Gesundheitsprävention

Aktiv gesund bleiben statt passiv krank werden

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Andreas Burgmayer und Burkhard Fuchs
Heute Standard beim Sport: Tracker messen Körperwerte in Echtzeit. DasProjekt „Smart Health“ will diese Daten für die Prävention nutzen.

Heute Standard beim Sport: Tracker messen Körperwerte in Echtzeit. DasProjekt „Smart Health“ will diese Daten für die Prävention nutzen.

Foto: fotolia / EWS Group

Das Projekt „Smart Health“ will mit Bürgerinnen und Bürgern aus Norderstedt die Möglichkeiten der digitalen Prä-Diagnostik ausloten.

Norderstedt. Man kennt das ja vom Raumschiff Enterprise oder aus so ziemlich jedem gängigen Science-Fiction-Format. Wenn jemand krank ist, hält der Arzt irgendeinen fiependen Metallstab oder ähnliches vor den Patienten – nur den Bruchteil einer Sekunde später sind sämtliche Gesundheits- oder Krankheitsdaten ermittelt, und die Diagnose für gestern, heute und – vor allem – morgen ist klar.

Science-Reality statt Science-Fiction

Doch das ist eben zunehmend keine Science-Fiction mehr, sondern Science-Reality. Die Medizin des 21. Jahrhunderts digitalisiert sich zunehmend und entdeckt die Möglichkeiten von Big Data. Die Menschen nutzen längst Fitness-Tracker und Smart-Health-Apps auf ihren Mobiltelefonen und checken ihre Körperwerte in Echtzeit, tags und sogar nachts, 24/7.

Die Herausforderung ist, das Potenzial der vielen Daten für die professionelle Gesundheitsprävention auszuschöpfen, unter Wahrung des Datenschutzes und mit dem bestmöglichen Ergebnis für den Einzelnen. Dieses Ziel verfolgt das Projekt „Smart Health“, das vom schleswig-holsteinischen Gesundheitsministerium mit 270.000 Euro aus dem 10 Millionen Euro schweren Digitalisierungsfonds der Landesregierung finanziert wird.

Digitalisierungsprojekt an der Basis

„Smart Health“, die clevere Gesundheit, ist ein Digitalisierungsprojekt an der Basis. Dort, wo das Leben spielt. Der Versuch, herauszufinden, inwiefern Bürgerinnen und Bürger bereit sind, sich mit ihren Gesundheitsdaten in ein digitalvernetztes Präventionsprogramm einzubringen. Es geht um das Gesundbleiben und das Verhindern des Krankwerdens. Die Städte Norderstedt und Bad Schwartau spielen darin die Hauptrolle, ebenso die Landfrauen-Vereinigung.

Was auf den ersten Blick willkürlich wirkt, macht auf den zweiten Blick Sinn. „Wir haben Norderstedt aufgrund seiner deutschlandweit einzigartigen digitalen Ausstattung gewählt, mit dem Glasfasernetz und den innovativen Stadtwerken“, sagt Dieter Witasik, Projektmanager von „Smart Health“. Bad Schwartau habe hingegen eine jahrzehntelange Erfahrung mit Angeboten in der Gesundheitsprävention. „Und die Landfrauen sind dabei, weil Schleswig-Holstein ländlich geprägt ist und die Möglichkeiten der Tele-Medizin eine Lösung für den flächendeckenden Ärztemangel im strukturschwachen Raum sind.“

Verknüpfung und Nutzung von Daten

„Gerade in Pandemiezeiten erfahren wir, wie wichtig die Verknüpfung und Nutzung von Daten für eine optimale Gesundheitsversorgung ist“, sagt Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP). „Smart Health“ soll eine Digitalstrategie für die Kommunen entwickeln und smarte Lösungen mit etablierten Partnern vor Ort umsetzen. Dabei stehen nutzerorientierte, niedrigschwellige Angebote zur Prävention und Gesundheitsförderung im Mittelpunkt.

„Ich freue mich, dass Bürgerinnen und Bürger ihre Wünsche und Ansprüche mit in das Projekt einbringen können. So können praxisorientierte Anwendungen geschaffen werden, um die Lebensqualität der Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner zu sichern“, sagt Garg.

Es gehe darum, eine digitalisierte esundheitsvorsorge zu schaffen, sagt Theo Weirich von den Stadtwerken Norderstedt und Chef des Mobilfunkanbieters wilhelm.tel. „Der Patient muss nicht mehr zum Arzt gehen. Sondern der Arzt meldet sich beim Patienten, wenn dessen medizinische Werte nicht mehr stimmen oder überprüft werden sollten.“ Weirich fragt sich, wieso man die Gesundheitsdaten der Menschen nicht ebenso auswerten sollte, wie das in modernen Autos heute normal ist. „Da meldet sich ja auch der Bordcomputer im Fahrzeug. Oder ein Service-Mitarbeiter ruft an, wenn der nächste Inspektionstermin fällig ist.“

Für diese Art der elektronischen Prä-Diagnostik aus der Ferne sollen in dem Projekt das gesamte Spektrum der medizinischen Möglichkeiten abgeklopft und die verschiedenen Einsatzgebiete untersucht werden. „Das betrifft nicht nur die Diagnostik, sondern auch Geriatrie, Palliativmedizin und Krankenpflege.“ In den Praxis-Workshops im Mai mit den Partnern solle nun untersucht werden, wie die Ausstattung sein müsse, welche Geräte man brauche, wie die Kommunikation laufen soll.

Norderstedter sollen Wünsche und Fragen einbringen

Dabei sollen auch die Norderstedterinnen und Norderstedter eingebunden werden. „Wir planen danach einen Aufruf an die Bürger, sich mit ihren Wünschen und Fragen einzubringen – denn wir wollen ja gerade herausfinden, welche Bedürfnisse bei den Menschen bestehen“, sagt Dieter Witasik.

„Gesundheitsförderung und Gesundheitsgerechtigkeit für alle gesellschaftlichen Gruppen ist eines unserer Ziele in der digitalen Agenda der Stadt“, betont Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder (SPD). Dabei wolle die Stadt alle Chancen digitaler Anwendungen nutzen, bis hin zur Einbindung des Smartphones. „So erreichen wir viele Menschen. Grundvoraussetzung ist die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger. Ich kann alle beruhigen: Wir haben höchste Standards beim Datenschutz.“

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