Serie: 2021 Unser Jahr

Mattia vergisst hinterm Steuer die Coronakrise

| Lesedauer: 12 Minuten
Sie tauscht den Handball gegen Autoschlüssel: Wochenlang hat Mattia Heupel (17) auf ihre erste Fahrstunde gewartet. Jetzt hat es endlich geklappt.

Sie tauscht den Handball gegen Autoschlüssel: Wochenlang hat Mattia Heupel (17) auf ihre erste Fahrstunde gewartet. Jetzt hat es endlich geklappt.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

17-Jährige kurvt zum ersten Mal mit Fahrlehrer durch Norderstedt – während Mutter Eva Heupel denTag X herbeisehnt.

Tangstedt.  Und plötzlich, für einen kleinen Moment, ist Corona ganz weit weg. Als Mattia Heupel (17) an der Segeberger Chaussee vor der Fahrschule steht und von ihrem Lehrer den Autoschlüssel in die Hand gedrückt bekommt, vergisst sie für einen Moment alles. Fast drei Monate lang hat sie auf den Moment gewartet. In den letzten Wochen hat sie immer wieder gehofft, dass der Fahrschulbetrieb wieder aufgenommen wird – und ist immer wieder enttäuscht worden, weil wegen Corona kein Unterricht stattfinden durfte. Bis jetzt, bis heute.

Als sie in den Ford Kuga steigt und die Spiegel im Auto einstellt, fällt ihr Blick kurz auf ihre Hände. Sie trägt Handschuhe – und eine Maske. Corona hat sie wieder eingeholt. Selbst im Fahrschulauto, bei ihrer ersten Unterrichtsstunde. 90 Minuten dauert die Einheit. Von der Segeberger Chaussee geht es über die Poppenbüttler Straße Richtung Stadtpark. Sie kennt die Strecke, ist oft mit ihren Eltern oder Freunden hier entlanggefahren. Doch noch nie hat sie auf dem Fahrersitz gesessen, noch nie das Auto gelenkt. Noch nie die Verantwortung gehabt.

„Plötzlich ist mir bewusst geworden, dass ich im Straßenverkehr bin und andere in Gefahr bringen kann, wenn ich was falsch mache“, sagt Mattia Heupel. Für sie hat das nichts mit Angst zu tun, sondern mit Verantwortungsbewusstsein.

Führerschein-Theorie – endlich mal wieder Leute treffen!

Im November ist sie 17 geworden. Sie kennt Leute, die in dem Alter schon den Führerschein hatten. Den BF 17, wie er heißt. Den für begleitetes Fahren. Schon vor einem Jahr hätte sie mit der Fahrschule beginnen können – theoretisch. Doch zuerst kam Corona und der erste Lockdown, dann der Übergang in die zwölfte Klasse. Irgendwie hat es in dieser Zeit einfach nicht gepasst. Daher hat sie sich erst Ende des Jahres bei einer Fahrschule in Norderstedt angemeldet. Elf Monate vor ihrem 18. Geburtstag. Eine ewig lange Zeit, wie es schien. „Doch dann kam der Shutdown und plötzlich gab es weder Fahrstunden und noch nicht mal Theorieunterricht“, sagt Mattia.

Vor zwei Wochen hat die Theorie endlich begonnen. Ein Crash-Kursus, sieben Tage lang, jeden Abend von 18.30 bis kurz vor 21 Uhr. Nicht online, sondern live. Vor Ort, mit anderen Schülern gemeinsam. Auf Abstand natürlich. Aber trotzdem. „Wenn man seit fast zwölf Wochen Homeschooling macht und kaum noch Freunde sieht, freut man sich über jede Möglichkeit, rauszukommen und andere Menschen zu treffen“, sagt Mattia. Selbst das Lernen habe sie nicht genervt – im Gegenteil. „Es war einfach super, einen Ausgleich zur Schule zu haben“, sagt die Gymnasiastin.

Sie ist in der 12. Klasse des Lise-Meitner-Gymnasiums, in einem Jahr macht sie Abi. Zum Glück nicht jetzt. Jetzt in der Corona-Zeit, in der sie seit 14 Wochen nicht mehr in der Schule war. In der sie sich vieles selbst erarbeiten muss, Videokonferenzen statt Präsenzunterricht hat. Und in der Schule immer weniger Spaß macht. „Schule bedeutet für mich mehr, als Dinge zu lernen. Es bedeutet Kontakt zu anderen zu haben, gemeinsam über Themen zu diskutieren und sich auszutauschen“, so Mattia.

