Kreis Segeberg

Norderstedt ist bereit für die Energiewende

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Burkhard Fuchs
Rapsfelder und Windraeder in Schleswig Holstein; Energie; Umwelt; öko; Windenergie; Raps;

Rapsfelder und Windraeder in Schleswig Holstein; Energie; Umwelt; öko; Windenergie; Raps;

Foto: Andreas Laible / A.Laible

1000 Haushalte in der Stadt machten mit bei Stadtwerke-Studie und nutzten Windstrom, wenn er zur Verfügung stand.

Norderstedt.  „Wir haben bewiesen, dass es geht“, sagt Norderstedts Werkleiter Theo Weirich. Die Energiewende scheitert nicht am Endverbraucher. Der ist bereit, Windstrom etwa dann zu nutzen, wenn er in Masse vorhanden ist. Windstrom müsste derzeit nicht ungenutzt verpuffen. Das passiert, weil überlastete Netze abgeschaltet werden müssen und die Netzkapazitäten zu klein sind, um den Strom dem Kunden in die Steckdose zu liefern. „Die Bereitschaft in der Bevölkerung für den flexiblen Energieverbrauch ist da“, sagt Weirich. Voraussetzung: Der Stromtarif muss günstig sein und die Technik zur Umsetzung stimmen.

Diese kurze Formel ist das Ergebnis eines auf zwei Jahre angelegten Modellversuchs der Stadtwerke Norderstedt, an dem sich 1000 Norderstedter Haushalte beteiligt haben. In dieser bundesweit ersten Studie wurde das konkrete Verhalten privater Energie-Endverbraucher über zwei Jahre festgehalten und wissenschaftlich untersucht.

Zwei Millionen Euro haben die Stadtwerke in das Projekt investiert. Ziel dieses Modellversuchs war es herauszufinden, ob es sinnvoll ist, den Verbrauchern vorzuschreiben, wann sie am besten Strom verbrauchen sollten, erläutert Projektleiter Thorsten Meyer die Ausgangsfragestellung des „Norderstedter-Energie-Wende (NEW)-Projektes 4.0“. Dazu erhielt jeder Teilnehmer vier Steckdosen, die er an beliebige Haushaltsgeräte anschließen sollte. Dies konnten Energiefresser wie Kühlschränke, Waschmaschinen, Geschirrspüler Trockner oder sogar das Elektrofahrzeug sein, das wieder aufgeladen werden sollte. Aber auch für Handy, Fön, Staubsauger oder Fernseher waren die Steckdosen geeignet. Diese waren während des gesamten Untersuchungszeitraumes nur zu unterschiedlichen Zeiten „scharf“ und lieferten dann den sehr vergünstigten Strom, der nur fünf bis 15 Cent je Kilowattstunde kostete statt der normalerweise üblichen etwa 30 Cent.

Mit dem „Texas-Tarif“ wird am Wochenende gewaschen

Ein Steuerungsgerät, das mit dem Wlan-Netz im Haus verbunden war, schaltete die Steckdosen jeweils an und aus, was dem Kunden durch grüne und rote Lämpchen an den Steckdosen signalisiert wurde. Dies variierte in verschiedenen Intervallen, die sich stündlich oder tageweise ändern konnten. Auch der sogenannte Texas-Tarif sei dabei angewandt worden, sagt Projektleiter Meyer. Damit umschreiben die Stadtwerke einen speziellen, vergünstigten Wochenendtarif. Im besagten US-Bundesstaat sei der Strom in der Woche sehr teuer und am Wochenende günstiger, sodass auf diese Weise dafür gesorgt werde, den Stromverbrauch in Richtung Wochenende zu lenken, sagt Projektleiter Meyer. Auch in Norderstedt habe dieser „Texas-Tarif“ gewirkt.

Bis zu 20 Prozent ihres Stromverbrauchs haben die 1000 Norderstedter Haushalte auf das Wochenende verlegt oder in die übrigen Zeiträume, in denen die Steckdose grün leuchteten und den günstigen Strom lieferten. Umgerechnet 140 Kilowattstunden im Jahr konnten je Haushalt so aufgeschoben oder eingespart werden, lautet das Ergebnis dieser Mammut-Studie. Etwa 50 Euro je Haushalt ließen sich auf diese Weise im Jahr einsparen.

