Norderstedt

So wenige Unfälle wie seit 15 Jahren nicht mehr

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Burkhard Fuchs
Polizeioberkommissar Kai Hädicke-Schories mit seinen bunten Nadeln und Fähnchen, die auf der Karte für unterschiedliche Unfalltypen, Schweregrade und Ursachen stehen.

Polizeioberkommissar Kai Hädicke-Schories mit seinen bunten Nadeln und Fähnchen, die auf der Karte für unterschiedliche Unfalltypen, Schweregrade und Ursachen stehen.

Foto: Burkhard Fuchs

Corona-Effekt sorgt für Entspannung im Verkehr – doch die vielen Fahrradunfälle machen der Polizei Sorgen

Norderstedt.  Die Verkehrslage auf den Norderstedter Straßen ist weitgehend sicher. „Mit insgesamt 1408 Verkehrsunfällen im vorigen Jahr ist nach Jahren steigender Unfallzahlen wieder ein Tiefstand erreicht worden“, sagt Kai Hädicke-Schories, der seit etwa 20 Jahren bei der Polizei in Norderstedt für die Verkehrsüberwachung zuständig ist.

Wohl auch durch die Effekte der Corona-Pandemie sei die Zahl der Unfälle um 298 oder 17,5 Prozent im Vergleich zu 2019 zurückgegangen, sagt der Polizeioberkommissar. Damit sank der Wert auf ein Niveau, das in Norderstedt zuletzt 2006 erreicht wurde. Vor 15 Jahren krachte es 1383-mal auf Norderstedts Straßen. Doch damals verfügte jeder Haushalt in Norderstedt rein rechnerisch über jeweils 1,5 Fahrzeuge. Heute sind es beinahe schon zwei Autos je Haushalt.

Mit fast 60.000 angemeldeten Fahrzeugen, was 672 Fahrzeugen ohne Anhänger je 1000 Bewohner entspricht, ist Norderstedt eine der Städte mit der höchsten Auto-Dichte in Deutschland. „Hier hat fast jeder ein Auto“, sagt Hädicke-Schories. Bundesweit liegt dieser Wert bei 569, in Schleswig-Holstein bei 576 Fahrzeugen je 1000 Einwohner.

Schwere der Unfälle relativiere die Situation

Trotz abnehmender Unfallzahlen, könne in Norderstedt nicht von einer völlig entspannten Lage die Rede sein. Die Schwere der Unfälle relativiere die Situation, sagt der Norderstedter Verkehrspolizeichef. Wobei es nicht so viele Todesopfer gab wie in vergangenen Jahren. 2020 sei nur ein Norderstedter Bürger im Straßenverkehr ums Leben gekommen. Es passierte am 29. August 2020 um 17.15 Uhr auf der Ohechaussee. Ein 86 Jahre alter Mann befuhr mit einem Pedelec den Radweg und geriet in Höhe der Hausnummer 61 plötzlich vom Radweg links auf die Fahrbahn. Dabei wurde er von einem 49 Jahre alten Ford Fiesta-Fahrer erwischt und stürzte so unglücklich auf die Straße, dass er tödlich verletzt wurde. Den Autofahrer, der nachweislich mit Tempo 50 gefahren sei, träfe keine Schuld, sagt Hädicke-Schories.

Die Radfahrer stellten nach wie vor ein großes Problem im Norderstedter Stadtverkehr dar, so Hädicke-Schories. „An jedem vierten Unfall – außer bei reinen Blechschäden – ist ein Radfahrer beteiligt“, sagt der Verkehrspolizeiexperte. „Und das hat sich leider in den 20 Jahren und gut 30.000 Unfällen kaum verändert.“ So ist die Zahl der polizeilich aufgenommen Fahrradunfälle im Vergleich zum Vorjahr zwar von 112 auf 102 Verkehrsunfälle zurückgegangen. Doch der Anteil der Radfahrer an jenen 407 Unfällen 2020, bei denen Personen verletzt wurden, oder bei denen ein Regelverstoß, eine Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat vorlagen, stieg von 23 auf 25 Prozent – und das obwohl es von diesen schweren Unfällen im Vergleichsjahr 2019 noch 68 mehr gab.

Wie jedes Jahr passieren die meisten Unfälle, weil Radfahrer auf der falschen, also der linken Straßenseite fahren, sagt Hädicke-Schories. Der an einer Kreuzung abbiegende Autofahrer übersehe sie, weil er aus Gewohnheit meist nur in die andere Richtung schaue. „Das verdreifacht die Unfallgefahr.“ Radfahrer, die das Rechtsfahrgebot missachten, tragen eine Mitschuld am Unfall – und sie riskierten damit, unter Umständen erheblich verletzt zu werden. Jeder dritte Verletzte im Norderstedter Straßenverkehr war 2020 ein Radfahrer.

Analyse der Unfallschwerpunkte in Norderstedt

Einen erheblichen Anstieg der Fallzahlen verzeichnet die Polizei bei Unfällen mit Fußgängern und Motorradfahrern. 20 Motorradfahrer verunglückten, fast doppelt so viele wie 2019. Der Anteil der bei Unfällen beteiligten Fußgänger stieg von 25 Prozent auf 30 an. Die Unfallursachen bleiben fast immer dieselben: Jeder vierte Unfall wird durch unvorsichtiges Abbiegen verursacht, jeder fünfte durch Vorfahrtsmissachtung. Erst danach folgen zu dichter Abstand (9 Prozent), zu hohe Geschwindigkeit (6) sowie Alkohol oder Drogen am Steuer (6 Prozent).

Besonders viel Akribie setzt Hädicke-Schories seit Jahren in die Analyse der Unfallschwerpunkte in Norderstedt. Dabei konnten etliche Problem-Kreuzungen durch Ampeln, Kreisverkehre oder Blitzanlagen entschärft werden. Gleichwohl ist die wohl mit vier Blitzanlagen am besten gesicherte Kreuzung der Poppenbütteler Straße mit der Schleswig-Holstein-Straße nach wie vor mit 25 Unfällen 2020, davon acht der schwerwiegenden Kategorie, immer noch Spitzenreiter.

Auch am Ochsenzoll-Kreisel schepperte es siebenmal gefährlich, vor allem weil die Autofahrer aus Richtung Segeberg das Tempo der aus der Langenhorner Chaussee kommenden Fahrzeuge unterschätzten. Zudem ist dies mit täglich 53.000 Fahrzeugen die meistbefahrene Kreuzung in der ganzen Stadt.

Weitere Unfall-Schwerpunkte entwickelten sich an der Kreuzung Poppenbütteler Straße und Tangstedter Landstraße (sechs Unfälle) Segeberger Chaussee und Hummelsbütteler Steindamm (jeweils sechs), die Einmündung Exerzierplatz in die Schleswig-Holstein-Straße sowie die Ulzburger Straße, Ecke Harckesheyde und Ulzburger Straße, Ecke Breslauer Straße (jeweils fünf).

Auch am Hummelsbütteler Steindamm, Ecke Glashütter Kirchenweg (6) und Poppenbütteler Straße, Ecke Glashütter Damm (5) hat es häufiger gekracht als in den Vorjahren. Baustellen und Umleitungen seien hier ursächlich. Sehr gut entwickelt hätten sich die roten Fahrradstreifen an der Kreuzung Langenharmer Weg und Ulzburger Straße, freut sich Hädicke-Schories: „Dort gibt es so gut wie keine Unfälle mehr! Das hat funktioniert.“

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