Boostedt/Kiel

Urteil: Messerstecher muss nicht in Haft

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Thomas Geyer
Blick auf einen Briefkasten am Gebäude des Landgerichtes Kiel (Symbolbild).

Blick auf einen Briefkasten am Gebäude des Landgerichtes Kiel (Symbolbild).

Foto: Carsten Rehder / dpa

Der Ex-Soldat der NVA hatte in Boostedt im Streit seinen Nachbarn niedergestochen und schwer verletzt.

Boorstedt/Kiel.  Für seine Messerattacke auf einen Nachbarn (69) in Boostedt muss ein ehemaliger Berufssoldat (66) nun doch nicht hinter Gitter: Das Kieler Landgericht milderte das Urteil des Amtsgerichts Neumünster. In erster Instanz war der Oberstleutnant a. D. der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und drei Monaten „Haft pur“ verurteilt worden.

„Der Schuldspruch des Amtsgerichts war zutreffend“, stellte der Vorsitzende der Berufungskammer, Gunther Döhring, bei der Urteilsverkündung fest. Doch bei der Strafzumessung habe es nicht die schwerwiegenden Folgen für den Angeklagten einbezogen. Ähnlich wie Beamte verlieren auch Berufssoldaten ab einer Verurteilung zu zwölf Monaten Freiheitsstrafe ihre Pensionsansprüche. Zudem habe das Schöffengericht die Zahlung von 5000 Euro Schmerzensgeld an das Opfer nicht mildernd berücksichtigt, bemängelte Döhring. In der Folge verhängte die Kammer ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung.

Die Ehefrau des damals verletzten Nebenklägers reagierte im Saal mit einem Aufschrei des Entsetzens auf die Strafmilderung und brach in Tränen aus. Zuvor hatte Rechtsanwalt Gerhard Hillebrand die psychischen Belastungen für die Familie seines Mandanten hervorgehoben. Staatsanwältin und Nebenklage forderten übereinstimmend die Verwerfung der Berufung. Verteidiger Sascha Böttner hatte dagegen auf Freispruch plädiert: Der Angeklagte habe in jener Aprilnacht 2019 eine notwehrähnliche Situation erlebt.

Es war eine blutige Eskalation jahrelanger Spannungen zwischen Hausbesitzern in Boostedt. Hintergrund der Spannungen zwischen den ungleichen Nachbarn war ihr Konkurrenzverhältnis zu einer begüterten Witwe: Beide kümmerten sich mit ihren Ehefrauen jahrelang um die alte Dame. Doch dann zog sich der Angeklagte abrupt zurück, als er erfuhr, dass die 90-Jährige bei ihrer Vermögensverwaltung und Patientenverfügung dem Rivalen mehr Vertrauen entgegenbrachte. Die Witwe reagierte prompt, strich den Angeklagten drei Wochen später radikal aus ihrem Testament. So verloren der Ex-Soldat und seine Frau 50.000 Euro und das Vorkaufsrecht für das Haus der alten Dame.

Zur Auseinandersetzung der beiden Männer kam es schließlich vor dem Haus des Opfers im April 2019, gegen 22 Uhr. Der Angeklagte führte laut eigenen Angaben seinen Hund aus, als der Nachbar am Steuer seines VW Tiguan plötzlich „sehr schnell rückwärts auf mich zufuhr“. Dabei sei er angefahren und am Knie verletzt worden. Auch sein Hund sei umgefahren worden.

„Er hat gestochen, er hat gestochen!“

Zeugen des Vorfalls widersprachen dem Angeklagten im ersten Prozess. Die Ehefrau (67) des Opfers saß damals auf dem Beifahrersitz des Tiguan. Von einem An- oder Umfahren des Angeklagten und seines Hundes könne keine Rede sein. Sie sei mit ihrem Mann von einem Theaterbesuch nach Hause gekommen, als sich der Nachbar in den Weg gestellt und auf das Heck des Tiguan getrommelt habe. Eine 58 Jahre alte Freundin sei mit im Theater gewesen. Sie sah den Angeklagten von hinten auf den Wagen zugehen, der langsam zurücksetzte. Der Fahrer stieg aus und bat um freie Durchfahrt. Mit dem Ausruf „Willst du mich überfahren!“ soll der Angeklagte (65) dann auf seinen Nachbarn losgegangen sein und ihn mit einem Jagdmesser niedergestochen haben. Die Zeugin hörte das Opfer noch rufen: „Er hat gestochen, er hat gestochen!“

„Die Ärzte sagten, ich hätte ein Wahnsinnsglück gehabt“, sagte das Opfer beim Prozess in Neumünster aus. Der Bauchstich mit der elf Zentimeter langen Klinge verfehlte nur knapp die Aorta und innere Organe. Der Mann wurde in einer Klinik in Bad Bramstedt notoperiert. Mittlerweile steht fest, dass der Messerstich in den Bauch trotz des hohen Blutverlustes nicht akut lebensgefährlich war. Der wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagte Ex-Soldat räumte vor Gericht den Messerstich ein und bat um Entschuldigung dafür. Er schrieb die Tat dem Affekt und seiner Alkoholisierung zu. Seine stets griffbereit in einer Gürteltasche mitgeführte Waffe will der ehemalige DDR-Offizier aber nur zur Selbstverteidigung gezückt haben. Dass er damit umgehen kann, machte er im ersten Prozess unmissverständlich klar: „Ich wurde ausgebildet, um im Notfall einen Menschen zu töten“, sagt er aus.

Das Gericht ging davon aus, das spätere Opfer habe den Angeklagten mit der hinteren Stoßstange oder der Anhängerkupplung touchiert. Ein Vorsatz mit dem „Auto als Waffe“ sei aber nicht im Spiel gewesen. Der Einsatz des Messers sei keinesfalls gerechtfertigt gewesen.

Als Auflage für die dreijährige Bewährungszeit muss der Angeklagte weitere 5000 Euro Schmerzensgeld in Monatsraten à 400 Euro an das Opfer zahlen. „Sie sind Nachbarn und werden noch lange miteinander leben müssen“, ermahnte der Vorsitzende die Kontrahenten zur friedlichen Koexistenz. Man erwarte, dass der Ex-Soldat „mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wieder straffällig wird“. Der 66-Jährige sei nicht vorbelastet und auch nach der Tat nicht mehr aufgefallen. Der Angeklagte kündigte unmittelbar nach der Urteilsbegründung Revision an.

In dem dreitägigen Prozess behauptete der Ex-Soldat, er habe kein Interesse am Haus der verstorbenen Dame gehabt. Der Angeklagte will nicht einmal gewusst haben, was die Witwe ihm ursprünglich zugedacht hatte. Er beteuerte immer wieder, sich aus purer Hilfsbereitschaft selbstlos um Haus und Garten der Erblasserin gekümmert zu haben.

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