Kreis Segeberg

Jan Kahle, ein Rektor mit Berliner Schnauze

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Jan Kahle (50) unterrichtet weiterhin eine sechste Klasse in Deutsch und Musik.

Jan Kahle (50) unterrichtet weiterhin eine sechste Klasse in Deutsch und Musik.

Foto: Christopher Herbst

Seit wenigen Wochen ist er Schulleiter des Alstergymnasiums in Henstedt-Ulzburg, wo er bereits seit 2008 unterrichtet.

Henstedt-Ulzburg.  Das Alstergymnasium ist so gut wie menschenleer, als Jan Kahle den Besuch empfängt. Auch nach Monaten der Pandemie ist der Anblick einer quasi verwaisten Schule, gerade einer der größten in Schleswig-Holstein, surreal. Doch so ist eben auch der Beginn von Kahles Amtszeit. „Hier ist nichts los.“ Seit wenigen Wochen trägt der 50-Jährige als Schulleiter die Verantwortung für rund 1100 Kinder und Jugendliche, dazu ein Kollegium von ungefähr 90 Lehrerinnen und Lehrern. Kahle trat hierbei die Nachfolge von Michael Höpner an, der Ende Januar nach 21 Jahren in Pension gegangen war.

Er bewarb sich erst in der zweiten Runde

Die beiden Pädagogen hatten eng zusammengearbeitet, seitdem Kahle 2008 als Oberstudienrat in die Gemeinde gekommen war, 2014 dann zum Oberstufenleiter aufstieg und ein Jahr darauf Studiendirektor wurde. „Herr Höpner hat immer gesagt: Überlegen Sie mal“, nämlich, ob Kahle sich die Position vorstellen könne. Anfangs war das nicht der Fall, bei der ersten Bewerbungsrunde hielt er sich bewusst zurück, saß dafür im Wahlausschuss – der wiederum zunächst keinen geeigneten Kandidaten fand.

Auf Dauer eine Vakanz, das war natürlich keine Option. Aus der Lehrerschaft wurde Kahle bestärkt, sich zu trauen. „Und mein Mann hat gesagt: Passt schon.“ Es ist sowieso nicht der erste große berufliche Schritt für den gebürtigen Berliner, der von sich sagt: „Ich bin ein Kind der DDR.“ Dort, im Osten der damals durch die Mauer geteilten heutigen Bundeshauptstadt, hatte er einst als Zehntklässler der Polytechnischen Oberschule Prenzlauer Berg bereits Mitschüler unterrichtet. „Ich hatte in der zehnten Klasse einen Aushilfsjob, damals fragte mein Direktor, ob ich aushelfen könnte.“ Vermutlich, weil er im Orchester aktiv war und gezeigt hatte, dass er Verantwortung übernehmen kann. Für das Lehramtsstudium blieb er im Osten, ging an die TU Chemnitz-Zwickau, machte sein Referendariat in Dresden und Pirna.

Kahle lebt mit seinem Ehemann in Lentföhrden

„Die Liebe hat mich nach Schleswig-Holstein verschlagen“, sagt er. Seinen heutigen Ehemann hat er in Berlin kennengelernt, heute lebt das Paar in Lentföhrden. „Ich hatte keine Angst, aus Berlin wegzugehen, auch wenn es meine Heimat ist. Mir ist kein Ort fremd, wenn es mir gut geht. Ich habe dann einen Versetzungsantrag gestellt, konnte bestimmte Regionen angeben. Es war eher Zufall, dass es hier geklappt hat.“ Sein Ersteindruck vom Alstergymnasium? „Groß und unübersichtlich. Und sehr zurückhaltende Schüler. Mit meiner Berliner Schnauze bin ich manchmal ein bisschen angeeckt. Das hat sich aber sehr schnell gelegt.“

Seit diesem Frühjahr ist das Aufgabenfeld noch einmal ein anderes. Zwar wird Kahle, der im Norderstedter Sinfonieorchester Trompete spielt, weiterhin vier Stunden in der Woche seine sechste Klasse in Musik und Deutsch unterrichten. Aber: „Die Aufgaben verlagern sich von den Problemen der Schüler hin zu den Problemen der Lehrer, der Eltern, der Gemeinde. Mein großer Vorteil: Ich weiß, wie der Laden läuft. Ich unterfordere oder überfordere keinen.“

Das Alstergymnasium bereitet sich derzeit auf die Prüfungen für das zweite Abitur während der Pandemie vor. Corona-Fälle hat es in den letzten Monaten nur wenige gegeben, einen Cluster gar nicht. „Wir haben ganz normale Prüfungstermine. Am 30. März sind die Profilklausuren, alle anderen sind nach den Ferien. Im Wesentlichen findet es in der Turnhalle statt, das hat im letzten Jahr super geklappt. Die Schüler können wählen, ob sie am ersten oder am Nachschreibetermin schreiben. Das führt dazu, dass wir den Aufwand mehrmals betreiben, auch der Korrekturaufwand erhöht sich. Ich habe empfohlen, es nicht zu schieben, weil sie dann näher an die mündlichen Prüfungen herankommen.“

Was wohl wieder ausfallen muss, ist eine große Abschiedsfeier im Sommer. Schon 2020 gab es keine Abi-Partys, die Entlassungsfeier war gedämpft, auch die Verabschiedung von Michael Höpner fand in minimalem Rahmen statt. Kahle berichtet von einem Gespräch mit dem Abi-Komitee. „Ich habe denen eine Gartenparty mit den Klassen empfohlen.“ Von größeren Schul-Veranstaltungen im Sommer geht er nicht aus, das müsse ja auch organisiert werden.

Unter den Lehrern gibt es eine hohe Impf-Bereitschaft

Anschließend wird das neue Schuljahr beginnen – das erste unter der Verantwortung von Jan Kahle. Er hofft inständig, dass dies dann nicht mehr durch Corona geprägt sein wird. „Wenn jeder seine Impfung erhalten hat, hoffe ich, dass wir ein bisschen Normalität in der Gesellschaft erreichen. Bei den Lehrern ist die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, hoch. Aber ein wichtiger Punkt ist: Wie gehen wir mit den Schülern um, wenn alle komplett wieder da sind?“

Er möchte nicht, dass Fernunterricht die Norm bleibt, sondern wünscht sich möglichst bald eine Rückkehr zu einer Schulgemeinschaft. „Die Erfahrungen jetzt haben gezeigt, dass Bildung nicht rein digital funktionieren kann. Wir sind soziale Wesen, sind keine Einzelgänger. Digitale Prozesse können analoge unterstützen. Aber wir werden auch in zehn bis 20 Jahren noch den analogen Unterricht brauchen.“

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