipkoweit, stehen in einem Waldstück bei Heidmühlen.

Jan Meyer-Hamme (links), Projektmanager EU-LIFE Projekt, und seine Kollegin, die Forstingenieurin Linde Schuipkoweit, stehen in einem Waldstück bei Heidmühlen.

Foto: Christian Charisius / dpa

Wie kommt der Wald in Schleswig-Holstein mit dem Klimawandel klar? Landesforste wollen Segeberger Forst mit Bucheckern klimafest machen.

Heidmühlen.  Unter dem Nadeldach 70 Jahre alter Bäume recken sich dicht gedrängt junge Douglasien und Buchen in die Höhe. Vor fast einem Jahrzehnt haben Mitarbeiter der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten auf dieser Fläche im Segeberger Forst Hunderttausende Bucheckern ausgesät. Ein dichter Drahtzaun schützt den Baumnachwuchs vor Wildverbiss.

Revierförster Matthias Sandrock hofft, dass hier der Wald der Zukunft wächst, der dem Klimawandel mit Hitze und langen Trockenperioden standhalten kann und der sich durch Naturverjüngung immer wieder erneuert.

Ein Stück weiter, tief im zweitgrößten Wald des Landes, rattert an diesem Frühlingstag eine ferngesteuerte Maschine auf Gummiketten durch das Gelände. Hier nimmt der neue Wald seinen Anfang. Zwei stählerne Scheiben reißen den moosbewachsenen Waldboden auf, Bucheckern rieseln auf den offen liegenden hellen Sand, eine Walze drückt sie an.

Die letzte Eiszeit ließ nur eine dünne Humusschicht zurück

Vier Hektar mit einem lichten Bestand aus etwa 70 Jahre alten Kiefern und Lärchen sollen so mit viel Geduld zum Mischwald werden. Es ist ein magerer Standort, nur eine dünne Humusschicht verdeckt den Sand, den die letzte Eiszeit westlich von Bad Segeberg zurückgelassen hat. „Die Buche wird hier nicht glücklich, kann aber wachsen“, sagt Tim Scherer, der als Direktor der Landesforsten für große Teile des Waldes in Schleswig-Holstein verantwortlich ist. Der Laubbaum mit seinem wertvollen, harten Holz mag eigentlich bessere Böden.

Für Eichen, die auf Sand gut wachsen, reicht das Licht unter den alten Bäumen nicht. Und auf die Fichte, die lange Zeit dominierte, setzt hier niemand mehr. „Auf dem Standort hat die Fichte keine Chance im Klimawandel“ sagt Scherer. Weiter südlich im Kreis Segeberg, im Tangstedter Revier, hat der Borkenkäfer im vergangenen Jahr in den Fichtenbeständen bereits tiefe Spuren hinterlassen.

Der Vorteil der Buchensaat liegt in den geringeren Kosten im Vergleich zur Pflanzung, sagt Scherer. Ein großes Plus ist auch die bessere Verwurzelung der jungen Bäume aus gesäten Bucheckern gegenüber Buchen, die mehrere Jahre in Baumschulen aufgezogen und dann eingepflanzt werden. Der Nachteil der naturnäheren Waldverjüngung: Es braucht einige Jahre mehr Geduld. Der erste zarte Trieb sollte nach etwa sechs Wochen zu sehen sein, je nach Temperatur und Niederschlag.

Das Saatgut stammt aus landeseigenen Wäldern. Die Erntemethode ist denkbar einfach: „Wir legen Netze unter den Buchen aus und warten, bis die Bucheckern runterfallen“, sagt Sandrock. Anschließend werden die Samen gereinigt und im Kühlraum gelagert. „Damit versetzen wir sie in einen künstlichen Winterschlaf.“ Nach Bedarf werden die Bucheckern aus der Kühlung geholt und befeuchtet, so können sie vorkeimen. Bucheckern aus verschiedenen Wäldern Schleswig-Holsteins werden gemischt, damit der neue Wald eine möglichst große genetische Vielfalt aufweist. Auch das soll seine Widerstandskraft stärken. Rund 200 Hektar Wald werden Jahr für Jahr zu Mischwäldern umgebaut. Die Landesforsten sind für rund ein Drittel der mehr als 173.000 Hektar Wald in Schleswig-Holstein verantwortlich. Der Rest ist in Privatbesitz, gehört den Kommunen oder dem Bund. Unter den Flächenländern hat Schleswig-Holstein mit rund elf Prozent den geringsten Waldanteil. Die Landesregierung hat sich vorgenommen, diesen Anteil auf zwölf Prozent zu vergrößern.

Ein Vorteil der Wälder im Norden ist ihre Struktur. Der Anteil der Laubwälder ist mit 60 Prozent sehr groß. Klimatische Belastungen werden durch die Lage zwischen zwei Meeren gemildert. Deshalb sind die Wälder im Norden nach Angaben von Scherer auch relativ glimpflich durch die vergangenen Trockenjahre gekommen.

Die aktuellen Arbeiten sind Teil eines deutsch-dänischen Projekts im Rahmen eines mehrere Millionen Euro umfassenden EU-Programms. In Schleswig-Holstein hat sich die Forstwirtschaft bereits vor mehr als 30 Jahren davon abgewendet, Monokulturen etwa von Fichten oder Kiefern anzupflanzen und diese dann im Kahlschlag zu ernten.

Die dänische Forstwirtschaft hat die gleichen Probleme

Dänische Forstexperten folgen jetzt diesem Weg und interessieren sich für die Erfahrungen im Nachbarland. Beteiligt sind auf dänischer Seite unter Federführung der Naturschutzbehörde 22 Partner, darunter 14 private dänische Forstbezirke. „Wir haben die Möglichkeit, neue Ideen in der naturnahen Waldbewirtschaftung zu testen und dabei gegenseitig von den gewonnenen Erkenntnissen zu profitieren“, teilte Peter Hahn mit, der als Projektmanager auf dänischer Seite beteiligt ist.

Die geologischen und klimatischen Verhältnisse in beiden Ländern seien vergleichbar, sagt Jan Meyer-Hamme, der das Projekt aufseiten der Landesforsten betreut. Ein Ziel sei es, Daten zu sammeln und Beispiele für die beste Praxis zu dokumentieren. Mehr als die Hälfte des Geldes für die aktuelle Buchensaat im Segeberger Forst kommt aus dem Projekt.

„Wir haben gute Erfahrungen gemacht. So profitieren die Dänen von unserem Projekt“, sagt Meyer-Hamme. Ein Besuch dänischer Forstexperten in schleswig-holsteinischen Wäldern ist geplant, sobald die Corona-Pandemie es zulässt.

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