Was sich für den Einzelfall nicht besonders viel anhört, habe aber in der Masse eine ganz erhebliche Bedeutung, wie Projektleiter Meyer erläutert. Das Energiesparpotenzial entfalte sich besonders im Bereich der sogenannten weißen Ware. So verbrauche ein Durchschnittshaushalt in Deutschland 450 Kilowattstunden (kwh) im Jahr für Wäsche waschen, trocknen und Geschirr spülen. Wenn davon 140 kwh auf grünen Strom umgelenkt werden würden – wie es der Norderstedter Versuch gezeigt hat -, könnten in Norderstedt 2,5 Megawatt, im Kreis Segeberg acht Megawatt, in Schleswig-Holstein 60 Megawatt und in ganz Deutschland 1500 Megawatt Strom aus herkömmlichen Kraftwerken eingespart werden. Die Norderstedter würden so allein eine Windenergieanlage ständig am Laufen halten, alle Deutschen zusammen gleich zwei Offshore-Windparks in der Nordsee.

Das Aufladen von immer mehr Elektroautos will geplant sein

Dass dies keine abstrakte Zukunftsvision mehr sein muss, zeigte zum Beispiel das Sturmtief „Sabine“ im Februar vorigen Jahres. Das sorgte für so viel Windstrom, dass kurzfristig an der Leipziger Strombörse der Strom nicht nur kostenlos gewesen, sondern die Abnahme auch noch mit ein paar Cent honoriert worden sei, sagt Meyer. Künftig werde es also darauf ankommen, die Technik und die Smarthome-Steuerung so auszubauen, dass der Verbraucher wirklich dann verstärkt Strom verbraucht, wenn dieser aus erneuerbaren Energiequellen stammt. Die Bereitschaft der Bürger sei jedenfalls dafür da, sich bis zu einem bestimmten Anteil danach zu richten.

Aber auch für die Stadtwerke selbst erbrachte diese großangelegte Studie wichtige Erkenntnisse. So würde es das Norderstedter Stromnetz völlig überlasten, wenn, wie geplant, bis 2030 neun Millionen Elektrofahrzeuge in Deutschland beziehungsweise 9000 in Norderstedt gleichzeitig ans Netz angeschlossen werden würden. Das funktioniere nicht und würde unweigerlich zum Blackout führen, warnt Meyer.

Aber mit einer Smartphone-App ließe sich dieses Problem lösen, indem die Stadtwerke beziehungsweise der Energieversorger vor Ort dieses tägliche Aufladen der E-Mobile für sich steuern könnte. Der Verbraucher müsste dafür angeben, wie viele Kilometer er täglich mit dem Strommobil zurücklegen muss und wann er das Fahrzeug aufgeladen braucht.

„Wir würden dann sicherstellen, dass er morgens um 7 Uhr wie gewünscht losfahren kann und der Akku zumindest zur Hälfte aufgeladen wäre“, sagt Meyer. Das sei die Zukunft einer gläsernen Energiewirtschaft. Wann genau und wie viele Stunden das Fahrzeug in der Nacht aufgeladen werden würde, sei dann allein Sache der Stadtwerke, die dies für alle E-Mobile in der Stadt so steuerten, dass ihr Netz diese hohen Verbrauchsschübe auffangen könnte.

Eine abschließende Befragung eines Teils der Norderstedter NEW-Teilnehmer aus 600 Haushalten bestätigte noch einmal die große Bereitschaft der Menschen, ihr Verhalten an der Energiewende auszurichten. Projektleiter Meyer spricht in seinem Fazit von der positiven Stimmung der Norderstedter bei der Energiewende. Vor allem dann, wenn sie dies selber gut planen könnten, etwa wenn der Strom nachts oder am Wochenende grün und günstig wäre.

Den Abschlussbericht der NEW-Studie 4.0 findet man unter www.stadtwerke-norderstedt.de

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