Mattia hofft, nach den Sommerferien ihren Führerschein zu haben

Doch das fehle jetzt alles. Mehr, als sie sich das jemals habe vorstellen können. Vorstellen wollen. „Es ist gut, dass wir nicht wussten, was auf uns zukommt.“ Sie will sich nicht ständig davon runterziehen lassen, nicht ständig daran denken. Nicht frustriert sein, sondern sich freuen. Auf die Fahrstunden zum Beispiel. Allein in der letzten Woche hatte sie zwei. Sie war jedes Mal ziemlich angespannt.

Nächste Woche stehen die nächsten beiden Stunden an, sie will so schnell wie möglich mit den Pflichtfahrstunden durch sein. 25 Stunden hat sie bereits bezahlt, doch in der Fahrschule meinte man, dass in der Regel noch einmal fünf bis zehn dazu kommen. „Vielleicht bin ich dann nach den Sommerferien fertig. Wenn alles gut läuft“, sagt sie und meint: Wenn sie weiterhin jede Woche ein oder zwei Stunden nehmen kann.

Wenn sie die Theorie-Prüfung besteht, die sie so schnell wie möglich machen will. Und wenn der Unterricht nicht wieder ausgesetzt werden muss. Wegen Corona. Manchmal ist Corona ganz weit weg, fast irreal. Wie aus einem bösen Traum. Momente, in denen das Leben ganz normal ist. Wenn sie zusammen Abendbrot essen oder im Garten werkeln. Wenn sie auf dem Sofa sitzen und Filme gucken. Dann scheint alles so zu sein wie früher. Vor Corona. Ohne Corona.

Bruder Paul hat 2020 mit dem Fitness-Training begonnen

Jeder von ihnen hat seine eigene Art, damit umzugehen. Bruder Paul (20) geht am liebsten ins Fitness-Studio. Morgens, vor allen anderen. Meistens fängt er kurz vor sieben mit dem Training an, dreimal in der Woche. Wenn er die Musik anmacht, auf das Laufband steigt und die Bässe von „Burn – Let Your Mind Go“ zu wummern beginnen, fühlt er sich einfach frei. Weit weg von allem. Anfang 2020 hat er mit dem Training begonnen. Er wollte für einen Urlaub mit Freunden in Barcelona in guter Form sein. Diese Tage in Spanien vor noch nicht mal neun Monaten erscheinen ihm wie aus einer fernen Zeit. Heute kaum noch vorstellbar, wie unbeschwert sie im Urlaub waren.

Plötzlich ist die Angst vor Corona ganz konkret

Mit Corona ist das so eine Sache. Manchmal scheint es ganz weit weg zu sein – und dann plötzlich ist es ganz nah und damit auch die Angst. So war es bei den Heupels, an einem Sonnabendmorgen vor zwei Wochen, als Isa (8) plötzlich krank geworden ist. Als sie morgens mit Fieber aufwachte, sich schlapp und schlecht fühlte. Als Kinderkrankenschwester und Mutter von vier Kindern weiß Eva Heupel (44), wie normale Infekte bei Kindern sind. Natürlich weiß sie das – aber in Corona-Zeiten ist vieles eben nicht normal. „Auch wenn wir uns nicht verrückt machen wollen, schwingt in solchen Momenten natürlich ein bisschen Angst mit“, sagt Eva Heupel. Deswegen haben sie gleich am Montagmorgen einen Test machen lassen - und er war negativ.

Sie findet es gut, dass es jetzt die Selbsttests an Schulen gibt. Dass man jedes Mittel nutzt, das im Kampf gegen die Pandemie zur Verfügung steht. „Selbst wenn man damit nur ein paar Fälle heraus filtert, wäre das schon ein Gewinn“, findet Eva Heupel. Es gibt Tage, da ermüdet sie das Thema. Frustriert sie. „Wenn man mir Weihnachten gesagt hätte, dass wir Ostern immer noch am gleichen Punkt stehen…“, sagt sie, bricht dann aber ab. Weil sie selbst nicht weiß, was dann gewesen wäre.

