Norderstedt

Corona-Chaos: Frust bei der Impfterminvergabe

| Lesedauer: 7 Minuten
Annabell Behrmann
Am Mittwoch hat Jutta Lindenberg (74) mehr als 140-mal versucht, einen Impftermin in Schleswig-Holstein zu buchen.

Am Mittwoch hat Jutta Lindenberg (74) mehr als 140-mal versucht, einen Impftermin in Schleswig-Holstein zu buchen.

Foto: Annabell Behrmann

Jutta Lindenberg aus Norderstedt führt Strichliste über die vergeblichen Versuche, sich im Impfzentrum anzumelden.

Norderstedt.  Immer mehr Menschen in Deutschland haben bereits ihre erste Impfdosis gegen das Coronavirus erhalten. Dennoch sorgt die Terminvergabe der Impfzentren weiterhin für viel Frust, auch bei den Norderstedtern.

Als Jutta Lindenberg am Dienstagmorgen die Zeitung aufschlägt, schüttelt sie ungläubig mit dem Kopf. Im Abendblatt liest sie eine Geschichte von einer Friseurin aus Norderstedt, die mit viel Glück einen Termin im Norderstedter Impfzentrum bekommen hat. Zunächst wurde die Frau in den Hamburger Messehallen abgewiesen – trotz offiziellem Termin und bescheinigter Vorerkrankung. Der Grund für die Abweisung: Sie kommt aus Schleswig-Holstein. In Hamburg werden nur Hamburger geimpft – mit einigen Ausnahmen. Das hatte man ihr zuvor am Telefon allerdings falsch mitgeteilt. In ihrer Verzweiflung klagte sie ihr Leid beim Impfzentrum in Norderstedt. Das Glück kehrte auf ihre Seite zurück: Sie wurde auf die Warteliste gesetzt, bekam noch am selben Abend die übrig gebliebene und Spritze.

„Diese Chance möchte ich auch gern bekommen“, beklagt Jutta Lindenberg. Auf dem Wohnzimmertisch der 74-Jährigen steht ein aufgeklappter Laptop, daneben liegt eine Strichliste. Jeder Strich auf dem Zettel steht für einen vergeblichen Versuch, einen Termin in einem der 28 Impfzentren Schleswig-Holsteins zu ergattern. Seit fünf Wochen wiederholt Lindenberg das immer gleiche Prozedere, seit vier Tagen führt sie Strichliste. Die Norderstedterin registriert sich im Internet auf dem Portal www.impfen-sh.de, erhält einen Link per Mail, klickt drauf. Zurzeit vergibt das Land zwar keine neuen Impftermine, aber die Seniorin hofft, dass welche unerwartet frei werden. „Es kann sich immer etwas ändern“, sagt sie. Manchmal wird ihr ein Termin angeboten – zuletzt zum Beispiel in Bad Oldesloe. Dann keimt kurz Hoffnung auf. Wenn sie aber versucht, ihn zu buchen, ist er bereits vergeben. Dann malt sie mit dem Kugelschreiber wieder einen Strich auf ihre Liste. Allein am Mittwoch waren es mehr als 140, am Dienstag sogar 170.

Jutta Lindenberg ist lungenkrank, leidet an COPD. Damit gehört sie zur zweiten Prioritätsgruppe. „Mich kann es jederzeit erwischen. Ich muss vorsichtig sein“, sagt sie. Durch die FFP2-Maske, die sie zum Treffen mit dem Abendblatt trägt, bekommt sie noch schlechter Luft. Aber sicher ist sicher. Lindenberg möchte, dass nicht nur darüber berichtet wird, wie viele Menschen bereits geimpft worden sind – sondern auch, wie viele immer noch auf einen Termin warten. „Das ist eine Sauerei.“ Umso mehr frustriert die Seniorin, dass sie in unmittelbarer Nähe des Impfzentrums in Norderstedt-Mitte wohnt. Für sie wäre es ein Katzensprung, mal eben zur „TriBühne“ zu laufen und sich impfen zu lassen. Doch ohne Termin keine Impfung.

