Karl-May-Spiele

Wenn Winnetou nicht reitet, leidet die Region

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Frank Knittermeier
Leere Ränge in der Kalkbergarena: Alexander Klaws reitet dieses Jahr nicht als Winnetou bei den Segeberger Karl May Spielen.

Leere Ränge in der Kalkbergarena: Alexander Klaws reitet dieses Jahr nicht als Winnetou bei den Segeberger Karl May Spielen.

Foto: dpa Picture-Alliance / picture alliance / Eventpress

Zwei Jahre muss Bad Segeberg ohne Karl-May-Spiele auskommen. Was das für Geschäftsleute, Gastronomen und Hoteliers bedeutet.

Bad Segeberg. Zwei Jahre ohne Karl-May-Spiele, zwei Jahre ohne Konzerte am Kalkberg – in beiden Jahren zusammengenommen fehlen 900.000 Menschen, die in normalen Sommern viel Geld in Bad Segeberg lassen. Die wirtschaftlichen Folgen für Bad Segeberg und die Region sind unüberschaubar. „Für uns alle ist das ein Schlag ins Gesicht“, sagt Lutz Frank, Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). Er geht davon aus, dass etliche gastronomische Betriebe den zweiten Corona-Sommer nicht überstehen können.

Keine Karl-May-Spiele 2020, keine Karl-May-Spiele 2021: Angesichts dieser Situation gehen die Gastronomen und Hoteliers in die Knie. „Wir sind eine total betroffene Branche“, sagt Lutz Frank. „Es sind ohnehin schwierige Zeiten, wobei der Ausfall der Spiele vor allem für die Betriebe im Segeberger Umland eine Katastrophe bedeuten.“

Eine Million Euro spült Winnetou jährlich in die Stadtkasse

Tatsächlich sind die Karl-May-Spiele und auch die davor stattfindenden Großkonzerte am Kalkberg ein großer Wirtschaftsfaktor für die Region. Viele Besucher bleiben den ganzen Tag, oft sogar das ganze Wochenende in Bad Segeberg und Umgebung. Häufig sind Ausflüge in die Umgebung eingeplant, Hotelübernachtungen, Besuche von Restaurants. Eine ganze Region leidet, wenn Winnetou und Old Shatterhand den Kampf gegen das Böse in dieser Welt nicht austragen können. Wenn oben am Kalkberg die Gewehre nicht krachen, geht den Geschäftsleuten unterhalb des Berges schnell die Puste aus.

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Bürgermeister Dieter Schönfeld, der Ende Mai von Toni Köppen als Verwaltungschef abgelöst wird, weiß es genau: „Die Karl-May-Spiele sind der touristische Motor des gesamten Segeberger Ferienlandes.“ Er selbst ist noch Aufsichtsratsvorsitzender der Kalkberg GmbH, die jährlich die Karl-May-Spiele ausrichtet. Deshalb spürt er die wirtschaftlichen Folgen auf beiden Seiten: Als Chef der Spiele freut er sich, dass rund eine Million Euro netto Gewinn an die Stadt Bad Segeberg abgeführt werden, die er als Bürgermeister gerne in Empfang nimmt. Der Gewinn aus den Karl-May-Spielen war über viele Jahre eine Konstante im städtischen Haushalt. In den Jahren 2020 und 2021 – Fehlanzeige.

Die Kalkberg GmbH machte in den letzten zwei Jahren fast vier Millionen Euro Minus

Der Verlust der Kalkberg GmbH belief sich im vergangenen Jahr auf mehr als zwei Millionen Euro, wobei die genaue Summe noch nicht feststeht, weil die Jahresrechnung zurzeit geprüft wird. Nach Angaben von Karl-May-Sprecher Michael Stamp wird der drohende Verlust in diesem Jahr etwas geringer ausfallen. Er geht von 1,7 Millionen Euro minus aus. Die rund 130.000 Euro Einnahmen durch die im vergangenen Jahr erstmals veranstalteten Hinterbühnenführungen fallen dabei kaum ins Gewicht.

„Das ist ein Imagegewinn, der Verlust durch den Ausfall der Spiele kann dadurch nicht ausgeglichen werden.“ Der bundesweite Werbewert der Karl-May-Spiele wird durch die Berichterstattung in den unterschiedlichen Medien auf etwa 20 Millionen Euro geschätzt – auch diese imaginäre Summe verpufft ohne die Aufführungen.

Wie gut die Hinterbühnenführungen im vergangenen Jahr angekommen sind, hat auch Tourismusmanagerin Mareike Werz von der Wirtschaftsentwicklungsmanagerin des Kreises Segeberg gespürt: „Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen. Sie weiß, dass viele Unterkünfte in der Sommersaison überwiegend von Besuchern der Karl-May-Spiele ausgebucht sind. „Auch Gastronomie, Freizeiteinrichtung und Einzelhandel profitieren von den Besuchern, das fällt natürlich alles weg“, sagt Mareike Werz, die zurzeit dabei ist, ein Urlaubsangebot für die Zeit nach Corona auszuarbeiten.

Segebergs Geschäftsleute leiden, aber sie versuchen, wie schon im vergangenen Jahr das Beste aus der Situation zu machen. Mit Sonderaktionen, Stadtgärten in der Fußgängerzone, kleine Verweilecken und mehr Außenverkaufsgelände soll der Verlust minimiert werden. „Im vergangenen Jahr konnten wir damit recht viele Menschen anlocken“, sagt Marlis Stagat, Sprecherin des Unternehmensverbandes in Bad Segeberg. Aber sie weiß auch, dass viele Geschäftsleute kaum noch finanziellen Spielraum haben. „Es gibt einige, die verbrauchen das Geld von ihrer Altersvorsorge, um über die Runden zu kommen.“

Die Hoffnung liegt auf den deutschen Urlaubern

Sowohl Dehoga-Chef Lutz Frank als auch Marlis Stagat hoffen, dass die Deutschen in diesem Jahr vermehrt Urlaub in ihrem Heimatland machen und davon letztlich auch die Region um Bad Segeberg profitiert. Schon im vergangenen Jahr sei ein gewisser Trend in dieser Richtung spürbar gewesen, sagt Lutz Frank. Nicht zuletzt deshalb seien manche Unternehmen mit einem „blauen Auge“ davongekommen.

Nicht nur die Geschäftsleute in der Segeberger Fußgängerzone spüren den Ausfall der Karl-May-Spiele, sondern natürlich auch jene Geschäftsleute, die unmittelbar von den Spielen leben. Die Betreiber der Imbisse zum Beispiel. Und Familie Bartsch, die seit vielen Jahren am Karl-May-Platz eine kleine Buchhandlung betreibt. Im vergangenen Jahr gab es überhaupt keine Einnahmen, in diesem Jahr soll zumindest kleinere Summen erwirtschaftet werden. „Wir wollen öffnen, wenn es Sonderveranstaltungen gibt oder wieder Besucher hinter die Kulissen geführt werden“, sagt Ekkehard Bartsch. Dafür allerdings muss noch ein Mietvertrag mit der Stadt ausgehandelt werden. Ihm und seiner Familie ist allerdings klar: „Es wird wieder kein einfaches Jahr.“

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