Manchmal wünscht sie sich, dass man ihr einfach sagen würde, wann der Tag X ist. Wann sie wieder ihre Mutter besuchen darf, die sie seit einem halben Jahr nicht gesehen hat. Wann sie eine Freundin wieder umarmen kann und nicht auf Abstand halten muss. Und wann sie wieder Kurse geben darf. Babymassage, Säuglingspflege. Am Wochenende hat sie eine Fortbildung zu dem Thema gemacht – natürlich online. Einige der anderen Teilnehmerinnen wollen künftig selbst Online-Seminare anbieten – sie selbst kann sich das nicht so gut vorstellen. Zu wichtig ist ihr der persönliche Kontakt, das Miteinander. „Keine Videokonferenz der Welt kann das ersetzen“, sagt Eva Heupel und meint: Dass sie einer Mutter mal die Hand auf den Arm legen kann, wenn diese verzweifelt ist. Dass sie den Müttern zeigt, dass sie da ist – allein durch ihre Anwesenheit. Zweimal in den letzten Wochen hat sie beim Gesundheitsamt angerufen und gefragt, wann sie wieder Kurse geben kann. Ohne Erfolg. Das kann ihr niemand sagen. Die einzige Auskunft, die sie bekommen hat: Sie könne draußen Kurse veranstalten. „Bei Gymnastikkursen mag das ja gehen, aber bei Babymassage?!“.

Online-Kurs – für Eva Heupel keine Option

Es ist keine Frage. Vor eineinhalb Jahren hat sie einen Kursusraum in einer Praxis für Physiotherapie angemietet – doch seit fünf Monaten steht der Raum leer. Sie ist froh, dass sie nicht allein von den Kursen leben muss. Dass sie nicht nur die Seminare gibt, sondern auch Mütterpflegerin ist – und dort gerade viel zu tun hat. Online-Kurse geben – das geht kaum mit vier Kindern und einem Mann, die meisten von ihnen permanent zuhause vor den Computern. Beim Homeschooling und im Homeoffice. In Zoom-Meetings und Telefonkonferenzen. Über das ganze Haus verteilt – im Kinderzimmer, dem Wohnzimmer und auf dem Dachboden. Unvorstellbar, dass sie dort auch noch einen mehrstündigen Kurs für Säuglingspflege gibt.

Wann ist der Tag X - sie ist sich nicht sicher, ob sie es wirklich wissen will. Ob es nicht besser ist, in Unsicherheit zu leben – und hoffen zu können. Sie ist so, hofft lieber, als zu resignieren. Macht Mut, statt aufzugeben. Das möchte sie ihren Kinder mitgeben, sich auf das Positive zu konzentrieren – und nicht von negativen Dingen runterziehen lassen. Der Urlaub ist so ein Beispiel dafür. Der Urlaub, den sie am 10. April machen wollten. An die Ostsee, wie seit fünf Jahren schon. Bereits vor Monaten haben sie die Ferienwohnung auf dem Bauernhof gemietet, alles geplant. Doch jetzt steht fest, dass sie nicht fahren können. „Natürlich ist das total schade“, sagt Eva Heupel, schiebt aber sofort ein großes Aber hinterher. „Aber wir machen das Beste draus.“

Sie haben angefangen, den Garten neu zu machen. Der alte Zaun wurde abgerissen, das kaputte Gehölz abgesägt. In den nächsten Wochen wollen sie Holzfliesen auf der Terrasse verlegen und den Rasen neu aussäen. Ein Mammutprojekt. „Aber wir haben ja Zeit – und nichts anderes vor“, sagt Eva Heupel. Sie hat meistens einen Plan B: Wenn es kein Osterfeuer gibt, zünden sie die Feuerschale im Garten an und machen Stockbrot. Wenn es keinen Gottesdienst gibt, hören sie eine Andacht aus dem Internet. Der Glaube ist ein wichtiger Teil in ihrem Leben. Nach den Osterferien beginnt Mara (13) mit dem Konfirmanden-Unterricht. Ein erstes Treffen gab es bereits, an diesem Wochenende sollte es einen großen Vorstellungsgottesdienst in der Kirche geben. Doch er muss verschoben werden. Corona ist ganz nah.

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