Bis 2. Mai sind Termine für Erstimpfungen vereinbart

Ihre Verzweiflung wächst mit jedem Tag. Mit jedem Strich auf ihrer Liste. „Das frustriert mich alles so dermaßen. Ich möchte noch ein bisschen leben.“ Immerhin ist es der computeraffinen Seniorin gelungen, einen Impftermin für ihren 78-jährigen Mann zu vereinbaren. „Das war für mich wie sechs Richtige im Lotto“, sagt sie. Lindenberg hofft, noch mal so ein Glück zu haben. Bei ihrem Hausarzt steht sie auf der Warteliste. „Aber der hat mir geraten, es weiter beim Impfzentrum zu probieren.“

Immer wieder melden sich beim Abendblatt Leser, die ähnliche oder anders chaotische Erfahrungen wie Jutta Lindenberg mit der Vergabe von Impfterminen gemacht haben. Ein Ehepaar, beide 72, wollte sich vor Ort am Norderstedter Impfzentrum in die Warteliste eintragen lassen. Wie am Dienstag in der Zeitung beschrieben. „Wir wohnen 15 Fußminuten entfernt und waren bereit, abends kurzfristig zu kommen, damit keine Impfdosen vernichtet werden müssen. Aber wir wurden zurückgewiesen“, schreiben die Norderstedter an die Redaktion. Sie seien an die Corona-Impfhotline verwiesen worden, dort habe man ihnen wiederum mitgeteilt, dass sie sich direkt ans Impfzentrum wenden müssten. „Wir sind ziemlich empört über die Art und Weise, wie hier in Schleswig-Holstein die Impftermine vergeben werden; es ist eine Zumutung, sich über impfen-sh.de immer wieder neu anmelden zu müssen ohne eine Chance, sich in eine Warteliste eintragen zu können.“

Ebenso herrscht noch immer bei vielen Unklarheit, ob sich Einwohner aus Nachbarbundesländern wie Schleswig-Holstein in Hamburg impfen lassen können. Ein Mann berichtet, dass er seit 30 Jahren im Hamburger Hafen arbeitet, aber im Umland leben würde. Er gehöre zur Prioritätsgruppe zwei, habe bei der Corona-Hotline der Stadt Hamburg sowie bei der Kassenärztlichen Vereinigung angerufen – keiner hätte ihm die Frage zuverlässig beantworten können, ob er sich in der Hansestadt impfen lassen dürfte. Stattdessen sei ihm empfohlen worden, es einfach auszuprobieren.

Grundsätzlich gilt bei der Impfberechtigung das Wohnortprinzip. Das heißt, dass sich nur Personen in Hamburg impfen lassen können, die mit erstem Wohnort dort gemeldet sind. Allerdings gibt es Ausnahmen, zum Beispiel wenn die Personen in der Hansestadt arbeiten. Diese brauchen dann eine Bestätigung des Arbeitgebers. Für zusätzliche Verwirrung sorgt, dass sich Hamburger im Impfzentrum Norderstedt uneingeschränkt anmelden können, umgekehrt aber nicht.

Bis einschließlich 2. Mai sind in Schleswig-Holstein derzeit Termine für Erstimpfungen vereinbart, die 28 Impfzentren, darunter drei im Kreis Segeberg, sind ausgebucht. Wie es ab der übernächsten Woche weitergeht, steht noch nicht fest. Auf Abendblatt-Nachfrage heißt es aus dem Kieler Gesundheitsministerium lediglich, dass man „voraussichtlich Ende April“ informieren werde, wann wieder Termine über das Onlineportal impfen-sh.de verfügbar sein werden. Dies sei abhängig von den – momentan noch ausstehenden – Lieferankündigungen des Bundes.

Neue Lockerungen

Voraussichtlich am heutigen Donnerstag wird der Kreis Segeberg die erwarteten, gelockerten Corona-Regeln bekanntgeben. Während im Einzelhandel mindestens Click & Meet möglich sein soll, würden bei Schulen und Kitas vergleichbare Regeln gelten wie in den anderen Regionen im Land (ausgenommen Inzidenzen über 100). Auch für die Gastronomie deutet sich an, dass Außenbereiche schon bald geöffnet sein könnten.

Anlass ist eine stabile Inzidenz unter 100. Am Mittwochmorgen stand der Kreis bei einem Wert von 69,6. Später wurden 35 weitere Infektionen gemeldet. Derzeit sind 696 Personen infiziert, in Quarantäne befinden sich 1597 Menschen. In einem Krankenhaus werden 30 Segebergerinnen und Segeberger versorgt, elf Covid-19-Erkrankte liegen auf einer Intensivstation. Es hat zudem einen weiteren Todesfall, eine Frau (74), gegeben.

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